Übrigens …

Il Trovatore im Bielefeld, Stadttheater

Kampfgetümmel

Eine der aufregendsten Opern Giuseppe Verdis – Il Trovatore – in einer nicht minder aufregenden Inszenierung von Lorenzo Fioroni hatte in Bielefeld unter GMD Robin Davis Beifall umjubelte Premiere.

Beim Einlass steht auf der offenen Bühne ein Mann in dunkler Uniform mit einem Gerät in der Hand, dessen Bedeutung sich bald herausstellt. Neben ihm ein Kind in demütiger Haltung. Auf einen Gaze-Vorhang werden Orte, Daten und Zahlen in einem Laufband projiziert. Spätestens als der Mann in Uniform sein Gerät bedient ist klar: das ist ein Flammenwerfer und die Daten und Zahlen auf dem Vorhang berichten von Hexenverbrennungen. Wieder und wieder, bis auch dem Besucher in der letzten Reihe klar geworden ist, dass es hier um Verfolgung und Tod geht, bedient der Mann einen Flammenwerfer. Ja. Verstanden.

Im Zentrum des Geschehens stehen der Troubadour Manrico, (Nenad Cica) und Graf Luna (Todd Boyce). Sie kämpfen um Leonora (Dusica Bijelic). Und natürlich um Macht. Manrico ist dabei von vornherein Nachteil, weil er als Außenseiter gilt und also sowieso keine Rechte hat. Er hat aber die im Vergleich zu Graf Luna, so heißt es, die schönere Stimme. So klingt es auch, wenn er Leonora ein Ständchen bringt, das sie dahinschmelzen lässt. Ja, Luna kann auch schön singen, aber sowie Manrico in der Nähe ist, wird aus der Gelassenheit des Grafen Raserei. Der Regisseur sagt im Interview, dass ihn weniger das Selbstbild und die Macht, die sie ständig vorführen, interessierten, als vielmehr die Panik hinter dieser Macht. Als Dritter im Bunde – allerdings mit einigem Abstand – gehört noch Ferrando, Lunas Adjutant, zu dieser Gruppe.

Leonora ist zwar das Ziel der Begierde dieser ungleichen Männer, aber im Zentrum der Erzählung dieser Oper, die aus einem seinerzeit in Italien noch sehr beliebten spanischen Drama aus dem 16. Jahrhundert – Il Trobador – stammt, steht freilich eine Frau, die so gar nicht in das Geschehen passen will. Azucena (Alexandra Ionis) ist Manricos Mutter. Sie ist traumatisiert, seit sie in jungen Jahren erleben musste, wie ihre Mutter ins Feuer geworfen und verbrannt wurde. In ihrer Panik warf sie ein Kind ins Feuer. Stellt sich später heraus, es könnte wohl ihr eigenes gewesen sein. Auf jeden Fall nimmt sie Manrico an Kindes statt an und kümmert sich um ihn, als sei es ihr eigenes.

So heruntergebrochen auf nackte Fakten klingt das alles nur halb aufregend. Die ganze Dramatik entsteht durch die wild durcheinander wuselnden Szenen, in denen sich die Herren entweder begegnen und wild miteinander raufen oder in Einzelszenen Rache schwören und in ihrer Gockelhaftigkeit nahezu ironisch, aber eher peinlich wirken. Aber es ist eben die Unfähigkeit, sich selber zuzuhören z. B. , bzw. ihre Männlichkeit permanent aufführen zu müssen.

Die Frauen haben aber auch ihre Probleme. Leonora weiß zwar, dass sie den Grafen heiraten wird, aber eine wirkliche Vorstellung davon, was bedeutet, hat sie nicht. Sie hat ja immer den Troubadour im Kopf und im Ohr. Und verbergen kann sie das auch nicht.

Azucena ist der Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte. Denn sie kennt die Familiengeschichte der ungleichen Brüder – Manrico ist Lunas Bruder – aber niemand will ihr zuhören. Das wäre ja auch noch schöner: Sie löst diesen gordischen Knoten vorzeitig. Die Männer, die es angehen könnte, haben keine Zeit. Rache, Krieg, Verwechslungen – das ist ihr Kampfmetier. Hier hat der Regisseur zu viel des Guten getan. Mit sehr viel Feingefühl dagegen hat Lorenzo Fioroni Azucuna in Szene gesetzt. Es ist Alexandra Ionis‘ Rollendebüt in Bielefeld. Einen besseren Einstand hätte sie nicht geben können. Ihre Erzählung von der Verbrennung ihrer Mutter ist dermaßen aufregend, von Robin Davis und dem Philharmonischen Orchester Bielefeld sensibel untermalt, geführt, begleitet. Auch ihre anderen Arien, die sie mit ihrem wunderbar warmen Mezzosopran darbietet, waren grundsätzlich Szenenapplaus wert. Azucenas Auftritte verweisen immer wieder auf Verfolgung, Mord und Verbrennung. Das war und wäre genug der Hinweise gewesen.

Die Kostüme von Katherina Gault waren teils eher lustig, denn ernsthaft zu begreifen. Der Rückgriff auf die Zeit der Entstehung der Vorlage hatte gelegentlich Sancho-Pansa-Effekt.

Mit Nenad Cica und Todd Boyce waren die ungleichen Brüder bestens besetzt. Ihr Material und Ausdruckskraft werden immer geschmeidiger und besser. Gut, gelegentlich waren sie überfordert, aber das war der teils doch ungestümen Regiearbeit zu verdanken. Dafür, dass der Regisseur schon viele wirklich gute Preise aufzuweisen hat, war das Ergebnis in Bielefeld nicht überragend.

Neben den Sängern ist vor allen Dingen Robin Davis und sein Philharmonisches Orchester zu loben. Ach was loben, preisen muss man es. Wie die Sängerinnen und Sänger war es auch für das Orchester ein Par-Force-Ritt. Aber anders als die zum Teil gescheuchten Sänger bewies das Orchester Präsenz, Aufmerksamkeit und Brillanz. Dass diese Oper neben Rigoletto und La Traviata zur „trilogia popolare“ gehört, hat Robin Davis mit Bravour herausgearbeitet. Der Beifall war für alle Beteiligten verdient und herzlich.