Der Roman als Drama
Als erstes sieht der Zuschauer, die Zuschauerin die offene Bühne von Cora Saller, die auch für die Kostüme verantwortlich ist. Die Bühne ist zum großen Teil zugestellt mit braunen Sofas, kreuz und quer über- und untereinander verkeilt. Gut zum Klettern und zum Verstecken von Personen und Briefen, die in dieser Inszenierung von Alice Buddenberg eine wichtige Rolle spielen. Erster Eindruck: Die Welt ist ein Trümmerfeld.
Auf einer Extracouch am rechten Bühnenrand im Theater am Alten Markt sitzt eine Frau, die immer wieder hier und da einen Brief aus der Sofaritze zieht, den Brief anschaut, sich freut oder traurig ist; kurz sie zeigt Emotionen. Ein Brief macht ihr besonders zu schaffen.
Die Frau ist Elisabeth Wust. Sie hat 1981 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen bekommen, denn sie war eine „Unbesungene Heldin“, die von 1942 – 1945 jüdische Frauen bei sich versteckt hatte. Dieser Brief vom Bundespräsidialamt reißt eine mühsam verheilte Wunde wieder auf. Denn Elisabeth Wust hatte nicht nur jüdische Frauen versteckt in einer Zeit, in der dieses todesmutig und in den Augen der Nazis auch todeswürdig war, sondern sie hatte eine kurze Zeit auch eine Liebesbeziehung zu einer Jüdin, zu Felice Schragenheim. Die sich freilich zunächst als Felice Schrader vorstellt.
So beginnt die Inszenierung von Aimée und Jaguar. Frau Wust, in den Briefen und im Spiel Lilly genannt, will erst gar nicht den Orden annehmen, zu sehr wühlt sie die Erinnerung auf.
Es ist aber auch eine unglaubliche Geschichte, die in diesem Drama (Textfassung nach Erica Fischers Roman von Alice Buddenberg) erzählt wird. Elisabeth Wust ist zum Zeitpunkt, an dem sie Felice kennen lernt, verheiratet und hat vier Kinder. Ihr Mann ist an der Front. Nach und nach entwickelt sich die Beziehung zwischen Lilly derart intensiv, dass Felice bei Lilly einzieht. Die Beziehung ist glücklich. Lilly lässt sich scheiden von ihrem Mann. Das Geschehen draußen hält erst in Moment Einzug in den Möbelverschlag/Dachboden, als Lilly/Aimée misstrauisch wird, weil Felice/Jaguar immer wieder mal verschwindet. Sie wird doch nicht etwa eine weitere Beziehung haben? Nein, es ist viel schlimmer: erst jetzt erfährt Lilly, dass Jaguar Jüdin ist. Es schleicht sich also Unsicherheit ein. Aber noch hält die Liebe. Auch wenn die Katastrophe absehbar ist.
Die kommt nach einem lustigen, verspielten Abend am Wannsee. Dafür wird das Sofagebirge beiseitegeschoben. Von beiden Bühnenseiten werden bodentiefe Leuchtketten eingehängt, Strand und Vergnügen imitierend. In wunderbaren Strandkostümen mit witzig anzusehenden Hüten aus zeitgenössischen Lampenschirmen und übergroßer Komik tanzen Aimée und Jaguar in ihr Verhängnis. Jaguar wird verhaftet und muss nun die aus unzähligen Beschreibungen bekannte Erleidenstour durch diverse Konzentrationslager ertragen: Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau, Groß-Rosen. Von dort aus wurde sie vermutlich in den Todesmarsch nach Bergen-Belsen geschickt, wo sie jedoch nie ankam. 1948 erklärte sie das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg für tot. Ab diesem Zeitpunkt stellte Elisabeth Wust ihre Nachforschungen nach Jaguar ein. Und verschloss diese Liebe in ihrem Herzen.
Immerhin – sie hatte überlebt. Um welchen Preis, das erzählt Alice Buddenberg präzise, das zeigen Gesa Schermuly und Nicole Lippold ebenso präzise, einander zugewandt, teils mit Komik, teils mit Hingabe. Und Lilly steht daneben und kommentiert gelegentlich, schaut den Erinnerungen gerührt, animiert, begeistert zu.
Im Programm der AfD besteht die Familie standardmäßig aus Mann, Frau, Kind, Kind, Mann, Frau Kind, Kind und und und– bis Deutschland wieder reinblütig – oder wie heißt das bei denen? – ist. Und da ist Elisabeth Wust mit ihren vier Kindern und einem Mann im Feld doch eigentlich Vorbild. Damals. Doch dann entdeckt sie ihre Liebe zu einer Frau. Lässt sich ein auf eine andere, alternative Liebe.
Das Drama Aimée und Jaguar bekommt so einen eminent politischen Zungenschlag. Und das ist auch gut so. Denn nur wenn man den Gegner kennt und sieht, kann man ihn stellen. Aber wie will man einen Pudding stellen, der zwar gern die Alleinstellung der herkömmlichen Familie propagiert, aber ganz oben ein Aimée-und-Jaguar-Verhältnis – und dann auch noch mit Kindern! – hinnimmt? Gesa Schermuly, Nicole Lippold und Petra Wolf erhielten tosenden Beifall für ihren hinreißend gespielten Abend. Verdient.