Dunkle Zeiten lassen sich nur gemeinsam überleben
Daniel Kehlmanns Roman, mehrfach preisgekrönt, erschien 2017. 2018 brachte der damalige Intendant des Schauspiels Köln Stefan Bachmann eine Bühnenversion des Werkes zur Aufführung. André Kaczmarzyk war sechs Jahre festes Ensemblemitglied am Düsseldorfer Schauspielhaus. Seit einiger Zeit arbeitet er als freier Regisseur, auch in Düsseldorf. Jetzt kam seine Bühnenfassung des Romans heraus. Sieben Studierende des Düsseldorfer Schauspielstudios der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig bringen diesen Bilderbogen, der schlaglichtartig einige Wegmarken der knapp 500-seitigen Vorlage in Szene setzt bzw. Schicksale einzelner Figuren beleuchtet, für die der Krieg zur prägenden Erfahrung wird, auf die Bühne. Wobei alle Darsteller, bis auf Tyll, mehrere Rollen spielen. Kehlmanns Roman ist ein ebenso fiktionaler wie realer Blick auf die Grausamkeiten des Krieges. Der berühmte Narr ist noch ein Kind, als der Dreißigjährige Krieg beginnt. In sechs Bildern erleben wir einen Streifzug durch diese Jahre. Wir sehen den entthronten Prager „Winterkönig“ Friedrich im Exil in Den Haag und erleben, wie der Schwedenkönig ihm jegliche Hilfe versagt. Tyll trifft auf ganz verschiedene Menschen, so auch auf den Jesuiten Kirchner, der Tylls Vater zu Unrechtals Hexer verbrennen ließ. Mittelpunkt der Gauklertruppe ist Tyll (hervorragend Maurice Schnieper) und das Nachbarskind Nele (Ludowika Held). In verschiedenen Stationen verfolgen wir den Lauf der Kriegsjahre, erleben aber auch immer wieder episodenartig Einzelschicksale. So fasziniert Alisa Lien Hrudnik als verängstigter Friedrich. Alle Schauspieler, bis auf Tyll, sind in mehreren Rollen zu sehen. Zu nennen wären noch: Flavia Berner, Jonas Hanke, Anastasia Schöpa und Vincent Wiemer.
Kaczmarzyk hat zusammen mit Leenders zahlreiche musikalische Arrangements erarbeitet, die den Abend begleiten. Darunter Volkslieder und lutherische Kirchenmusik wie auch Vorträge im Stil der Liedermacher von Bertolt Brecht bis Reinhard Mey. Das Bühnenbild ist sehr reduziert. Licht und Schatten spielen die Hauptrolle. So konzentriert sich das Augenmerk auf Tylls Wanderzirkus, in dem alle ein Zuhause finden, die in der Welt sonst keinen Platz haben.
Man kann sich dem Charme dieser emotionalen, klugen Inszenierung nicht entziehen, die einen schon zu Beginn, wenn man den Theatersaal betritt, anspricht. Lernt man doch die fahrende Truppe gleich kennen, auch musikalisch. Langer, lebhafter Applaus und Standing Ovations - nur zu verdient.