Ach ja, der Zeitgeist
Das Drama ereilt Klothilde ganz plötzlich und unerwartet: ihr Schmusekater scheidet von jetzt auf gleich aus dem Leben, dahingerafft von einem überdimensionalen Wollknäuel, das einem riesengroßen Weihrauchfass in spanischen Kirchen gleich von der Decke herabschwingt und das Tier erledigt. Exitus! Schmerzen in der Brust stellen sich ein bei der entsetzten Klothilde, dieser (erfolgreichen?) Eventmanagerin. Und sie trifft kurzerhand den Entschluss, Dr. Giovanni Tempesta aufzusuchen, jenen Psychotherapeuten, der für seine unkonventionellen Methoden bekannt ist. Also ab in seine Praxis.
Hier beginnt die Geschichte, die Raquel García-Tomás in ihrer komischen Oper Ich, ich, ich! in neunzig Minuten erzählt. Eine skurrile Geschichte. Auch eine mitunter lustige Geschichte. Auf jeden Fall eine, die mit unserem Hier und Jetzt zu tun hat, mit unserer Gesellschaft. Finden sich in ihr nicht etliche einflussreiche Leute, die durch ihren ausgeprägten Narzissmus auffallen? Politiker, Wirtschaftsbosse, vermeintliche Alpha-Journalisten, Sportler, Künstler…?
Um diese geht es in diesem Stück nicht. Es geht um Klothilde, deren Problem Dr. Tempesta aber überhaupt nicht wirklich zur Kenntnis nimmt. Er diagnostiziert ihr schlichtweg: Narzissmus, der als Epidemie unserer Zeit seiner Meinung nach die ganze Welt beherrscht. Den sieht er ausufern und versucht, seine Einschätzung mit zahllosen Beispielen zu untermauern. Als Paradebeispiel für Narzissmus präsentiert er während der Behandlung nacheinander einen selbstverliebten Künstler, eine Influencerin mit ebenso markigen wie verächtlich machenden Sprüchen auf den Lippen, eine in knallrotem Kleid Tänzelnde während der von Klothilde betreuten Vernissage…
Es sind mal kurze, mal längere Episoden, in denen klar wird, dass Klothilde gar nicht so narzisstisch ist - umso mehr jedoch all jene, die sie umgeben! Klothildes Freund Guido spielt auch eine Rolle (der hat neben ihr, für sie überraschend, noch etliche andere Geliebte), auch ein Lift-Boy im 110-stöckigen Hochhaus, schließlich noch ein Meditations-Guru, der allerdings weniger Geistiges für Klothilde will als vielmehr ihr Fleischliches für sich selbst! Am Ende führt der Weg zurück in Dr. Tempestas Praxis, wo das Ganze kulminiert. Der Therapeut entpuppt sich... als übler Hochstapler!
Ein ziemlich verrücktes Stück also. Eines, an dem viel unheilvoll Wahres dran ist, über das man aber trotzdem herzhaft lachen kann. Da findet Regisseurin Ute M. Engelhardt wirklich tolle Bilder, immer ganz leicht übertrieben, unterstützt von den knallig bunten, fantasievollen, ja schrillen Kostümen, die Prisca Baumann und Kerstin Grießhaber sich haben einfallen lassen. Die Inszenierung dieses Trios kam 2024 am Stadttheater Gießen heraus, wird jetzt in Hagen in teils veränderter Besetzung ein zweites Mal präsentiert. Zwei Sängerinnen und zwei Sänger agieren in 16 verschiedenen Rollen und wirken in ihren Bewegungen und ihrer Mimik über weite Strecken überaus komödiantisch. Die dreigeteilte Drehbühne erlaubt schnelle Szenenwechsel - ebenso hurtig wie das musikalische Geschehen im Orchestergraben, in dem Steffen Müller-Gabriel seine 15köpfige Combo aus dem Philharmonischen Orchester Hagen zu ständig changierenden Klängen animiert. Raquel García-Tomás, die 1984 in Barcelona geborene Komponistin, schafft ein Pasticcio und montiert Jazziges wie aus den 1930er Jahren mit Filmmusikhaftem; Klänge à la Kurt Weill sind zu hören, Puccini wird nicht nur imitiert sondern auch zitiert, ebenso Wagner. Ein herrliches Durcheinander, amalgamiert mit García-Tomás’ eigenen Ideen und ergänzt durch eingespielte elektronische Musik, die nie als Fremdkörper wirkt sondern organisch integriert ist. Großartig!
Herausragend das Solist:innenensemble mit Polina Artsis in der Hauptrolle der Klothilde, Tomi Wendt, Nike Tiecke und Anton Kuzenok in wechselnden Rollen. Deren Partien sind herausfordernd, streckenweise (vor allem für Anton Kuzenok) extrem hoch. Alles gar kein Problem - eine tolle Gesamtleistung aller Beteiligten!