Auf der Suche nach der Wahrheit des Lebens
Eine große Halle, in der Mitte durchzogen von einem schmucklosen Steg: 34 Meter lang, fünf Meter breit. Auf beiden Längsseiten Tribünen fürs Publikum. Erst später bemerkt man auf dem Steg drei große Drehscheiben und viele runde Abstiege in die Versenkung, sowie hoch oben unterm Schnürboden eine Galerie, die ins Spiel einbezogen wird.
Schlagartig verwandelt sich der karge Raum: in bunten, historischen Kostümen erscheinen sechs raumgreifend tanzende Paare, um uns in einem grandiosen, sechsstündigen Theaterabend in die Zeit des beginnenden 19. Jahrhunderts zu verführen, so wie sie Lew Tolstoi in seinem weltberühmten Werk Krieg und Frieden 1869 lebendig werden lässt. Der renommierte Bühnen-Autor Armin Petras hat die kolossale Epochenchronik von fast zweitausend Seiten für die Düsseldorfer Aufführung eindrucksvoll verdichtet und um den Epilog gekürzt.
In schnellem Szenen-, Rollen- und Kostümwechsel zaubern dreizehn Ensemblemitglieder sowohl ein Panorama russischen Lebens als auch Episoden der Napoleonischen Kriege auf die Bühne. Es sind an die vierzig Figuren, die aus Hof-, Adels- und Militärkreisen, aber auch als leibeigene Bauern und Soldaten auftreten. Mal spielt das Geschehen in Petersburger Salons, Moskauer Fürstenhäusern oder der russischen Provinz, dann aber auch in Feldlagern oder - in ergreifenden Bildern - auf angedeuteten Schlachtfeldern. Dabei verwebt sich Historisches mit Fiktivem sowohl in den Erzählsträngen als auch bei den Figuren. Zur Orientierung fürs Publikum gibt’s an den Rückwänden gut lesbare Beschilderungen der über hundert Szenen mit Orts- und Inhaltsvermerken.
Das Stück wird begleitet von stimmungsvollen Kompositionen des Solo-Musikers Matthias Krieg, die er selbst live einspielt, sei es auf E-Gitarre, Flöte, russisches Horn, Percussion oder auch als elektronische Musik. Dazu werden immer wieder Texte eindrucksvoll gesungen - mal Solo, mal im Chor.
Wie der Roman, so beginnt auch das Bühnenstück in Petersburg im Salon der Hofdame und Vertrauten der Zarin Anna Scherer, elegant und selbstbewusst gegeben von Sonja Beißwenger, die in dieser Rolle auch immer wieder mit erklärenden Erzähltexten ins Geschehen eingreift und die Handlung weiterführt. Um das Ambiente dem Milieu anzugleichen, werden opulente Pflanzenkübel reingerollt, die später, wenn es ernst wird, schnell wieder abgeräumt werden. Das Gespräch dreht sich zunächst temperamentvoll um die Rolle des abwesenden Napoleons: ist er Held oder Antichrist, zu bewundern oder zu fürchten?
Schon bald begegnen wir hier im Salon den beiden Protagonisten des Abends: Pierre Besuchow, einem gräflichen Bastard, der durch sein unerwartetes Erbe zu einem der Reichsten Moskaus wird (überzeugend: Matthias Reichwald). Er wuchs in Frankreich auf, ist zu Beginn glühender Napoleon-Verehrer, hält ihn für „den größten Mann der Welt“. Ihm geht es jedoch nicht um Geld und Gut, sondern um Sinn und Wahrheit des Lebens, den er vorübergehend im Freimaurertum und sozialen Veränderungen zu finden glaubt. Doch seine Versuche, die eigenen Bauern aus der Leibeigenschaft zu befreien, erweisen sich als schwierig. (Ein Hinweis auf autobiografische Erfahrungen Tolstois.)
In der Sinnsuche stimmt er überein mit seinem Freund, dem Fürstensohn Andrej Bolkonsky (kraftvoll: Jonas Friedrich Leonhardi), der jedoch seinen Lebenssinn im Kriegsruhm erhofft und in die Schlacht zieht, in der er nicht Ruhm, sondern den Tod findet.
Dann ist da noch Graf Rostow mit seiner langsam verarmenden Familie. Seine Tochter Natalija, auchNatascha genannt, wird von allen Männern geliebt und tobt zunächst herrlich temperamentvoll durchs Geschehen. Blanka Winkler zeigt dann - nach Schuld und Trauer - ergreifend ihr Abgleiten in dunkle Gemütslagen. Allerdings unterschlagen uns Autor Armin Petras und Regisseur Tilmann Köhler in ihrer virtuosen Düsseldorfer Inszenierung das Tolstoische „Happy End“: Im Epilog des Romans gründen Natalija und Pierre eine Familie und auch die Häuser Bolkonsky und Rostow finden zusammen, da Graf Nikolai Rostow Andrejs Schwester Marja heiratet.
Eine tolle Idee, die Liebes- und Familiengeschichten jeweils auf den Drehscheiben spielen zu lassen, sodass sie von beiden Seiten gleicherweise einsichtig sind und eine fortdauernde Beweglichkeit ins Geschehen bringen.
Nach der zweiten Pause wird es bitterernst. Napoleon zieht mit seinem Heer gen Moskau. Dabei wird der selbsternannte Kaiser Frankreichs weder als „Kleiner Kaiser“ (ein Klischee der englischen Propaganda aufgrund unterschiedlicher Längenmaße), noch als herrschsüchtiger Imperator von der besonnenen Claudia Hübbecker gegeben. Er ist nichts als ein sich irrender Mensch. Das übrige Ensemble wird in schwarzen Stiefeln und hellem Oberteil zur marschierenden Soldateska. Moskau verschwindet im Bühnen-Qualm, die Beleuchtung tut ein Übriges zur Kriegsstimmung. Pierre Besuchow taucht in schmuddeligem Outfit völlig verändert noch einmal auf, jetzt entschlossen, Napoleon zu ermorden. Doch er gerät in Gefangenschaft und entgeht nur knapp der Exekution als vermeintlicher Brandstifter Moskaus. Er wird von Partisanen befreit und „er wurde ein anderer“, heißt es im Text, doch seine Frage nach dem „richtigen Leben“ bleibt unbeantwortet.
Tolstoi und Petras zeigen den Krieg als menschliche und moralische Katastrophe. Selbst der russische Generalfeldmarschall Kutusow (bedächtig: Florian Lange) setzt am Ende nur noch auf Abnutzung des Gegners: „Mir liegt Russland am Herzen, dazu brauche ich keine Schlacht. Ich brauche keine Heldentaten für die Nachwelt“. Er behält Recht, Kälte und Hunger erzwingen den Rückzugsbefehl Napoleons.
“es gab nur noch eine frage
wer würde den wettlauf mit der zeit gewinnen
die grande armee
oder der winter“
Nach sechs Stunden großartigen Theaters bedankt sich ein hellwaches, begeistertes Publikum mit langanhaltendem Applaus und Standing Ovation.