Übrigens …

The Lottery im Schauspiel Essen

Ein langsames Ritual

Horror hat in der Gesellschaft schon lange allgemeine Faszination gefunden. Sich zu gruseln, unheimliche Situationen auszuhalten und sich auf das Ungewisse einzulassen, eröffnet eine sehr besondere und eindrückliche Form narrativer Erfahrung. Erzählmedien wie Literatur, Filme und Videospiele haben sich diese Möglichkeit längst zunutze gemacht - das Theater traut sich allmählich ebenfalls daran.

Als Mutter des modernen Horrors gilt die amerikanische Schriftstellerin Shirley Jackson. Zu ihren bekanntesten und vor allem kontroversesten Werken gehört die Kurzgeschichte The Lottery. 1948 in der Zeitschrift The New Yorker erschienen, löste die Geschichte sofort einen riesigen Skandal bei der Leserschaft aus, die sich vehement über Jackson und ihr Werk beschwerte. Die Geschichte sei abstoßend und hätte nie geschrieben werden sollen, hieß es in einigen Leserbriefen. Nicht nur hatte die Veröffentlichung eine Welle von Unverständnis und Missfallen, sondern auch Kündigungen der beliebten Kulturzeitschrift zur Folge. Und damit nicht genug, einige Gemeinden, Schulen und sogar Länder verbannten das Werk gänzlich.

Jackson schien mit ihrer tatsächlich sehr kurzen Geschichte einen gewaltigen Nerv getroffen zu haben, dabei ist die Handlung simpel: In einem kleinen, unbekannten Ort, zu einer unbekannten Zeit, finden sich alle Einwohner des Dorfes zusammen, um die alljährliche Lotterie zu veranstalten. Alles hat zunächst den Anschein eines idyllischen Sommertags, das Wetter ist lau, die Stimmung locker und das Event wirkt beinahe beiläufig. In zwei Stunden soll die gesamte Prozession ihr Ende finden, also beginnen die Familienoberhäupter des Dorfes zügig zwischen merkwürdigen Steinhaufen Zettel aus einer alten, schwarzen Box zu ziehen. Über den „Gewinn“ der jährlichen Lotterie wundert sich im Dorf schon lange niemand mehr - die Leserschaft hingegen schon und das bis heute.

Regisseurin Marie Schleef - bekannt für ihre performativen Ansätze bisher unaufgeführter Werke - bringt den Stoff erstmals im Theater Essen auf die Bühne. Auch ihre Herangehensweise ist simpel: In einer Audioeinspielung hört man Barry Hyman, den ältesten Sohn Shirley Jacksons, durch das Wohnhaus seiner Mutter gehen. Er beschreibt und kommentiert ihre Wirkstätte, bevor eine weitere Einspielung beginnt: Shirley Jackson liest ihre Kurzgeschichte selbst vor. Während ihres Vortrags handeln zwölf Schauspieler*innen in konstanter Zeitlupe und spielen das Gesagte in anhaltender Langsamkeit und gänzlich wortlos nach. Nur die zwei gelegentlich auftretenden Kinder bewegen sich in üblicher Geschwindigkeit. Den Rahmen bietet dafür ein knallbunter Dorfplatz mit orangenem Sandkasten, grünen Wänden und pinken Laternen. Die sich fast ständig drehende Bühne bringt später eine Statue eines kopflosen Engels, ein Münztelefon und einen Mast mit Lautsprechern zum Vorschein. Immer zu sehen ist hingegen ein in der Mitte thronender, erhöhter Pavillon, der stark an eine Agora erinnert. Die bunte Bühne wirkt insgesamt als starker Kontrast zur Düsternis, die sich im Werk langsam entfaltet. Langsamkeit ist ohnehin das Kernkonzept der Inszenierung. Während Jacksons etwa einstündiger Aufnahme wird zu keiner Zeit die motorische Zeitlupe verlassen.

Eine anfänglich nette Idee, die zunehmende Aufregung des Texts gegenteilig zu konterkarieren und mit der nahezu unerträglichen Langsamkeit auch die Spannung in die Höhe zu treiben. Dieser Ansatz geht allerdings nur bedingt auf. Ist einem der Text bekannt, bewirkt die anhaltende Slow-Motion eher einen Rückgang der Spannung und selbst bei Unkenntnis des Werks entsteht nicht nur ein zunehmendes Bedürfnis nach der inhaltlichen Auflösung, sondern auch einer visuell und emotional passenden Entsprechung auf der Bühne. Zunehmend suggeriert diese Form, dass mit dem Höhepunkt der Handlung auch die Inszenierung eine Art Zäsur erleben muss, im Gegensatz zum Werk bleibt diese aber inszenatorisch aus.

Schleefs Inszenierung versteht sich als audiovisuelles Seherlebnis. Dieses Erlebnis beschränkt sich allerdings auf sich langsam bewegende Menschen, die das Gesagte eines vorgelesenen Textes mit gelegentlich musikalischer Untermalung nachspielen - ein Hörbuch auf bunter Bühne in Zeitlupe. Ästhetisch steht die grelle Bühne von Ji Hyung Nam zwar anfänglich in deutlichem Kontrast zu Jacksons thematischer Düsternis und greift dabei das unbeschwerte Bild des Anfangs auf, sie verliert aber zunehmend an Prägnanz und wirkt letztlich beinahe unpassend und albern. Auch inhaltlich hätte Jacksons Werk durchaus Raum für eine intensivere Auseinandersetzung mit den zahlreichen ernsten Themen der Geschichte geboten. Dahingehend hätten die sich in normaler Geschwindigkeit bewegenden Kinder einen entsprechenden Ansatz bieten können. Neben ihnen scheinen die Erwachsenen nicht nur wie gefangen in ihrer Langsamkeit, sondern auch in den sich selbst auferlegten Ritualen. Das Tempo der Kinder wirkt im Kontrast fast wie eine höhnische Demonstration der Möglichkeit, sich aus dieser selbst auferlegten Erstarrung zu befreien. Leider baut die Inszenierung diese Idee aber nicht weiter aus. Auch die Statue des kopflosen Engels schien zunächst eine vertiefte Auseinandersetzung mit Jacksons Werk und den Bezügen zu ihren anderen Arbeiten anzudeuten, schließlich griff die Autorin wiederholt auf krude Kunstgegenstände wie Skulpturen oder alte Gemälde als mystifizierte Stilmittel zurück, aber auch dieser Ansatz wird nicht weiterverfolgt. Mithin unterliegt die Inszenierung ihrem Konzept in ähnlich starker Manier wie die Figuren des Textes ihren eigenen Ritualen. In der Idee funktioniert diese Verbindung zur literarischen Vorlage zwar wunderbar, auf der Bühne entfaltet dieser Ansatz aber nahezu keine Wirkung.