Das Wunder der Natur mitten in der Stadt
Schon 30 Minuten vor Beginn startet der Einlass und wer mag, kann Das grüne Königreich über einen geschwungenen Kunstrasenpfad quer über die Bühne betreten. Er führt um sechs Holzbauten, doch nichts – außer dem Pfad – ist grün. Allerdings sind hinter den matt-transparenten Scheiben eines aufrechtstehenden Kubus üppige Blattpflanzen zu erahnen.
Unter lautstarker Musik versucht die zwölfjährige Caspia (fantastisch: Eva Maria Schindele) einen Haufen Klamotten in einen Reisekoffer zu stopfen und erhält dabei diverse Ratschläge von Vater und Mutter aus dem Off – womöglich aus Nachbarzimmern? Auf die gutgemeinte Bemerkung des Vaters, er habe einen alten Stadtplan von Brooklyn – dem gemeinsamen Reiseziel - entdeckt, antwortet die Tochter gereizt: „Wer braucht denn bitte Stadtpläne, wenn man ein Handy hat!“ und führt damit ein wichtiges Requisit der Geschichte ein: das Handy.
Kaum ist der Koffer mühsam geschlossen, beginnt Caspia mit ihren Freundinnen Laryssa und Elli zu chatten und zu jammern, dass ihr der ganze Sommer verloren gehe, da sie ihr vertrautes Maine verlassen müsse, um für elf Wochen mit den Eltern in das laute, umtriebige New York zu ziehen, wo ihr Vater einen Freund auf einer Baustelle vertreten muss und ihre Mutter jede Menge Kochkurse belsuchen will, über die sie dann ein Buch schreiben wird. Die Antworten der Freundinnen kommen gut verständlich aus dem Off und beide versichern, dass sie „giftgrün vor Neid“ seien, da im riesigen Brooklyn „bestimmt ganz viel Neues zu entdecken“ sei.
Begleitet von kräftigen Straßengeräuschen erreicht Caspia vorne auf der Bühne eine breite Kiste, oben mit quietschenden Parkett bedeckt: die Ferienwohnung der Familie in Brooklyn im fünften Stockwerk eines alten Hauses, worauf Caspia sich mürrisch niederlässt. Irgendwo im Unsichtbaren klappert Geschirr: offenbar ist die Mutter auch angekommen. Gesehen haben wir sie allerdings noch nicht und wir werden sie auch später nicht sehen, weder sie, noch eine der anderen Mitspielenden. Sie alle sind nur über Toneinspielungen dabei. Caspia spricht mit ihnen und über sie, scheinbar durch Wände und über Zeiten hinweg, wir erleben sie höchst versiert die akustischen Möglichkeiten, sogar Google/KI zu nutzen. Nur eine der insgesamt vierzehn Figuren, die Blumenverkäuferin Jemila (Fnot Taddese), erscheint im Video, wobei sich kuriose Dialogsituationen ergeben. Insgesamt eine grandiose technische Leistung, wie lebendig, total präsent alle diese Schein-Dialoge funktionieren. Und nicht minder toll, wie Eva Maria Schindele den minimal dekorierten Bühnenraum mit ihren Fantasien und Aktionen belebt und verzaubert und so mit der Wucht ihres Solos das junge wie alte Publikum begeistert.
Doch was ist es, das Caspia aus ihrer schlechten Laune reißt? Es ist ein Bündel alter Briefe, das sie in einer sperrigen Kommodenschublade entdeckt und das ihre Neugier weckt. Es sind sechs Umschläge aus blassgrünem Leinenpapier, alle bereits geöffnet und an eine Minna Reynolds in dieser Wohnung adressiert. Gesendet hat sie immer die gleiche Person, eine Rosalinde Reynolds, allerdings jeden Brief aus einem anderen Ort irgendwo auf der Welt, sei es in China, Frankreich oder Schottland. Mit schlechtem Gewissen wagt es Caspia, wenigstens den ersten Brief zu lesen und wir erfahren, dass Rosalinde Reynolds, die blinde Tochter eines berühmten britischen Botanikers, mit ihrem Vater 1958 auf Weltreise ist, um Das grüne Königreich der Pflanzen zu erkunden. Um die daheimgebliebene Schwester Minna an dem Abenteuer teilnehmen zu lassen, schickt sie ihr in jedem Brief ein Rätsel, hinter dem sich eine bestimmte Pflanze versteckt, die Minna erraten und in Brooklyn finden soll. Damit die blinde Rosalinde die richtige Lösung erkennen kann, erbittet sie ein besticktes Porträt der gesuchten Pflanze.
