Feiern gegen die Dystopie
„Will you see that I’m scared and I’m lonely“, singt Diego Rodriguez. Der Rezensent besuchte Ivo van Hoves aus 29 Songs von David Bowie zusammengesetztes Musical „Rebel Rebel“ gemeinsam mit 54 Leserinnen und Lesern seines privaten Theater-Blogs, aber selbst wenn man alleine ist, kann beim Besuch der Produktion keine Einsamkeit aufkommen. Sämtliche Vorstellungen in der Bochumer Jahrhunderthalle sind ausverkauft; zwischenzeitlich wurden mehrere Zusatzvorstellungen ins Programm der Ruhrtriennale eingepasst. Schlecht gelaunte Theaterkritik aber hat die Inszenierung mehrheitlich verrissen: Die Story sei so dünn. Ja, was erwarten die Kollegen denn? 29 aneinandergereihte Bowie-Songs und -Balladen erreichen halt nicht die Komplexität von Goethes Faust. Sie können aber unterhaltsam sein. Und sie können virtuos performt werden.
Alle drei Perioden seiner Triennale-Intendanz hat Ivo van Hove nun mit dem Versuch gestartet, ausschließlich mit Hilfe der Lieder eines Weltstars eine Geschichte zu erzählen. Er schafft damit quasi ein eigenes Konzept-Album unter Plünderung des Repertoires des jeweiligen Pop- oder Rockmusikers. Er entwickelt ein Konzert, dessen Elemente mal mehr, mal weniger einen gedanklichen Zusammenhang haben und ansonsten eine Hommage an den jeweiligen Star darstellen. Mehr sollte man nicht erwarten – und mehr erwartet das Publikum auch nicht. Die drei Produktionen waren grandiose Publikumserfolge und Kassenschlager, aber die Theaterkritik maulte: Nicht jedem Kritikaster gefiel Sandra Hüllers eigenwillige (aber höchst ausdrucksstarke) Stimme, als es 2024 um die Biografie der britischen Singer-Songwriterin PJ Harvey ging. (Auch mäkelte mancher an den Tänzerinnen und Tänzern der Marseiller Gruppe (LA) HORDE herum.) Die meisten Menschen aber sahen ein tolles Konzert, das die künstlerische und persönliche Entwicklung von PJ Harvey nachvollziehbar machte - Ein Jahr später stellte sich heraus, dass der charismatische Schauspieler Lars Eidinger nicht so gut singt und swingt wie Frank Sinatra. „I Did It My Way“ war der schwächste der drei Abende, aber man entdeckte mit Larissa Herden ein grandioses Gesangs- und Showtalent .
Und diesmal?.Bei Gesang und Tanz haben van Hove und sein musikalischer Leiter Henry Hey schon durch das Besetzungskonzept und die Wahl des Choreografen jedes Risiko ausgeschlossen. Mit Sidi Larbi Cherkaoui wurde einer der Weltstars des choreografischen Theaters verpflichtet, dessen innovative und furiose Arbeiten den Schreiber dieser Zeilen schon manches Mal vom Sitz gerissen hat. Auch diesmal wird es furios; allerdings bleiben die Tanzchoreografien im Vergleich zu Cherkaouis besten Arbeiten überraschend konventionell. Auch bei den Videoarbeiten von Christopher Ash und dem Einsatz von Lichtdesign scheinen die Budgetverantwortlichen angesichts der ansonsten sehr opulenten Inszenierung den Rotstift angesetzt zu haben: Großformatige, oftmals bewusst etwas unscharfe Schwarzweiß-Videos zeigen eine offenbar durch Kriegsfolgen und Gewalt sich selbst zerstörende Welt, verzichten aber zugunsten der Darstellenden Kunst auf allzu große Knalleffekte und bleiben etwas statisch. Während manche Schauspiel-Inszenierung mittlerweile eine Film- und Lightshow wie bei einem großen Popkonzert abzieht (man denke nur an Hermann Schmidt-Rahmers Berlin Alexanderplatz am Schauspiel Köln, bleibt der Zirkus in der Jahrhunderthalle im Rahmen des bei einem auf wenige Vorstellungen begrenzten Musical Erwartbaren. Aber auch nicht darunter…
Die Show sind die drei Hauptdarsteller: Daniel Donskoy, der vor allem in Großbritannien mit Film, Theater und Musik (sowie neuerdings auch als Romanautor) brilliert, gibt einen energischen, angemessen brutalen Gangleader, der noch im heftigsten Straßenkampf perfekte Bowie-Töne trifft und mit den ausgiebig präsentierten Muskelpaketen seines Oberkörpers gleich den größten Teil der weiblichen Zuschauer auf seiner Seite hat. Der Musical Star Diego Rodriguez und der / die nonbinäre Ari Notartomaso überzeugen als Liebespaar aus Boy und Girl; vor allem Rodriguez ist, wiewohl ihm jegliche optische Ähnlichkeit mit dem großen Bowie abgeht, ein herausragender Interpret von dessen Liedern. Ein unterhaltsames Rockmusical ist damit schon mal gesichert. Die Virtuosität der Perfomance sei hiermit auch bestätigt. Und die Story? Nun ja:
Wir befinden uns in einer dystopischen Welt – einer Welt, wie sie Bowie vielfach in seinen Liedern beschrieb. Ein autokratisches Regime hat Freundschaft und Liebe verboten. Auf der Videowand steht ein zerstörtes Auto vor Containern und Kränen; Schiffs-Container dominieren auch das Bild der Hinterbühne. Später brechen Feuer aus. In zerstörten Städten üben Jugendbanden Gewalt aus – Bowies Album „Diamond Dogs“, angelehnt an George Orwells „1984“, steht im Zentrum vor allem des ersten Teils des Bochumer Musiktheaterabends, und die von Cherkaoui choreografierten großartigen Tänzerinnen und Tänzer wirken in manchen Szenen tatsächlich wie diamantengestählte Bluthunde. Doch Boy und Girl wehren sich gegen das Verbot menschlicher Beziehungen: Sie finden in Liebe zueinander und leisten Widerstand.
Soweit ist alles schon nach wenigen Minuten erzählt. Inhaltlich kreiselt die Geschichte anschließend vor sich hin; wer Bowies Texte – zum Mitlesen auf Deutsch und Englisch eingeblendet – kennt, kriegt noch einiges an Assoziationsmaterial mit auf den Weg. Bowies Stücke kreisen immer wieder um die Themen Einsamkeit und Tod, um Gewalt und Zusammenbruch, um Queerness und Uneindeutigkeiten – und um die Flucht in den Weltraum. All das hören und sehen wir auch in der Jahrhunderthalle – what more can you want? Wenn nach etwas mauem Beginn die großen Hits kommen, wenn Donskoy, Rodriguez und Notartomaso „Spaceboy“ singen oder gar „Heroes“, dieses Lied zweier Liebender, die an der Berliner Mauer den Gewehren feindlicher Soldaten trotzen, sucht man ohnehin schon lange keine Story mehr. Der Rezensent jedenfalls ist zu diesem Zeitpunkt längst der Magie der phantastischen Bowie-Kompositionen verfallen. Auf der Videowand rauchen die Städte, drohen die Ruinen der Wolkenkratzer einzustürzen. Vorn an der Rampe wird ausgelassen gefeiert. Man kann sich fragen, ob Bild und Tanz da noch perfekt zusammenpassen. Man kann es auch einfach lassen. Feiern wir doch einfach mit: „We can be heroes / just for one day.“ Der Rezensent fand’s großartig.