Auf einer Wolke in den Himmel
Wir sind in einem Columbarium und sehen Dinge, die zweifelsohne dort hingehören: Blumenvasen und Urnen. Die werden gepflegt von einer Damen, die sich als Erika vorstellt und die Vasen neu bestückt und hegt, denn an diesem Ruheort finden sich vergessene Frauen, die in der Geschichte nie die Beachtung erfahren haben, die sie verdienen. Geschichtsschreibung war und ist Männersache. Dabei berichtet Erika (welch’ hübsch - floraler Name) von gelockerter, durchmischter Erde die sie gegen das Vergessen einsetzt. Davon allerdings dürfte ausgerechnet in einem Columbarium nun wirklich kein Krümelchen zu finden sein. Zu finden aber ist hier die Urne der Violetta Valéry – jener La Traviata also, der Giuseppe Verdi ein musikalisches Denkmal setzte. Was verbindet nun Violetta mit Erika Beide haben ein Lungenleiden, das sie absehbar ihrer irdischen Sorgen entbinden werden wird. Gregor Schütky und sein Regieteam fügen die Sprechrolle Verdis Oper hinzu, bleiben aber eine Begründung hierfür schuldig. Das Team scheint Verdis Stück zu misstrauen, zu wähnen, dass es nicht in der Lage sei, den gewählten Interpretationsansatz aus sich heraus zu transportieren und deshalb eine Art „Verstärkung“ installieren zu müssen.
Nach der Erika-Exposition geht’s ab in eine Zahnarzt-Praxis mit Mundspiegeln, Spritzen, Haken - all’ diesen Instrumenten halt, die eine Visite dort so unleidlich machen und die der Chor martialisch präsentiert. Zum Brindisi wird dann statt Lotter-Chaiselongue eine rosa Zunge herausgefahren, in die eifrig gespritzt wird und die auch sonst malträtiert wird. Wer keine Zahnarzt-Phobie hatte, wird sicher nach der Premiere eine bekommen.
Sein ruhiges Liebesglück verbringen Alfredo und Violetta in einer Art Waldidyll mit Hochstand. „Zurück zur Einfachheit“ könnte als Überschrift stehen. Violettas Diener sekundiert als sprechender Baum wie im Herrn der Ringe und Annina stapft als Plüsch- Eichhörnchen über die Bühne. Nachdem Papa Germont die heile Welt destruiert hat, bricht ein Feuer aus: Der Baum verbrennt, das Eichhörnchen fällt um. Tot kann es nicht sein, denn Annina wird ja später noch gebraucht. Hat wieder einmal die Zivilisation über die Natur gesiegt? Mag sein…
Es schließt sich eine Art Beerdigung an, denn Flora Bervoix lädt ihre Gäste nicht in einen Ballsaal sondern in eine Kirche ein. Auf dem Altar wartet ein leerer Sarg auf Violetta, die sich – nun als Außenseiterin der Gesellschaft – bereitwillig dort hinlegt. Hier gelingt Schütky die mit Abstand stärkste Szene. Das Ambiente überrascht, aber Inhalt, Musik und Szene bilden eine komplette Einheit, obwohl der morbide Charme schon etwas fremd anmutet.
Ach der Schluss enthält einen guten Ansatz: Vater und Sohn Germont besuchen das Columbarium, während Violetta im Bühnenhintergrund noch ihr Leben aushaucht. Sie ist also schon vor ihrem Tod nur noch Erinnerung. Warum Erika und Violetta in viktorianischer Unterbekleidung – als Wäsche-Schwestern also- auf einer Wolke ins Nirwana fahren, bleibt rätselhaft.
Anton Tremmels Chor singt – weitestgehend – sicher und ist als darstellerisch eine Bank. Unter Tremmels Leitung hat der Theaterchor in Münster sowieso sehr an Format gewonnen. Auch die kleineren Rollen sind sind gut besetzt, auch wenn es dort auch schwächere Auftritte gibt. Wioletta Hebrowska kann als Flora mit in allen Lagen intaktem Mezzo punkten. Sie hat sich in den letzten Jahren auch darstellerisch zur großen Stütze des münsterschen Opernensembles entwickelt.
Garrie Davislim singt den Alfredo leider ohne große Interpretation der Rolle. Er verfügt über eine stabile Stimme, der als Gestaltungsmerkmal aber nur Phonstärke zur Verfügung steht. Stimmfarben scheint er nicht zu besitzen. Johan Hyunbong Choi verfügt über einen satten Bariton, der sich bei Violetta einschmeicheln, aber auch wirkliche Reue und Zerknirschung ausdrücken kann. Robyn Allegra Parton steigert sich als Violetta. Hörbar fühlt sie sich im Verlauf des Abends immer wohler. Als Höhepunkt gelingt ihr ein wunderbar-berückendes „Addio del passato“- ein echter Ohrenschmeichler. Hennig Ehlert und das Sinfonieorchester Münster beginnen in der Ouvertüre mit verhaltenen Tempi, lassen später aber perlende, satte Verdi-Klänge fließen.
Musiktheater-Regie muss heute neue Zugänge zum Repertoire finden und neue Bezüge ausloten. Sonst wäre der Opernbetrieb „stinklangweilig“. Dabei ist aber darauf zu achten, dass Konzepte auf der Bühne unmittelbar vom Publikum aufgenommen und verstanden werden können. Und sie müssen in sich konsistent sein. Das ist Gregor Schütky mit seiner La Traviata nicht gelungen. Deshalb sind die Missfallenskundgebungen, die in ihrer Stärke für Münster außergewöhnlich sind, berechtigt. Aber auch das sollte ein Regie-Team akzeptieren. Außerdem: Erika dient sowieso eher zur Herbstbepflanzung und hat im Frühsommer eigentlich nichts zu suchen.