Übrigens …

Bandscheibenvorfall im Theater Duisburg

Viel Lacher in einer kafkaesken Aktenschrankwüste

Der schwere rote Samtvorhang – zur Hälfte beiseite gezogen – gibt den Blick frei auf uniforme Aktenschränke bis hoch an den Schnürboden. Links unterbrochen vom bemerkenswerten Kaffeeautomaten le café, der im Laufe des Abends zu sprechen beginnt und zu einer Art Mitspieler wird. An die Wand gelehnt mag eine hohe Leiter, die im Stück als Requisite nicht gebraucht wird, als Metapher für die Karriereleiter dienen, auf der die fünf Allerwelts-Büroler sich ihre Auf- und Abstiege vorstellen können. Im gleichen Sinne führt rechts in der Ecke eine Treppe mit neun überhohen Stufen scheinbar ins Nichts.

Irgendwo ganz hoch oben unterbricht ein blau-weißes Wolkenbild die Bürotristesse und setzt einen surrealen Tupfer a la René Magritte. Möglich auch, dass es uns NRW‘ler an Gerhard Richters WOLKEN erinnert, die ein Vierteljahrhundert unerkannt im Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik hingen, bis sie 2004 entdeckt und ins Landesmuseum geholt wurden.

Das Licht im Saal ist noch an, als ein nicht mehr junger Mann im Business-Anzug auf dem Bauch quer über die Bühne kriecht und zwei gutgelaunte Figuren in von Anglizismen durchsetztem Kauderwelsch plappernd und witzelnd vor den Vorhang treten, um dem Publikum schließlich einen „herzlichen Abend“ zu wünschen. Dann öffnet sich der Vorhang ganz und zwei Frauen und drei Männer erscheinen und entnehmen nacheinander mit abstrusem Gehabe dem Automaten ein Getränk. Sie alle tragen graue Glencheck-Anzüge, bleu-weiße Seidenkrawatten und verschiedene Modelle blauer Schuhe. Sie reden sich mit Nachnamen an und stellen sich uns gegenseitig entsprechend vor. So präsentieren sich: Kretzky, der Kaffeekasper (höchst agil: Thomas Eisen), Hufschmidt, der skrupellose Karriererist (riesig und aggressiv: Paul Kutzner), Schmitt, auf Selbstoptimierung bedacht (sportlich: Josephine Tancke) Kristensen, awarenessaffine Teamworkerin (wirbelnd: Friederike Ott), Kruse, Loser-Typ, „steckt den Kopf in den Sand“ (berührend: Torsten Ranft).

Den Fünfen gelingt es, aus dem klug-witzigen, leicht aktualisierten Text, den Ingrid Lausund vor zwanzig Jahren schrieb, unter der Regie von Philipp Lux einen bitterbösen und zugleich anrührenden Theaterabend voll brillanter Einzelszenen zwischen Satire, Groteske und absurd-trauriger Komödie auf die Bühne zu bringen. Dabei sprechen durchaus auch mal zwei gleichzeitig ihre unterschiedlichen, selbstoptimierenden Texte zum gleichen, wenn auch konkurrierenden Ziel: dem Chef zu schmeicheln und zu imponieren. Denn darum geht es vorerst allen, um Aufstieg und Beförderung, um die nächste Stufe im kollegialen Konkurrenzkampf, bei dem es in diesem Vorzimmer - krasser gesagt, in dieser Bürohölle - bis zu Prügeln kommen kann.

Wunderbar dargestellt wird dieses Auf-und-Ab, dieses Hoffen und Scheitern in verrückten Treppenszenen. Jeweils zunächst im gestisch abstrus eingeübten Aufstieg auf den mächtigen Stufen der Treppe, an deren Ende sich mühsam die Wand öffnen lässt. Eine Tür führt ins Allerheiligste, aus dem grelles Licht strahlt, sobald die Tür sich nur einen Spalt öffnet und den Weg frei gibt zum gefürchteten Chef, der selbst unsichtbar bleibt. . Doch dann kommt der Abstieg: Verbogen, gekrümmt, gedemütigt kommen sie zurück. So erscheint etwa Kristensen nach dem Chefrapport mit einem großen Messer im Rücken oder ein anderes Mal im Kopf. Ergebnisse, die sie jeweils mit der selbstbetrügerischen Behauptung zu verdrängen sucht, es sei „ein gutes Gespräch“ gewesen, „auf gleicher Augenhöhe“.. Oder die zu jedem Spagat bereite und befähigte Schmitt muss den Gesichtsverlust hinnehmen, über den sie sich mit einem Lied hinwegtröstet, wobei die Maske langsam zerbröselt. Bei Kretzky dauert es länger, bis er wieder zur alten Form findet, nachdem er beim Chef offensichtlich die Hosen runterlassen musste und verhöhnt wurde, denn er kommt mit Clownsnase und in blauweißgemusterter Unterhose zurück, wird dann auch noch für eine Weile vom launischen Kaffeeautomaten verschlungen. Schließlich ist da noch der Zwei-Meter-Mann Hufschmidt, der vom Chef aufs Kindheitsformat gestutzt wird, nachdem er zuvor seine Kindheitstraumata mit Prügeln am hilflos kriechenden Kruse ausließ. Dem nichts bleibt, als sich hinter seinen Post-Its zu verstecken und von der „kleinen Revolte“ zu fantasieren.

Irgendwann ist Schluss mit den grellrot aufblitzenden, dröhnenden Kommandos aus dem Chefs-Himmel. Es kommt zu überdrehten Tutti-Szenen, bei denen sich auch mal alle zusammen in die Raucherkabine drängeln, in der ihnen dann allerdings die Luft zum Atmen ausgeht. Oder Kristensen wagt den Versuch eines Awareness-Teams. Man setzt sich tatsächlich zusammen im Stuhlkreis, doch alle schweigen. Zum Vertuschen des Misserfolgs nennt sie es „bewegtes Schweigen, nicht totes Schweigen“.

Dennoch löst sich gegen Ende die Beklemmung, das klaustrophobische Grundgefühl wird aufgebrochen, man singt gemeinsam und spricht im Konjunktiv, deutet sogar ein vages Verständnis für „Diedaoben“ an. Die Hoffnung stirbt auch hier zuletzt.

Das Publikum folgt dem Abend höchst amüsiert, reagiert immer wieder mit Zwischenapplaus und viel Gelächter. Es sind die tollen Schauspieler, die vom Regisseur gesetzten Gacks und die eindrucksvolle Musik, die über manche Erwartbarkeiten in der Handlung hinwegleiten.