Hundekacke und Nazi-Dirigenten
Was für ein immenser technischer Aufwand, was für eine grandiose Show auf der Bühne. Monitore, Animationen und Figuren, die in einer Schleife festhängen, ohne wirklich voranzukommen. Dem „Wolferl“ Mozart hätte es sicher gut gefallen, was Nora Strahl da mit seiner Zauberflöte gemacht hat. Auf den ersten Blick ist es grandioses Unterhaltungstheater. Schaut man jedoch genauer hin, haben Strahl und ihr Regieteam die Oper auseinandergenommen und überall Dinge gefunden, zu denen es eine Idee, eine Anmerkung oder bloß einen neuen Spaß gibt. Nora Krahl und ihr zahlenmäßig riesiges Regieteam haben für diese Zauberflöten-Produktion unheimlich viel an Hirnschmalz und vor allem überraschende technische Finessen investiert. So informieren Bildschirme über den Fortgang des Spiels und ein grandioser LED-Vorhang beglaubigt die Feuer- und Wasserprobe. Das kann man sich besser nicht vorstellen und beeindruckt zutiefst. Und es gibt noch ganz viel mehr an Dingen zu erleben, die Freude machen. Sie reichen von derber bishin zu ganz subtiler Komik. Es macht schon Spaß zuzusehen, wenn der Gamer oder die Gamerin Prinz Tamino und Papageno ins nächste Level hieven muss.
Neben der Gaming-Grundidee fließen unter anderem auch kritische Betrachtungen der Rezeptionsgeschichte von Mozarts Bestseller ein. So erscheinen die drei Damen in Masken der Dirigenten, die in der deutschen Nachkriegszeit wichtige Aufnahmen der Zauberflöte gemacht, aber auch den Nazis gedient haben: Herbert von Karajan, Karl Böhm und Wilhelm Furtwängler. Da gibt noch ganz viele Ideen mehr, die sich ohne Gebrauchsanweisung leider nicht erschließen lassen. Macht aber gar nichts: Denn einige Dinge sind einfach auch nur derb komisch: So ist das Untier, vor dem Tamino gerettet werden muss, nichts anderes als eine Schlange von - sagen wir’s offen - Hundekacke, die aus dem Schoßhündchen der Königin der Nacht quillt. Auch so etwas dürfte der Komponist goutiert haben. Goldrichtig liegt Nora Krahl mit ihren Umstellungen und Kürzungen der Partitur. Das macht den großen Brocken gerade im zweiten Teil viel bekömmlicher und sorgt für ein Mehr an Gradlinigkeit.
Leider erreichen am Premierenabend die Ausführenden nicht das Niveau des im Musiktheater im Revier Gewohnten. Da wäre ein höheres Level drin gewesen. Das Positive zuerst: Das Einbinden des Musicaldarstellers Sebastian Schiller als Papageno gelingt hervorragend und unterstreicht den Charakter der Zauberflöte als Stück für das „gemeine“ Volk. Schiller macht seine Sache darstellerisch und sängerisch vortrefflich. Das gilt auch für Tamina Biber als Papagena. Gemeinsam sorgen sie als Brieftaubenpaar für eine ordentliche Portion Komik. Auch der Chor Alexander Eberles macht seine Sache gut, vor allem aber routiniert. Da geht nichts schief, es werden aber auch keine Akzente gesetzt.
Routiniert singen auch die drei Damen im Dirigenten-Outfit: Rebecca Davis, Lina Edlin und Almuth Herbst stechen stimmlich nicht besonders hervor und auch ihre Begehrlichkeiten bezüglich des Prinzen Tamino sind nicht besonders erotisch aufgeladen. Das ist ein wenig schade. Martin Homrich hingen gewinnt seinem Monostatos Kontur ab. Er ist eine wahrhaft geschundene, entstellte Figur, die die an im verübten Grausamkeiten aus Rachegelüsten jetzt weitergeben will. Homrich gelingt damit ein unter die Haut gehendes Rollenportrait.
Den beiden großen Kontrahent:innen, Sarastro und die Königin der Nacht, vermögen ihre Rollen nicht wirklich zu schärfen. Philip Kranjc wird in Feldhernpose auf einem Marmorpferd über die Bühne gezogen, verfügt aber nicht über die grundierte Tiefe, die auch Wärme und den Willen zur Versöhnung ausstrahlt. Ylva Sofia Stenberg meistert die halsbrecherischen Koloraturen der Königin der Nacht weitgehend korrekt, kann darüber hinaus aber nicht wirklich tiefsitzende dunkle Rachegelüste vermitteln, bleibt deshalb viel an wirklicher Figurenausgestaltung schuldig.
Wie oft haben wir Khanyiso Gwenxane mit hervorragenden Rollenportraits bewundern dürfen. Der Prinz Tamino scheint ihm aber nicht wirklich zu liegen. Ihm gelingen viele Phrasen einfach nicht und er lässt jugendlichen Wagemut und Abenteuerlust vermissen. Heejin Kims Pamina ist stimmlich ohne Fehl’ und Tadel. Aber es mangelt ihr an innerer Ergriffenheit. Außerdem: Die Zauberflöte ist nun mal eine Oper, in der auch gesprochen wird. Und da mangelt es Kim ganz offensichtlich an Vertrautheit mit dem deutschen Idiom. Auch Johannes Klumpp und die Neue Philharmonie Westfalen sorgen leider nicht für dramatische Ausbrüche oder eine emotional Ausgestaltung der Zauberflöte. Das klingt alles im besten Falle routiniert, lässt den Sänger:innen aber viel Spielraum.
Viele Gedankenströme des Regieteams sind ohne „Gebrauchsanweisung“ nicht zu entschlüsseln. Aber auch wenn das nicht geht, kann der Abend einfach als ganz grandioses Spektakel gesehen werden, der pure Freude bietet und schlicht Spaß macht. Das Publikum applaudiert begeistert.