Man muss den Faden zerreißen
Trist-weiße Bühnenwände, die später von Videos bespielt werden. Davor rundum Laufstege auf schwarzer Erde. Ein eleganter Typ tritt auf, ein Dokument in der Hand, wendet sich an zwei junge Leute, die an der Seite kauern.
„Ich sage das einfach mal so, kurz und bündig: Ich habe Ihre Mutter geliebt. Lange bevor sie anfing, überhaupt nichts mehr zu sagen, sagte sie auch schon nichts.“
Jetzt ist sie tot, die geheimnisvolle Nawal Marwan, die seit fünf Jahren schweigende Mutter der beiden. Das Dokument ist ihr Testament, dass sie vor fünf Jahren – zur Zeit ihres Verstummens - aufsetzte und das jetzt vom Testamentsvollstrecker, Notar Hermile Lebel, eröffnet wird. Sie richtet sich darin an „Jeanne und Simon Marwan, aus meinem Bauch geborene Zwillinge“. Beide erhalten einen verschlossenen Briefumschlag und damit einen Auftrag, der sie durch die traumatische Familiengeschichte in verheerende Kriegsgeschehen und ihre Folgen schickt: Jeanne soll ihren Brief dem totgeglaubten Vater überbringen, Simon dem Bruder, von dem beide bis dahin nichts wussten.
Simon (Jalak Chafik), Boxer, Kraftmensch, weigert sich zunächst, den Auftrag anzunehmen, wirft der Mutter Lieblosigkeit und Desinteresse vor. Jeanne (Voula Doulgkeridou), Intellektuelle, Mathematik-Dozentin, nähert sich dem Auftrag mit Hilfe der mathematischen Graphentheorie und einer vertrackten Rechnung, mit der das Ergebnis der Gleichung „eins plus eins gleich EINS“ zu erreichen ist. Ein nummerischer Hinweis auf das archaisch ödipale Ende der Geschichte.
Die Bühne füllt sich: Zehn Personen erscheinen, in Alter, Aussehen und Kleidung unterschiedlich, auf diverse Zeit- und Kulturräume verweisend. Tatsächlich stehen sie für drei Generationen, für unterschiedliche Erinnerungsräume der Hauptfigur NavalMarwan, die gleich dreifach besetzt ist und es dem Publikum damit erleichtert, die zeitlichen Bruchstücke ihres Schicksals zusammenzufügen (Vivian Kassem, jugendlich/Sara Alshami, erwachsen/Ilkay Yilmaz, älter).
In dramatischen Rückblenden machen sich die Zwillinge getrennt auf die verlangten Suchen. Dabei wird gleich zu Beginn in einem ergreifenden Video die Liebesgeschichte der jungen Nawal eingespielt. Als sie einen Sohn zur Welt bringt, zwingt die Mutter sie, ihn wegzugeben. Tief verletzt, hört sie auf die Großmutter, die ihr zwei Tage vor ihrem Tod dringend rät, das Dorf zu verlassen, um „lesen, schreiben, rechnen, sprechen“ zu lernen. Nawal bricht auf und wird in einem vom Bürgerkrieg verwundeten, ungenannten Land – das in allem an den Libanon erinnert – zur aktiven Freiheitskämpferin. Es folgen Gewalt, Gefängnis, Vergewaltigung, die Geburt der Zwillinge. Wieder frei, verfolgt sie die Kriegsverbrecher-Prozesse, sagt als Zeugin aus und verstummt nach der grausigen Entdeckung, dass ihr Vergewaltiger der eigene, gesuchte Sohn ist. Er ist es, dem die Zwillinge die Briefe übergeben und ihm so das eigene ödipale Schicksal - als ihr Bruder und Vater - aufdecken müssen.
Es fließt kein Blut in dieser Schreckensgeschichte, die Verbrechen werden geschildert: wuchtige Bilder entstehen aus Dialogen, Berichten, Erinnerungen. Es wird deutsch und arabisch gesprochen, gesungen und aus dem Off eindrucksvoll musikalisch begleitet.
Am Ende verliest Jeanne den hoffnungsvollen testamentarischen Aufruf der toten Nadal an die Frauen der Familie, den schon zu Beginn des Dramas ihre Großmutter an sie richtete:
„Man muss den Faden zerreißen!
Die Frauen unserer Familie sind im Zorn gefangen.
Ich zürnte meiner Mutter
So wie du mir zürnst
Und so wie meine Mutter ihrer Mutter zürnte.
Man muss den Faden zerreißen.“
Die Hoffnung besiegt den Schrecken in der Düsseldorfer Inszenierung des aus dem Libanon emigrierten Regisseurs Bassam Ghazi, der die Kraft des Schweigens und den Glauben an Versöhnung in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellt. Interessant ist dabei, dass die eindrucksvolle Darbietung von einer Gruppe eigens für die Inszenierung gecasteter Laienspieler mit kulturell unterschiedlichem Hintergrund auf die Bühne gebracht wird. Wie dem Programmheft zu entnehmen ist, stammen die Familien der Spielenden aus dem Libanon, aus Palästina, dem Iran, Griechenland, der Türkei, Frankreich, Syrien, Marokko und Deutschland.
Ein großes Lob dem gesamten Ensemble und dem Regie-Team, die dem wichtigen Text des gleichfalls aus dem Libanon stammenden Autors Wajdi Mouawad nach vielen Aufführungen auf deutschsprachigen Bühnen eine weitere, überzeugende Interpretation hinzufügen. Das Publikum dankte mit viel Jubel.