Übrigens …

West Side Story im Theater Hagen

Es ist eine alte Geschichte

Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu; und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei“: so beginnt Heinrich Heines Gedicht vom Jüngling, der ein Mädchen liebte. Genauso alt ist sicher die Konstellation, die William Shakespeare mit Romeo und Julia schuf. Hier dürfen sich zwei Menschen nicht lieben, weil ihre Familien verfeindet sind. Oft, sehr oft ist dieser Plot variiert erzählt worden. Und doch bleiben davon nur wenige Versionen so eindringlich im Gedächtnis haften wie Leonard Bernsteins West Side Story. Er verlegt die Liebesgeschichte ins New York der 1950er Jahre. Und es sind zwei Jugendgangs - die alteingessenen Jets, die sich für die wirklichen Amerikaner halten, und die aus puertoricanischen Einwanderern bestehenden Sharks - die Tony und Maria ihre Liebe verunmöglichen. Sie kommen aus je einer der Gangs.

Betrachtet man die heutige politische Landschaft in den USA, liegen Brisanz und Sprengkraft der Handlung von Bernsteins Musical auf der Hand. Im Theater Hagen lässt Regisseurin Yara Hassan alle Aktualisierungen beiseite. Denn auch aus sich heraus ist die West Side Story ein Werben für Toleranz - dafür, Andersdenkende und -lebende zu akzeptieren und kennenzulernen. So erzählt Hassan von Liebe, Hass, Frust und Hoffnung. Das gelingt ihr vor allem mit fantastischen Choreografien, die all’ diese Gefühle perfekt übermitteln. Das Ensemble tanzt sich mit ungeheurer Körperspannung förmlich die Seele auf die Bühne. Das ist großartig anzusehen. Die Regisseurin integriert charmant auch das singende Opernpersonal in den Bewegungsüberschwang, so dass keine Brüche entstehen. Mara Lena Schönborn baut ihr dafür eine Stahlkonstruktion auf die Bühne, die sowohl ein Vorstadtgefängnis wie auch streng behütete Heimat sein kann.

Die Sharks setzen auf lateinamerikanische Rhythmen gegen Standardtanzmelodien der Jets, die mit Rock-and-Roll-Beats durchsetzt sind. Hätte Leonard Bernstein Hip-Hop gekannt, wäre der mit Sicherheit auch aufgegriffen worden. Gerade durch Hassans tanzdominierte Inszenierung wird die suggestive Kraft der Melodien Bernsteins noch einmal deutlich vor Augen geführt: Er spielt auf der ganzen Klaviatur menschlicher Gefühle und scheut auch vor Momenten, die an Kitsch grenzen, nicht zurück. Seine Musik ist das Rückgrat des Stücks, sorgt für zügigen, temporeichen Fortgang der Handlung. Und auch Augenblicke des Innehaltens, des leisen Reflektierens beherrscht Bernstein perfekt. Steffen Müller-Gabriel und das Philharmonische Orchester Hagen setzen denn auch den Grundstock für die überaus erfolgreiche Premiere: Sie gehen der Musik auf den Grund, nehmen sie nicht leicht, sondern fördern auch immer wieder kleine Delikatessen zutage. Müller-Gabriel koordiniert das Geschehen im Graben und das auf der Bühne auf das Feinste und erreicht eine angenehme Ausgewogenheit, die das gesamte Theater durchflutet.

Tänzerisch ist das gesamte Ensemble einfach der Hit. Da gibt es keine Ausnahme - Gefühl und Bewegung bilden eine Einheit. Und auch sängerisch zeigt sich die hohe Qualität der Ausbildung der Musicaldarsteller:innen. Das ist alles ein Fest für Augen und Ohren.

Nike Tiecke ist eine Maria, die weniger unsicher, weniger mädchchenhaft ist. Sie ist eine Frau, die weiß, was sie möchte: Und da ist Tony. Den gibt Anton Kuzenok aus dem Hagener Ensemble. In den ersten Momenten scheint er ein wenig zu fremdeln mit dem ungewohnten Genre, wirkt ein wenig unsicher. Doch bald hat er sich eingefunden, lässt seine Stimme in den Liebesduetten strahlen, strotzt vor Hoffnung und Zuversicht, die er bis zu seinem gewaltsamen Tod nicht verliert. Angela Davis punktet als Anita mit warmem, glutvollen Mezzo, ist hin- und hergerissen zwischen Trauer um den Mord am Geliebten und Mitleid mit dem unglücklichen Liebespaar Maria und Tony.

Das ist ein grandioser Musical-Abend, der das Publikum von den Sitzen reißt. Stehend wird vom ersten Moment an applaudiert. Diese West Side Story ist ein wirklicher Glücksgriff für das Theater Hagen und wird hoffentlich noch oft für ein volles Haus sorgen. Das hätte diese Inszenierung nämlich absolut verdient.