Cinema
Groß und weit ist der Westen der USA des 19. Jahrhunderts. Endlos weite Prairie wartet darauf erobert zu werden - unbegrenzte Landschaft, in der die Sonne glühend rot untergeht. So weit der Mythos. Von der Kehrseite der Medaille erzählt Giacomo Puccinis Oper La fanciulla del West. Sie spielt während des Goldrausches und beschreibt den harten Alltag von Männern, die gekommen sind, ihr Glück zu machen, indem sie in harter Arbeit Gold aus den Gewässern waschen. Die meisen von ihnen werden dort zugrunde gehen, ohne ihre Familien jemals wiederzusehen. Trost und Entspannung finden sie einzig in der Bar „Polka“, die Minnie gehört - dem einzig weiblichen Wesen weit und breit. Sie ist Trösterin, Mutterersatz und unerreichbares Sehnsuchtssymbol einer großen Liebe.
Ralf Käselau baut für Dirk Schmedings Interpretation im Essener Aalto-Theater eine aus rohen Brettern zusammen gezimmerte Goldgräberstadt - ein Provisorium, das für niemanden Heimat sein kann. Das Setting ist also durchaus realistisch, aber Schmeding geht die Geschichte der Frau, die sich unter rauen Männern behauptet, ganz anders an. Es gibt schließlich auch noch eine große Liebesgeschichte: Minnie findet im Straßenräuber Johnson ihre ganz große Liebe. Eine Story also wie gemacht für einen Film. Und ist Puccinis Musik nicht auch gemacht für einen Film: Flächige, deskriptive Gesprächsebenen wechseln sich ab mit ausgebreiteten Sehnsuchtsmomenten. Und dann sind da die exaltierten Ausbrüche großer Gefühle, die bishin zur Übertreibung in einer Spirale vorangetrieben werden. Genau das ist es, was den Stumm- und frühen Tonfilm charakterisiert. Und so trifft Schmeding das Herz der Fanciulla del West, lässt Leinwandknittern über die Bühne rauschen, Charlie Chaplin seinen berühmten gekochten Schuh aus dem Tramp essen und macht allerlei Anspielungen mehr. Der Clou aber gelingt ihm am Ende: Die Goldgräber üben Lynchjustiz an Johnson - ganz filmklassisch duch Erhängen auf einem Pick-Up. Minnie schafft es, den wütenden Mob neben dem Toten zu beruhigen und einer friedlichen Koexistenz Aller den Weg zu ebnen. Dann treten Minnie und der tote Johnson aus der Szene, setzen sich auf zwei Kinosessel und erleben Johnsons Filmtod. Das Leben beginnt für beide neu und auch die Goldgräber können sich neu orientieren - ein Happy-End, das Hoffnung vermittelt, ohne Risiken auszuschließen. Schmedings Konzept geht vollkommen auf und nimmt auch das Publikum mit. Unglücklich ist nur, das Schmeding die Indigenen, die bei Puccini gebrochenes Italienisch singen, in Bärenkostüme steckt. Da nützt alles nichts: Solche Passagen gehören heute schlicht gekürzt und haben auf einer Bühne nichts mehr zu suchen.
Fantastische Arbeit leistet Bernhard Schneider mit dem Männerchor des Aalto-Theaters. Gemeinsam verkörpern sie die harte Arbeit und das karge Leben, der dem Goldrausch Verfallenen, lassen aber auch immer wieder einzelne Schicksale aufblitzen. Das betont der Regisseur durch seine Fähigkeit, Massenszenen so zu arrangieren, dass immer auch Individualität eine Rolle spielt. Deshalb werden auch kleinere Rollen trefflich ins ganze Konzept integriert. Die sind, wie in Essen nicht anders zu erwarten, bestens besetzt.
Massimo Cavaletti gibt den Sheriff Jack Rance, der Recht sehr individuell auslegt. Er ist in Minnie verliebt - oder besser körperlich von ihr angezogen - und versucht ales, eine Nacht mit ihr zu erlangen. Cavaletti legt in seine Stimme loderndes Begehren. Aber auch hinterhältiges Lauern wohnt seinem Bariton inne, dessen Farbreichtum er spielen lässt. Jorge Puerta ist Dick Johnson, der Straßenräuber. Ihm gelingt es Minnies Herz im Sturm zu erobern. Das ist kein Wunder, denn sein Tenor ist einfach betörend. Mit Leichtigkeit erreicht er höchste Höhen, ohne das eine Anstrengung zu spüren ist. Allerdings: das Herzblut, das seine Stimme vergießt, mag man seiner Figurendarstellung nicht abzunehmen. Daran muss er dringend arbeiten. Denn allein eine wunderbare Stimme reicht heute auf einer Opernbühne nicht mehr - gottseidank! Ein Ereignis ist Ilaria Alida Quilico in der Titelpartie. Ihr Sopran kann alles, verfügt über Farbreichtum und nuanciertem Ausdrucksvermögen. Quilico besitzt unendlich differenzierte Ausdrucksmöglichkeiten und trifft je nach Gesprächspartner genau den richtigen Umgangston. In den Liebesszenen öffnet sie sich und verströmt glutvoll ihre Gefühle. Am Ende zeigt sie engelsgleich die Möglichkeit für eine Zukunft im harmonischen Zusammenleben auf. Die Essener Philharmoniker:innen brauchen etwas Zeit, um sich in Puccinis Musik hereinzufinden. Doch dann wird der Abend unter Andrea Sanguineti zu einem wahren Goldrausch.