Marionetten in Bielefeld
Herzfaden ist Thomas Hettches Roman über die Geschichte der Augsburger Puppenkiste und ihrer Protagonisten. Die Augsburger Puppenkiste wiederum hat ihren Ursprung im II. Weltkrieg. Bei einem Kriegseinsatz entdeckt der Schauspieler Walter Oehmichen in der Etappe von Calais die Faszination, die vom Puppentheater ausgehen kann. Aus Hettches Roman hat Regisseur Nils Zapfe den Text für seine gleichnamige Bielefelder Inszenierung erarbeitet.
Doch bevor die Zuschauerinnen und Zuschauer vom Wesen des Puppentheaters verzaubert werden können, verwandelt Kasper sie in Kinder. Aber nicht einfach so. Schon sein erster Auftritt ist eine Nummer, in der Oper würde man von Arie sprechen, für sich. Umständlich klettert er bayerisch fluchend und schimpfend aus dem Bühnenuntergrund hervor, wobei er sich von seinen Marionettenfäden befreit. Dann erzählt er, glänzend gespielt von Christine Dienstberg, den Erwachsenen, dass sie Kinder sind ihr Leben lang. Denn sie hatten oder haben noch Eltern, sie hatten oder haben noch Kinder und immer wieder werden sie daran erinnert, dass das mit Wünschen und deren Erfüllung nicht immer oder gar nicht klappt wie im Märchen. Der Kasper spielt eine besondere Rolle in diesem Drama, weil er eben nicht der Komiker ist, der mit der Rute um sich schlägt. Die Rolle geht zurück auf die erste Puppe, die Walter Oehmichens Tochter Hannelore, im Stück Hatü genannt – überragend dargestellt von Brit Dehler – geschnitzt hatte im Alter von 13 Jahren: Ein Kasper mit einem ziemlich grimmigen Gesichtsausdruck. Und der sie sehr lange beschäftigt, ja belastet hat. Den Einleitungstext hat der Regisseur als Ermahnung und Einstimmung an das Publikum dem eigentlichen Drama vorangesetzt.
Derart rappelköpfig eingestimmt, beginnt ein Reigen aus historischen Reminiszenzen und Puppentheaterversatzstücken. Hier hält sich der Dramenautor an die Vorlage. Thomas Hettche verwebt in seinem Roman Szenen von Hatü auf dem Dachboden des Marionettentheaters mit Szenen aus dem realen Familienleben. Das entwickelt auf der großen Bühne des Bielefelder Theaters einen besonderen Charme. Denn bevor z.B. das Urmel aus dem Eis oder Kalle Wirsch zum Leben erweckt werden, müssen sie im Halbdunkel aus ihrem Bühnenschlaf erwachen. Überhaupt – die Magie des Halbdunkels spielt eine große Rolle im Zusammenspiel Hatüs mit den Marionetten auf dem Dachboden. Die können natürlich nicht alle erscheinen, aber das Wiedersehen mit dem Urmel {überlebensgroß), Kalle Wirsch (ebenso), mit der Originalmarionette Der kleine Prinz und Emma der Lokomotive füllt schon ganz gut die Bühne. Nicht zu vergessen die Figuren aus Hänsel und Gretel, mit denen im kriegszerstörten Augsburg Oehmichens Augsburger Puppenkiste beginnt. Als Familienoberhaupt muss Thomas Wehling in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Balance finden zwischen seiner Begeisterung für das von ihm gewollte Puppentheater einerseits und der Tatsache, dass er als belasteter Theatermensch nicht entnazifiziert wurde. Aus der Bedrängnis, dass er nach dem Krieg nicht wieder am Augsburger Theater arbeiten durfte, erfand er die Augsburger Puppenkiste. Die Stadt überließ ihm für seine Theateridee das Heilig-Geist-Spital, das noch heute sein Domizil ist. Thomas Wehling versteht es ausgezeichnet, seinen Zwiespalt in der Nachkriegszeit – hie der Drang zum etablierten Theater, da der Drang unbedingt etwas mit Theater machen zu wollen – zu nutzen, um die Entwicklung zum eigenen Theater zu forcieren. Hatü und Walter Oehmichen treiben mit ihren Ideen die Handlung voran. Zeit und Ort spielen dabei eine entscheidende Rolle. In Augsburg sind US-amerikanische Soldaten stationiert, deren kultureller Einfluss sich vor allem bei den Jugendlichen positiv bemerkbar macht. Und Oehmichen verschließt sich dem nicht direkt. Treibende Kraft ist dabei Hatü mit ihren Freunden Hanns, Fred/Vroni und Theo/Michel, die folgerichtig auch bei der Puppenkiste mitarbeiten und zu ihrem Erfolg beitragen. Und so wird der Märchenkanon schrittweise erweitert. Einer der ersten großen Erfolge wird die Dramatisierung von Der kleine Prinz. Schon kurze Zeit nach der Einführung des Fernsehens lädt der NWDR die Puppenkiste zu ersten Übertragungen ein. Später übernimmt der Hessische Rundfunk diesen Programmpunkt für die ARD. So hat die Augsburger Puppenkiste schon früh Mediengeschichte geschrieben.
Am Erfolg dieser Geschichte ist natürlich die ganze Familie beteiligt. Carmen Priego als Mutter und Ronja Oehler als Schwester Ulla vervollständigen z.B. die Pantomime, bei der die Schwestern mit den lebensgroßen Marionetten Hänsel und Gretel den Eltern in den Wald folgen, aber natürlich wie im Märchen wieder nach Hause finden. Nachdem so viel von Marionetten und Puppen die Rede war, sind natürlich die Puppenspieler Franziska Dittrich und Carlo Silvester Duer in den Reigen der zu Lobenden miteinzuschließen. Allein schon ihr gemeinsamer Auftritt als überlebensgroßer Gestiefelter Kater ist eine Augenweide.
Das Ende des Abends ist abrupt. Alle Schauspielerinnen und Schauspieler verlassen fluchtartig die Bühne, es wird schlagartig dunkel, das Publikum braucht eine Weile bis es begreift: Jetzt darf applaudiert werden. Doch das tat es dann zu Recht herzlich und sehr sehr ausdauernd.