Stilikone mit Sinn für das menschlich Richtige
„Sag mir, was du singst, und ich sage dir, wer du bist“, scheint des Abends Devise. Bei Marlene Dietrich liegt das nahe. Umstandslos identifiziert daher Olivier Garofalos vor zweieinhalb Jahren am Rheinischen Landestheater in Neuss uraufgeführte Revue die Titelfigur mit deren Evergreens. „Wenn die beste Freundin mit der besten Freundin“ kokettiert, „die fesche Lola“ Männerherzen bricht, „The Boys in the Backroom“ Western-Burschikosität bis ins US-Fronttheater verbreiten, später „Sag mir, wo die Blumen sind“ Antikriegsstimmung beschwören und „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ bekunden, wie existenziell sich die Diva zeitlebens im tiefsten Inneren unbehaust empfand, so lässt sich der Mythos Marlene trefflich bedient vernehmen. Die Dialoge und Selbstreflexionen zwischen den Revuenummern handeln kurz und prägnant die Lebensgeschichte der Dietrich ab. Der Mythos wird nach Kräften bedient. Selbst dort, wo Dietrich flunkerte. Denn obschon sie davon später nicht wissen mochte, war sie weder ein bloßes Naturtalent, sondern genoss eine durchaus solide musikalische und Schauspielausbildung noch war sie ein winziges Rädchen im Getriebe des Berliner Theaterlebens. „Wenn die beste Freundin mit der besten Freundin“ war der Showstopper in Mischa Spolianskys Erfolgsrevue „Es liegt in der Luft“. Dietrichs Duettpartnerin keine Geringere als die französische Stardiseuse Margo Lion.
Sei dem, wie ihm sei: Schlaglichtartig scheint auf, wie sich Dietrich als Kunstfigur und Mythos Jahrzehnte hindurch und von immer neuem erschafft. Bis hin zur Splendid Isolation der letzten Jahre in ihrem Pariser Refugium. Regisseur Eric Rentmeister zeigt, wie die Diva dennoch ihr Umfeld fernmündlich heimsucht. „Durch Abwesenheit glänzen“, der musicalerfahrene Spielleiter vollzieht nach, dass die Redewendung bei Dietrich wortwörtlich zu verstehen ist. Noch aus dem Off versteht sie, die zum Mythos gewordene Marke zu pflegen. Längst ist da Rentmeister auf die Spur ihrer Magie gekommen: Stilikone zu sein und politisches Engagement gegen die braune Bande und für die Versöhnung mit Israel erweist Rentmeister als die beiden Seiten ein und derselben Medaille. Bei allem Glamour legt Dietrich einen meist untrüglichen Sinn für das menschlich Richtige an den Tag. Goebbels’ exorbitanten Gagenangeboten widersteht sie, die Schwester erhält finanzielle Unterstützung, ohne die Mitläuferin näher an sich heranzulassen.
Die Diva einer einzigen Spielerin anzuvertrauen, brächte die Gefahr bloßer Mimikry mit sich. Garofalo verteilt die Titelfigur auf vier Agierende, drei Frauen und einen Mann. Der Diva androgynes Wesen und ihre Bisexualität verschaffen sich Geltung, freilich ohne davon allzuviel Gewese zu machen. Trefflich spielen sich Philippe Ledun, Pia Noll, Mirjam Radovic und Claudia Sutter die Bälle zu und stiften so Einheit in der Verschiedenheit. Bühnen- und Kostümbildner in Personalunion Michael Lindner lässt aus dem Mund eines ins Riesenhafte vergrößerten Schwarzweißportraits der Diva Zigarettenqualm entweichen. Von der Schlaghose bis zum Schwanenmantel darf sich das Ensemble immer wieder der legendären Garderobe der Dietrich bedienen.
Gesungen wird durchweg gut. Je nach Situation werfen die Spielenden viel vokale Drive und etliches Sentiment in die Waagschale. Laszive, kumpelhafte, hymnische und melancholische stimmliche Gebärde treten in dramaturgisch klug disponierte Wechselwirkung. Zum musikalischen Leiter Peter Stolle am Klavier gesellen sich Geige und Kontrabass hinzu. Stolle verdanken sich auch die in den besten Momenten ironisierenden Arrangements.