Verjüngter Gedankenstrom
Arthur Schnitzlers Geschichte ist schnell erzählt: Der spielsüchtige Papa ist nicht zum ersten Mal pleite; und weil er zur Abwendung des Bankrotts mündelsicheres Geld veruntreut hat, steht er kurz vor der Verhaftung. Rettung könnte Papas reicher Freund, der Kunsthändler von Dorsday, bringen, der zufällig im gleichen Ort urlaubt wie Papas Tochter Else. Else erhält den höchst peinlichen Auftrag, Dorsday um die erkleckliche Summe von 30.000 anzupumpen, und zwar dalli dalli: Das Geld muss bis übermorgen auf dem Konto sein.
Hübsch zu sein, sei schon ein bitteres Los, räsoniert Else in der Kölner Theaterfassung von Schnitzlers Novelle. Wenn man es recht besieht, verhökert Papa das hübsche Mädchen auf übelste Art und Weise. Denn ihm muss klar sein, dass Dorsday ein Lustmolch mit Tendenzen zur Pädophilie ist, hat er doch Else schon betatscht, als die gerade mal 11 oder 12 Jahre alt war. Oder glaubt etwa jemand, dass er ihr nur scheu das Kinder-Ärmchen gestreichelt hat? Das passt doch nicht zu Schnitzler! So kommt also, was kommen muss: Dorsday will das Geld nur herausrücken, wenn Else sich eine Viertelstunde lang nackt vor ihm präsentiert. Die Phantasie ist entfacht: Ob es beim genüsslichen Betrachten bleibt, schreibt Schnitzler nicht, aber auch Julia Riedler, die Kölner Else, scheint ab und zu ihre Zweifel zu haben. Wie Schnitzler spricht sie nicht aus, was geschehen könnte. Vielleicht verdrängt sie, vielleicht schämt sie sich zu sehr, um diesen Gedanken auszusprechen. Jedenfalls steckt Else in einem Dilemma. Soll sie die Familie retten oder die eigene Ehre?
In der zu Schnitzlers Spätwerk zählenden Novelle ist – wie so häufig bei diesem Autor – viel Freud im Spiel. Das komplementäre Verhältnis von Libido und Todestrieb – gleich zu Beginn erkundigt sich Julia Riedler beim Publikum nach dessen Fachwissen im Hinblick auf das Barbiturat Veronal - ist eines der Grundthemen sowohl bei Schnitzlers Freund Sigmund Freud als auch in Schnitzlers Dichtungen. Aber Freud ist out; Elses bei Schnitzler noch explizite semi-erotische Träume sind in Köln gestrichen. Die beim Lesen der Novelle zunächst so schüchtern erscheinende, etwas naive Else hat für die Regisseurin Leonie Böhm und ihre Protagonistin sogar eine Vorbildfunktion, legt sie doch am Ende den männlichen Machtmissbrauch mit einem mutigen Schritt gnadenlos offen. Julia Riedlers Else ist zudem alles andere als schüchtern und naiv. Hin- und hergerissen zwischen den beiden Polen ihrer Handlungsmöglichkeiten, entwickelt ihre Else zunehmend Selbstbewusstsein – dass sie Dorsday am Ende zur Einsicht in sein Fehlverhalten und gleichzeitig sogar zur massiven Kritik an den patriarchalischen Verhältnissen bringt, hat der Rezensent allerdings als eine mit Ironie und Spott gespickte Utopie empfunden.
Schnitzlers Erzählung ist ein elegant formulierter, für die damalige Zeit sicher provokanter Gedankenstrom – bitter, aber nicht ohne Humor. Und so ist es auch im Schauspiel Köln. Nur ist Elses Gedankenstrom dort 100 Jahre jünger. Schnitzlers Text kommt vor, und zwar gar nicht so selten; auch der immer wieder unterbrochene Handlungsstrang folgt Schnitzlers Novelle recht genau. Aber zu gefühlt 70 Prozent besteht der Abend aus Julia Riedlers grandiosen Improvisationen. Sie spielt mit dem Publikum, flirtet mit dem Publikum, holt sich Rat beim Publikum. Die Souffleuse gibt vorübergehend ihre Tante Emma, ein Mann in einer der vorderen Reihen wird zu ihrem „Filou“ und muss wieder und wieder als Soundboard herhalten; irgendwo rechts im Publikum kürt sie einen Zuschauer zu ihrem Cousin Paul – und vor allem viele weibliche Zuschauer raten Else bereitwillig davon ab, sich vor Dorsday zu prostituieren. Else probt ihren Auftritt und testet alternative Wege, Dorsday zu begegnen. Und sie macht ‘ne Menge Spökes: Else, so muss man es wohl interpretieren, lenkt sich dann ab von den inneren Kämpfen, die in ihr toben. Sie lacht und weint, sie höhnt und zittert und bebt. Und sie verfällt auf eine tolle Idee: Die Scham muss die Seite wechseln. Dazu müssten wir alle, die wir im Parkett sitzen, mitwirken. Wir könnten Mr. Dorsday ultimativ kompromittieren. Oder muss etwa wie bei Schnitzler das Veronal als Lösung herhalten?
Julia Riedler wurde für diese Rolle bei der Kritikerumfrage der Zeitschrift Theater heute zur Schauspielerin des Jahres 2025 gewählt; in Österreich erhielt sie für ihr Spiel ebenso wie Leonie Böhm für ihre Regie den Nestroy-Preis. Zudem wurde die Inszenierung als eine der zehn bemerkenswertesten der vergangenen 12 Monate zum Berliner Theatertreffen 2026 eingeladen. Es ist sensationell, wie diese Schauspielerin innerhalb von Sekundenbruchteilen Stimmungen zum Kippen bringt – mimisch, sprachlich, körperlich. Angst, Koketterie, Empörung, Selbstkritik, Hoffnung, Unsicherheit, Sinnsuche, Abscheu, Spott, Wut, Ratlosigkeit: Diese Frau kann alles – und irgendwie alles gleichzeitig. Julia Riedler ist eine Show. Sie macht ihr Publikum zu Mitspielern – zu Menschen mit wohlfeilem Mitleid, die am Ende zu Voyeuren werden. Und sie präsentiert einen 100 Jahre alten, höchst aktuellen #MeToo-Fall, reif für die Epstein Files. Grandios!