Caspia steigt fasziniert in das Rätselspiel ein, wie Minna vor achtundsechzig Jahren sucht sie nicht nur die Lösung des Rätsels, sondern dann auch mitten in der Großstadt die Pflanze. Natürlich bleibt es nicht bei dem ersten Brief, alle sechs werden geöffnet und die Lösungen per Handychats mit den Freundinnen in Maine und dem immer paraten Google gesucht und gefunden, bevor sich Caspia dann mitten in Brooklyn auf Pflanzenexpedition begibt. Dabei führt diese Erkundung zu ungewöhnlichen Orten und ganz besonderen Menschen. So gelangt sie auf der Suche nach dem Zimtbaum mit Hilfe einer freundlichen, scheinbar hinter Perlenschnüren verborgenen Gewürzhändlerin zum Botanischen Garten: dem Pflanzenkubus, der jetzt von innen erleuchtet prachtvolle exotische Blattpflanzen erkennen lässt. Es wird fotografiert, telefoniert, gegoogelt und gechattet und alles ins Spiel eingeflochten.
Beim nächsten Rätsel, das den Löwenzahn sucht, gibt’s herzliche Lacher im Publikum, wenn Caspia aus einer der Holzkisten einen kleinen Elektrokocher und eine Pfanne hervorzaubert, sich ein Spiegelei mit frischen Löwenzahnblättchen brät und natürlich anschließend genussvoll verzehrt. Mit vollem Mund spricht es sich zwar schlecht, doch das amüsiert die Kinder im Saal ganz besonders.
Dann sind noch Rose, Holunder, Jasmin und Minze zu erraten, zu allem gibt es viel Interessantes aus dem grünen Königreich zu erfahren. An der Minze darf geschnuppert werden, Caspia reicht Säckchen mit frisch duftendem Kraut durch alle Reihen. Auf einer der Kisten legt sie zwischendurch einen „Fensterbrettgarten“ an, zweifellos eine Anregung für die spätere Weiterarbeit.
Am Ende gibt’s ein Fest im „Gemeinschaftsgarten“ zu Caspias Ehren mit allen Menschen, die ihr in Brooklyn lieb geworden sind. Und weil das arrangiert wird von ihrem neuen Freund Ado, hat sie das Gefühl, hier langsam selbst Wurzeln zu schlagen, nicht zuletzt, wenn man sie hochleben lässt als „Caspia, die Pflanzenfinderin aus dem grünen Königreich.“ Dass auch zu dieser anrührenden Szene keiner der Gäste auf der Bühne erscheint, ist dann doch ein wenig schade.
Mit Eva Maria Schindeles temperamentvoller One-Woman-Show bringen Leonie Rohling und Ilka Zänger (Regie und Dramaturgie) die Adaption des 2023 erschienenen gleichnamigen Jugendromans der Autorinnen Cornelia Funke und Tammi Hartung eindrucksvoll auf die Bühne der im tristen Bahnhofsviertel gelegenen Spielstätte Central. Und vielleicht gelingt es ihnen im Sinne der miteinander befreundeten Autorinnen - der erfolgreichen Jugendbuchautorin und der Ethnobotanikerin und Kräuterzüchterin -, dass die Geschichte „ vielleicht einige dazu bringen wird, sich in die Welt der Pflanzen zu verlieben“.