Übrigens …

We (Wir) im Dortmund, Oper

Menschlichkeit verboten

So stelle ich mir die Zukunft in dreißig, vierzig Jahren vor: Donald Trump, König der Vereinigten Staaten von Amerika ist überraschend mit 100 Jahren gestorben, also schon ein paar Jahre tot. Weltweit ist ein Krieg aller gegen alle entflammt, Elon Musk (oder sein Klon) hat sich zum Präsidenten der Welt ernannt und lebt in seinem Luxus-Resort auf dem Mond, von wo aus er die Fäden zieht. Sein Blick von oben auf den einstmals „blauen Planeten“ weckt Begehrlichkeiten und macht ihm Appetit, sich auch den Rest des Universums einzuverleiben. Was auf der Erde bislang mal Menschen waren, sind jetzt gleichgeschaltete Nummern, die von ihm, dem „Wohltäter“, mit Allmacht gefügig gemacht worden sind.

Eine abstruse Vision? Bei weitem nicht! Denn so ähnlich hat schon Jewgeni Samjatin, der 1884 in Russlang geborenen Schriftsteller, Ingenieur und Revolutionär, sich die Zukunft in düsteren Farben ausgemalt, dokumentiert in seinem 1920 vollendeten dystopischen Roman Wir. Es gibt Hörspielfassungen davon, jetzt auch eine Oper. Und was für eine! Sarah Nemtsov hat aus diesem Stoff (als Auftragswerk der Oper Dortmund) ein Musiktheater für die Bühne gemacht. Ein dichtes, faszinierendes Werk von rund 140 pausenlos gespielten Minuten, die in jedem Augenblick voller Spannung, voller Dramatik, aber auch Poesie stecken.

Poesie, Emotionen, Träume, Gefühle von Leidenschaft – all das ist im totalitären Reich des „Wohltäters“ bei Strafe verboten. Für D-503 gefährlich, denn der bedeutende Ingenieur und Schöpfer des interplanetaren Raumschiffs „Integral“ spürt, dass sich just diese Regungen in ihm bemerkbar machen. Zwar ist ihm mit O-90 von oben ein frauliches Wesen zugeteilt, mit der er im Laufe der Oper auch ein Kind macht, doch es bahnt sich eine „Affäre“ mit I-330 an. Die entpuppt sich als Revolutionärin und offensichtliches Mitglied einer größeren Gruppe von Widerständler:innen, die längst einen Blick über die „grüne Mauer“ haben werfen können. Einen Blick hinter die betongraue „Gesellschaft“ auf eine Landschaft, in der noch ein Rest von Natur existiert - und sogar Menschen, mit Vernunft und Fantasie begabt!

Samjatins Roman, 1924 erstmals auf Englisch in New York erschienen, dient Sarah Nemtsov als Steinbruch, aus dem sie das Material für ihr (englischsprachiges) Libretto bezieht. Das ist kunstvoll angelegt und lässt neben den beiden Hauptfiguren D-503 und I-330 noch zahlreiche weitere auftreten: eben den „Wohltäter“, aber auch zwei Ärzte, einen Poeten, eine „Alte Frau“ und etliche mehr. Sie alle transportieren eine etwas verwickelte Geschichte, in der aufkeimende Anzeichen von Liebe einerseits, revolutionäre „Umtriebe“ andererseits knallhart unterdrückt werden.

Nemtsov schafft eine unglaublich fesselnde, vielschichtige und dramaturgisch klug angelegte Musik, von der sich Regisseurin Eva-Maria Höckmayr ganz offensichtlich überbordend hat inspirieren lassen. Ihre Regiearbeit, die das Stück in keine konkrete Zeit und keine konkrete Welt verortet, ist geradezu genial! Sie lässt das Publikum auf der Opernbühne Platz nehmen (rund 180 Personen fassen die dort aufgebauten Stuhlreihen), der riesige Dortmunder Theatersaal mit Parkett und Rängen wird zum Spielort, wird zum Terrain für den „geeinten Staat“, den der „Wohltäter“ beherrscht. Der sitzt entrückt auf dem obersten Rang des Hauses, unter ihm der Opernchor, noch weiter unten die Parkettreihen, die von der uniform gekleideten und im Gleichschritt aufmarschierenden Masse bevölkert wird. Der Orchestergraben bleibt bei seiner Funktion, aus dem Schnürboden senken sich Gazevorhang und halbdurchlässiger Spiegel herab, in dem sich sowohl das Publikum wiedererkennt, der aber auch den Blick ins Haus freigibt. Eine großartige Konstruktion, die wahnsinnig viel Spielraum im wörtlichen Sinne bietet. Hinzu kommt ein suggestives Lichtdesign, das Atmosphäre schafft.

Und dann die musikalische Umsetzung! Eine höchst komplexe Partitur ist da zu bewältigen. Und so weit man das nach dieser Uraufführung sagen kann, ist das schlichtweg grandios gelungen. In den Hauptrollen Bassist Seth Carico, darstellerisch wie sängerisch als Ingenieur D-503 eine Wucht, und Gloria Rehm als I-330, die halsbrecherische Koloraturen ebenso stupend bewältigt wie sie zarte, verführerische Lyrismen verströmt. Countertenor David DQ Lee ist der eiskalte „Wohltäter“ mit absolut intonationssicherer und schön gerundeter Stimme. Daegyun Jeong, Sooyeon Lee, Ruth Katharina Peeck, Sungho Kim, Morgan Moody und Natascha Valentin – sie alle leisten am Abend dieser Uraufführung Schwerstarbeit, auch der Chor, die Dortmunder Philharmoniker, die „Elektronikabteilung“ mit Synthesizer, E-Gitarre und Drummer, der Sprechchor Dortmund sowie Die Dortmunder Bürger*innenOper! Michael Wendeberg am Dirigentenpult fügt alles zusammen, hält alles zusammen, entfaltet unwiderstehliche Sogkraft.

Nicht zuletzt kann man nur den Hut ziehen vor all jenen, die hinter der Bühne agieren, in diesem Fall wohl sämtliche Gewerke, die an diesem Opernhaus tätig sind und enorme Herausforderungen gemeistert haben: Licht, Technik, Inspizienz und, und, und.

Nemtsovs Wir: das ist zeitgenössisches Musiktheater at it’s best. Schade, dass nur vier Repertoirevorstellungen terminiert sind. Das Stück verdient jetzt weitere Häuser, die mutig sind und nicht den Aufwand scheuen, sich dieser Oper anzunehmen. Zumal deren Thema traurige Aktualität behalten wird.