Übrigens …

A Midsummer Night's Dream im Theater Münster

Musikalische Suche nach dem Sinn des Lebens

Spinnweb heißt ein Elf in Benjamin Brittens Oper A Midsummer Night’s Dream, die er eng anlehnt an William Shakespeares gleichnamige Komödie. Und fein gewoben wie ein Spinnennetz legen beide ihre Werke an, gehen tief an der Grund menschlicher Beziehungen, Träume, Wünsche und Ängste. Britten spinnt seine Partitur absolut delikat und detailliert. Man kann nicht genug hineinhören in seine feinen Klänge. Mit minimalen Mitteln hört er tief hinein in seine Figuren, erfasst Chaos der Gefühle ebenso wie Sicherheit derselben, ergründet gnadenlos auch seelischen Zwiespalt und liegt damit völlig auf einer Linie mit Shakespeare, der in seiner Sprache genau dasselbe tut: Vier Menschen auf der Suche nach sich selbst geraten in einem Wald in den Bann des Elfenköngis Oberon und seiner Königin Tytania und werden durch Zauberei immer wieder versucht, neue Wege zu gehen. Dann gibt es noch eine Nebenhandlung mit derber Komik: Handwerker proben ein Stück zur Hochzeit ihres Herzogs Theseus. Für all’ das erschafft Britten ene Musik, die perfekt die Handlung unterstreicht und - zum staunendem Zuhören gezwungen - das Publikum unweigerlich in ihren Bann zieht. Es herrschen eher die leisen, zart modulierten Tönen vor, diedas Stück begreifbar machen.

Golo Berg und die Musiker und Musikerinnen des Sinfonieorchesters gelingt es in Perfektion, das Zauberische und das sehr Menschliche dieser Musik zu entfalten. Man vermutet, bisweilen auch keltische Harfen zu hören. Brittens Partitur jedenfalls und das menschliche Irren und Wirren in ihr verströmt an diesem Abend ihren unglaublichen Zauber.

Leider gelingt es Regisseurin Cordula Däuper nicht, den musikalischen Zauber auf die Bühne zu übertragen. Sie setzt sehr auf recht oberflächlichenWitz und konterkariert damit die fein dosierten und abgestuften Klänge aus dem Orchestergraben. Däuper ersetzt Sinnsuche durch Bindungsangst. Dafür baut Sophie du Vinange eine Bühne, die den Wald in ein Hochzeitsparadies verwandelt mit einem Trauzimmer mit Warteschlange. Das ist alles etwas mit einer zu groben Nadel genäht und nimmt nicht wirklich mit. Einzig für die Proben der Handwerkertruppe gibt es eine wirklich hübsche Idee: Eine kleine Version der Münsteraner Bühne wird für sie auf die Bühne gestellt. Warum Teile der Truppe als Steinzeitmenschen auftreten, ist allerdings schleierhaft. Däupers Deutung bleibt im Ganzen grob, im Ungefähren stecken. So kommt auch ihre Komik herüber.

Gesungen wird aber ganz ausgezeichnet in Münster: Der Chor der Elfen und der Kinderchor machen ihre Sache ausgezeichnet. Das gilt auch für die Schar der Handwerker, aus der Gregor Dalal als Bottom und Youn-Seong Shim als Bälgeflicker Flute hervorragen. Dominic Barberi ist ein gebieterischer Herzog, der mit Yixuon Zhu eine zickige Gefährtin an seiner Seite hat.

Garrie Davislim ist ein verlässlicher Lysander. Er legt Verwirrung und Unsicherheit ob seiner Gefühle genauso sicher in seine Stimme wie Johan Hyunbong Choi als Demetrius. Elisabeth Freyhoff als Helena ist einfach großartig als Helena: Wer ist der richtige Mann für sie? Sie kann sich trotz des Zaubers nicht wirklich entscheiden und macht das mit ihrem klaren Sopran sehr intensiv klar. Sehr verletzlich strömt Wioletta Hebrowskas Mezzo durchs Theater Münster. Ihre Hermia kennt sehr genau den Mann, für den sie sich entschieden hat und trauert tief, als er sich scheinbar für eine andere entscheidet.

Zwitschernd gibt Marie-Dominique Rykmanns die Elfenkönigin Tytania. Selbstbewusst überwindet sie den Zauberstreich, den ihr Gatte Oberon ihr spielt. Den singt Aleksandar Timotic absolut souverän. Sein gebieterischer Altus lässt in keine Phase Zweifel daran aufkommen, wer hier die Befehlsgewalt hat. Er macht auch im verordneten Bademantel eine gute Figur und erweist sich als Herrscher über das Bühnengeschehen. Das ist absolut imponierend. Das Premierempublikum erlebt einen musikalisch einprägsamen Abend, der sehr lange im Gedächtnis haften bleiben wird.