Übrigens …

Wozzeck im Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier

Perfides Spiel mit Menschenleben

Alban Bergs Wozzeck ist ein düsteres, gesellschaftliche Strukturen meisterhaft analysierendes Stück über einen geknechteten, erniedrigten Menschen, der schamlos gequält und ausgebeutet wird. Letztlich erträgt er diese Qualen nicht mehr, bricht aus, wird zum Mörder. Das ist zutiefst bewegend und mitnehmend. In ihrer Interpretation am Musiktheater im Revier schafft Ilaria Lanzino etwas, das man kaum für möglich gehalten hätte. Sie hebt Ohnmacht und Leiden Wozzecks auf eine Ebene, die dessen Wunsch, es allen recht zu machen, um seine kleine Familie zu erhalten, ihn noch zu viel grausameren Gewissensentscheidungen führen, an denen er ausweglos zugrunde gehen muss.

Lanzinos Wozzeck spielt in einem Konzentrationslager. Wozzeck ist dort Gehilfe der SS und muss Gefangene zwingen, an medizinischen Versuchen teilzunehmen. In Gelsenkirchen ist es nicht Wozzeck, der Erbsen essen muss bis zum Abwinken. Es sind die KZ-Insassen, die das tun. Aber Wozzeck muss sie dazu zwingen und im Endeffekt „nutzloses Menschenmaterial“ auch erschießen. Die Regisseurin verdoppelt so Wozzecks Qualen und hält ihr Regiekonzept bis zum Ende durch, ohne Brüche sichtbar werden zu lassen.

Martin Hickmann baut ihr dazu eine Bühne, die sehr simpel daher kommt, sich aber als genial erweist. Enge Kammern bilden das Versuchslabor im KZ. In der Mitte entsteht ein Wirtshaus, in dem Einheimische und deutsche SS sich treffen. Das verwandelt sich durch Herunterfahren eines bescheidenen Zimmers ins Haus von Marie und Wozzeck. Es gibt aber auch Waldatmosphäre, ohne dass ein Wald zu sehen wäre. Eine Umgebung also, die wie gemacht ist für Lanzinos Regieansatz.

Hier kollaboriert auch Marie, Wozzecks Geliebte, mit den Nazis - aber weniger gezwungen. Sie zeigt die häßliche Seite ihres Charakters, indem sie Koffer von deportierten Juden kauft und diese nach Verwertbarem durchsucht. Im Gegensatz zu Wozzeck sind bei ihr nicht Gefühle Movens ihrer Handlungen, sondern materielle Erwägungen, die sie auch ein Verhältnis mit dem Tambourmajor beginnen lassen. Dennoch ist auch Marie keine kalt berechnende Frau: Auch sie will ihren Sohn schützen, behüten und versorgt aufwachsen sehen. Susanne Serfling zeigt Maries Zwiespalt mit ihrem Sopran, der sowohl leichtfüßig kokett daher kommt, aber auch tief zerrissene Verzweiflung manifestiert. Die steigert sie mit wunderbaren Schattierungen in Todesgewissheit, aber auch in Todessehnsucht. Hat also Wozzeck Marie ermordet, oder hat sie Selbstmord begangen? Das Regieteam lässt diese Frage offen.

Und Wozzeck? Simon Stricker gelingt es mit Farbreichtum und vielen Zwischentönen Wozzecks Weg faszinierend zu zeichen. Er beglaubigt, wie der Wunsch, das Leben materiell zu meistern, einen Moment lang Angst und Ekel vorm eigenen Tun unterdrücken kann. Aber später schlägt das Schuldbewusstsein umso gnadenloser zu und vernebelt klares Denken. Strickers Stimme changiert anschaulich zwischen Wahn und Wirklichkeit. Davon sind alle im Theater tief berührt. Als amerikanische Soldaten das KZ befreien, unternimmt er noch einen verzweifelten Rettungsversuch. Dann jedoch ertränkt er sich und seinen Sohn.

Das übrige Ensemble veranschaulicht die Verrohung der Gesellschaft. Martin Homrich als Tambourmajor verkörpert sonor virile Männlichkeit, Adam Temple-Smith ist ein eher traurig-zurückgenommener Andres und Philipp Kranjc ein leiser KZ-Arzt, der deshalb umso bedrohlicher ist. Matthew Pena meistert die atemberaubende Partie des Hauptmanns, bei der er ständig in die höchsten Höhen geschickt wird, bravourös.

John Warner und die Neue Philharmonie Westfalen arbeiten die Ecken und Kanten in Bergs Partitur deutlich heraus. Und dennoch klingt sie nach ganz großer Oper, fast süffig. Das war faszinierend zu hören, denn alles an Wirren der Gefühlswelt bringt Warner zu Gehör.

Ilaria Lanzino und ihr Team gelingt zu Beginn der Saison ein großer Wurf. Sie zeigt, was Musiktheater kann und soll. Hier kann man diskutieren und sich abarbeiten an einer in sich stimmigen Interpretation. Davon wollen wir viel mehr!