Selig, wie die Sonne
Tradition ist eines der Sujets, das Richard Wagner in seinen Meistersingern von Nürnberg verhandelt. Und Tradition könnte auch über der Leistung stehen, die der Richard-Wagner-Verband Minden seit fast 25 Jahren vollbracht hat. Denn es ist in Minden gute Tradition geworden, Werke des Meisters, die zum sogenannten Bayreuth-Kanon gehören, in Eigenproduktionen auf die Bühne des Mindener Theaters zu bringen. Ein Wagner hat bislang noch gefehlt: eben Die Meistersinger! Mit dessen Produktion jetzt im September hat sich nun der Kreis geschlossen - oder das Ende der Gerade wurde erreicht. Deshalb gilt es zunächst einmal, sich zu verbeugen vor den Verantwortlichen. Deren Arbeit, investierte Energie und übernommene Verantwortung für alles Organisatorische und finanzielle Risiken lässt sich überhaupt nicht hoch genug schätzen. Chapeau!
Nun also die Meistersinger: Wieviel Neues darf Kunst wagen? Ist es gestattet, alle Traditionen über den Haufen zu werfen? Kann es eine Balance zwischen Neuem und Überkommenem geben? Das sind Fragen, die Kunstschaffende und -rezipierende zu allen Zeiten bewegt haben. Wagner verlegt diesen Streit in die Stadt der dichtenden Handwerker. Regisseur Jakob Peters-Messer muss ihm in den für eine Produktion dieser Größenordnung sehr beschränkten Platzverhältnissen im Mindener Theater dennoch genügend Raum geben, um seine Wirkung zu entfalten. Und das gelingt ihm und Frank Guido Petzold, der verantwortlich zeichnet für die Video-Projektionen, ganz großartig. Auf der Bühne ist wenig Platz: die Hinterbühne fällt als Spielfläche weg, denn dort ist das Orchester positioniert, dessen Größe den Raum im Graben sprengen würde. Also macht das Regieteam kurzentschlossen den hochgefahrenen Orchestergraben zur Bühne – und mit ihr das gesamte Theater vom Parkett bis zum 2. Rang. Videoeinspielungen ziehen das Publikum hinein ins Geschehen, suggerieren allen, Teil der Handlung zu sein. Zwei Leitern zu den Logen im ersten Rang erweitern den Raum, geben den Handelnden mehr Spielraum. Da wird wirklich jeder Quadratzentimenter sinnvoll genutzt, um das Gepränge der Meister, Stolzings Werben um Eva und die zarten Liebesbande zwischen Magdalene und David zu gestalten. Und auch der Schuster Hans Sachs hat Raum genug, seine Überlegungen zum Leben und zur Kunst auszubreiten. Regisseur Peters-Messer beginnt das Spiel offensichtlich mit einer Probe. Die Akteure treffen sich in einer Garderobe mit Schminktisch, schauen in die dicke Partitur, scheinen darüber zu diskutieren. Warum sie allerdings bis zum Ende an den Noten zu kleben scheinen, wird nicht begründet. Das kann man aber getrost vergessen, denn Peters-Messer gelingt ein in sich geschlossener Abend, der nicht auf kammerspielartige Momente setzt, sondern in kleinem Raum monumentales Musiktheater schafft. Das ist bestaunenswert und ein Interpretationsansatz, der völlig durchdacht und bruchlos daherkommt.
Und die Handelnden folgen diesem Konzept, setzen kompromisslos auf ganz große Oper. Das gilt vor allem für die Nordwestdeutsche Philharmonie. Die Musizierenden werden nicht permanent hinter einem Gaze-Vorhang verborgen, sondern sind über weite Strecken sichtbarer Teil der Inszenierung. Frank Beermann kehrt diese Partizipation hervor, lässt das Orchester kraftvoll agieren, besitzt aber genügend Fingerspitzengefühl, um Lyrismen nicht in Klangfluten untergehen zu lassen. Und dies alles mit einem unspektakulären, zurückgenommenen Dirigat ohne jede Allüren, ohne große Gesten - aber mit absoluter Präzision und ganz offensichtlich höchst motivierend. Perfekt!
Mit der Besetzung der Handwerksmeister ist den Mindenern eine Zusammenstellung von Berufsanfängern und erfahrenen Sängern gelungen, die sehr hörenswert ist. Allen gelingt es in chorischen Szenen ihre solistische Kraft zugunsten eines gemeinsamen Klanges zurückzunehmen. Das ist eine große Leistung, bedeutet es doch, ein Stück an Individualität abzugeben. Herausragend ist Christoph Seidl als Veit Pogner, der berückend leise und balsamisch die Liebe zu seiner Tochter betont. Fast anrührend verteidigt Michael Borth als Sixtus Beckmesser die alten, festgeschriebenen Regeln der Dichtkunst und ist doch bereit, Gesetze und Regeln zu brechen, um Eva Pogner zur Frau zu bekommen - ein zutiefst menschlicher Mann!
Kathrin Göring ist eine anrührende Magdalene, zärtlich besorgt um Eva. Die singt Emma McNairy berührend. Sie schafft mit ihrer Stimme Zuversicht, Angst und schier unendliches Glück. David, der Lehrbube des Hans Sachs, ist Stephen Chambers, der sich über viele Jahre der Bühnenerfahrung hinweg einen jugendlich leichten Tenor bewahrt hat, der in allen Lagen perfekt funktioniert. Jussi Myllys ist Walther von Stolzing, der unbedingt die Hand von Eva gewinnen will und das mit seinem Preislied auch schafft. Myllys bleibt oft aber seltsam gefangen in sich selbst, schafft nicht immer, große Gefühl frei und strahlend zu formulieren. Simon Bailey ist Hans Sachs, der über Leben und Kunst abgeklärt räsonniert und dennoch mitten im Dasein verhaftet ist: Für einen Moment scheint er Evas Persönlichkeit zu erliegen. Alle fünf Handelnden aber finden sich zu einem feinsinnigen, fein abgestuften und sehr fein interpretierten Quintett im dritten Akt zusammen.
Ein gelungener, optisch und musikalisch anregender Abend. Der erhielt zum Schluss aber einen Dämpfer. Denn der völkische Grundton des Librettos, das Hans Sachs im Finale zu singen hat („Verachtet mir die Meister nicht“), ist - auch angesichts der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt - in keiner Weise tolerabel und kaum zu ertragen. Da reichen ein paar irritierte Schulterzuckungen der umstehenden Personen als Reaktion nicht aus. Die Regie wäre hier gefordert gewesen, „klare Kante“ zu zeigen.
Mindens Meistersinger: in jeder Hinsicht ein großer Wurf, auf den alle Beteiligten auf und hinter der Bühne mit Fug und Recht stolz sein dürfen. Und nun? Wie wär’s denn in ein paar Jahren - zum dann ultimativen Wagner-Finale in Minden - mit „Rienzi“? Schließlich hat der doch in diesem Jahr die Weihen des Grünen Hügels empfangen. Also „schnell auf die Füß’“!