Übrigens …

Il Viaggio a Reims im Detmold, Landestheater

Die Kutsche wartet nicht

Eigentlich wollten sie alle zur Krönung ihres neuen Königs nach Reims reisen und sich dort in gesellschaftlichem Glanz sonnen, Teil des Who is Who des Königreichs sein. Doch sie stecken fest im Hotel „Zur goldenen Lilie“: Aus vielen Gründen geht es von hier einfach nicht weiter. Und so können wir im Hotel einen sich entfaltenden Liebesreigen beobachten. Auch sind Charaktere zu bestaunen vom heimlich und zurückhaltend Anbetenden bis zum extrovertierten Modepüppchen, das zudem den Haufen Geld besitzt, sich die neuesten Kapriolen an Klamotten und Schuhen auch leisten zu können. In Il Viaggio a Reims erschafft Gioachino Rossini einen Kosmos an schrägen Figuren, der es in sich hat. Am Schluss fährt niemand nach Reims, sondern alle gemeinsam nach Paris, wo sie im Palais einer Mitreisenden ein rauschendes Fest feiern, während sie auf den gekrönten Monarchen warten - der in Detmold letztendlich in ihrer Mitte erscheint und sich feiern lässt.

Dem Komponisten bieten Menschen, die angespannt auf etwas warten, eine tolle Vorlage. Denn da entgleiten schon einmal aufgesetzte Masken und man fällt öfter aus der Rolle, die man sich selbst zugedacht hat. Und so hat Rossini hörbar Freude daran, das musikalisch auszukosten und erschafft viele herrliche Ensembles, die die Figuren entlarven und auch schon ein wenig voyeuristisch bloßstellen. Da perlt es, will hinaus und quillt über.

Für Regisseur Dominik Wilgenbus ist diese Musik natürlich eine Steilvorlage. Denn dieser Rossini lässt sich oft perfekt in Szene setzen. Und das gelingt Wilgenbus das eine um das andere Mal. Sandra Münchow baut einen Hotelspeisesaal und dort kredenzt Wilgenbus viele urkomische Musiknummern mit ganz viel herrlichem Blödsinn. Aber auch die wenigen melancholischen Momente lässt der Regisseur nicht außer acht. Der Grundton aber ist heiter bis brüllend komisch. Im Verlauf des Abends wird aber auch immer deutlicher, dass ein Rahmen fehlt, der das Geschehen verbindet und eine Grundaussage trifft. Deshalb bleibt ein Gefühl zurück, das suggeriert, einen Griff zuviel in eine Bonboniere getan ohne einen substanziellen herzhaften Ausgleich zu haben.

Nicht weniger als vierzehn Solopartien weist der Besetzungszettel für Il Viaggio a Reims aus. Das muss ein Theater erstmal stemmen. Denn der Anspruch ist hoch. Neben herausgestellten, solistischen Passagen gilt es vor allem, sich in einen perfekten Ensemblegesang einzufinden ohne herauszustechen. Da ist dem Detmolder Landestheater ein großer Wurf gelungen: Fein abgestimmt sind die Ensembles, die das Fundament dieser Oper bilden, aber auch alle solistischen Stellen gelingen großartig. Deshalb sollte auch niemand herausgestellt werden. Theodore Browne, Hojin Chung, Emily Dorn, Bioh Jang, Euichan Jeong, Andreas Jören, Eric Jongyoung Kim, Lotte Kortenhaus, Jaime Mondaca Galaz, Ricardo Llamas Márquez, Boyoung Lee, Milica Mili?, Marianna Nomikou, Felix Schmidt sind Erfolgsgarant:innen für diese Inszenierung. Sie sind ein meisterhaftes Beispiel für absolut gelungenes Ensembletheater. So etwas zu sehen und zu hören ist mehr als nur erfreulich.

Per-Otto Johansson und das Symphonische Orchester Detmold setzen das Sahnehäubchen auf den Abend. Rossinis Ton-Kaskaden glitzern und funkeln, ziehen das Publikum hinein ins Geschehen auf der Bühne und lassen dem Ensemble zugleich viel Freiheit, die Partien individuell zu gestalten. Gute Reise nach Reims - oder wohin auch immer!