Ein Molch, der Deutschland heißt
Wir befinden uns im „Maschinenraum der Demokratie, im Kraftraum des Nationalstaats, im Bienenstock der Bürokratie.“ Prosaischer ausgedrückt: Vor uns liegt das Großraumbüro einer deutschen Behörde im späten 21. Jahrhundert. Ein riesiges Breitwand-Fenster erlaubt den Blick nach draußen. Und dort: ist Wetter. „Draußen: Wetter“ - mehr als das meldet man nicht, nicht in der Tagesschau, nicht im Großraumbüro, wo die Menschen über Alltägliches reden. Man sieht es bloß, wenn man im Parkett des Kleinen Hauses im Musiktheater im Revier sitzt: graue Wolken, Staub in der Luft, fliegende Blätter. Kein schimmernder Dunst mehr über Gelsenkirchen County, sondern eine ziemlich undurchdringliche Suppe. Im ersten Bild zeugt eine dünne Rauchfahne am linken Rand noch von industrieller Aktivität.
Drinnen sitzt Abteilungsleiterin Kessler in einem U-Boot, eine graublonde Matrone mit dicker Klunkerkette und panzerartigem kariertem Jackett. Pinguine watscheln vorbei. Kessler ist eine Dame ohne Unterleib, wie sich herausstellen wird, denn sie ist eine von den - wenigen - Puppen, die Ulrike Langenbein und Peter Lutz für die Uraufführung von Svealena Kutschkes Stück konstruiert haben. Noll hat sich ein wenig in sie verliebt. Das Büroleben unterscheidet sich am Ende des 21. Jahrhunderts nicht sonderlich von dem heutigen oder dem vom Ende des 20., das der Schreiber dieser Zeilen noch ausgiebig genossen hat. In Team-Meetings werden die drängendsten Probleme besprochen: Man hat nur einen einzigen Tacker, und die Kaffeetassen sind zu klein. Man redet über Faxgeräte und Löschpapier, die im Behörden-Land auch Ende des 21. Jahrhunderts nicht ausgestorben sind - ein Anachronismus, der, wie eine der Büroangestellten bemerkt, „eine ganz besondere Sinnlichkeit“ hat. Gruber und Weber, die beiden Frauen, unterhalten sich über ihre Neurosen und über Beziehungs-Stress. Ach ja, Dienstliches wird auch besprochen: Die Kartei für Denunziationen braucht mehr Untergruppen. Um was für eine Behörde es sich handelt, in der wir uns befinden, wird nicht weiter aufgeklärt, aber offensichtlich gibt es eine Unmenge von verschiedenartigen „Meldungen“, die hier kategorisiert, gelocht und abgeheftet werden - Meldungen, von denen man lange den Eindruck hat, dass sie folgenlos bleiben. Bis dass sie einen der Mitarbeiter selbst betreffen, der dann plötzlich verschwindet. Frau Gruber weist ab und zu auf den Wasserfleck an der Decke des Raumes hin. Der hat die Umrisse von Deutschland. Fasst man ihn an, ist es, als hielte man die Hand in einen Ozean.
Gruber, Noll und Weber halten sich an den absurden Ritualen des Büroalltags fest und schauen nicht hin: nicht auf das Wetter, das trist und freudlos durch die riesige Glasscheibe schaut, nicht auf das Artensterben, bei dem sich die Kaiserpinguine als erstaunlich widerstandsfähig erweisen, während Eulen und Katzen längst ausgestorben sind. Man darf davon ausgehen, dass die Bürogemeinschaft exemplarisch für die Menschheit im späten 21. Jahrhunderts steht. Algen wachsen über die Tastaturen, steigende Temperaturen sorgen für erhöhtes Aggressionspotential bei Ameisen, aber die Menschheit lässt sich nicht beirren. Der Klimawandel, der in Svealena Kutschkes Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert mal durch die Erwähnung von „roten Wüsten“ oder die sich in die bewohnten Räume zurückziehenden Pinguine (also Erderwärmung), meist aber durch Wasser-Metaphern (Extremwetter, steigende Meeresspiegel) versinnbildlicht wird, wird ignoriert: Irgendwann schließt man einfach die Jalousien vor dem Fenster zur realen Welt. Nur das Paranormale Phänomen - Daniel Jeroma, der im Büro für Ordnung zuständig ist - wirft ab und zu ein paar relevantere Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert ein: An der Grenze gibt es Schießereien, die demokratische EU ist zunehmend unattraktiv. Die traurigen Diktatoren seien die Schlimmsten, sinniert er, denn man unterschätzt sie so leicht. Längst ist aus der behaupteten Demokratie eine repressive Autokratie geworden, aber die Menschheit verschließt die Augen. Und isst vermutlich weiter genüsslich ihren Nusskuchen.
Denn: Noll hat derweil mit Deutschland geschlafen. Er hat Erstaunliches zu berichten: Deutschland, entsprungen aus dem ozeannassen Fleck an der Zimmerdecke, hat einen trockenen Kuss. Deutschland ist hässlich, und es isst für sein Leben gern Nusskuchen. Irgendwann fläzt sich Deutschland mit den Büro-Kollegen auf dem Sofa. Es ist eine dünne schwarze Gliederpuppe, ein Molch mit lackierten Teufels-Hufen. Man wird Meldung machen müssen, weil Noll so schlecht über ihn geredet hat. Die Denunziation macht auch vor den Mitarbeitern im Büro für die Sammlung von Denunziationen und ihren Familien nicht Halt.
Svealena Kutschkes Stück wurde im Rahmen des 42. Heidelberger Stückemarkts im Jahre 2025 mit dem erstmals vergebenen FIDENA Stückepreis ausgezeichnet. Es gibt eine Version für Puppentheater, die im MiR Gelsenkirchen zur Uraufführung kam, sowie eine „klassische“ Version, deren Uraufführung noch aussteht. Kutschke hat in einer großartigen, höchst originellen Sprache eine absurde, phantasievolle Dystopie formuliert, die mit überbordendem Humor und jeder Menge skurriler Einfälle brilliert. Die gesellschaftlichen, politischen und klimatischen Bedrohungen unserer Welt werden hinter einer leichthändigen, bizarren Bürokomödie versteckt und kommen doch auf gruselige Art zum Ausdruck. So verschraubt wie die Sprache treten auch die grotesk kostümierten Büroangestellten auf. Vor allem Luisa Krause als nervtötend schrille, so naive wie heimtückische Frau Gruber verdreht ihren Körper beim Sprechen kongenial zu den aberwitzigen Formulierungen ihres Textes. Wie sagt eine der Figuren in Kutschkes Stück beim scheuen Blick zum Fenster: „Früher konnte man Sterne sehen.“ Kutschkes „Fußnoten“ in der Inszenierung von Pablo Lawall sind wie kleine Sterne am Theaterhimmel.