Übrigens …

Die Orestie im Köln, Schauspiel

Im Gleichgewicht der Gerechtigkeit

Gerechtigkeit bringt alles ins Gleichgewicht.” - ein Grundsatz, von dem man bereits in der Antike ausging. Eingestehen musste man sich aber damals wie heute, dass Gerechtigkeit ein schwer zu fassendes Ideal ist, dessen Umsetzung an komplexe Grenzen stößt. Was ist gerecht? Kann des einen Recht des anderen Unrecht sein und welche Folgen hat das? Und wer oder was ist überhaupt dazu imstande, Gerechtigkeit zu bringen, um das gewünschte Gleichgewicht herzustellen?

Große Fragen, die bis heute nicht abschließend geklärt sind. Sicher wundert es dahingehend niemanden, dass Texte, die sich mit diesen Themenkomplexen befassen, noch immer auf der Bühne verhandelt werden - auch wenn sie knapp 2500 Jahre alt sind. Im Schauspiel Köln findet Aischylos’ Klassiker Die Orestie dafür eine ganz eigene Lesart. Ursprünglich als Trilogie für die Dionysien angelegt, beschreibt Aischylos im ersten Teil Agamemnon die siegreiche Rückkehr des Kriegsfürsten, nachdem er zehn Jahre gegen Troja in den Krieg gezogen war. Zurück in Argos trifft er auf seine Frau Klytaimnestra, die noch immer um ihre Tochter Iphigenie trauert - Agamemnon hatte sie zu Beginn des Krieges auf Geheiß der Göttin Artemis geopfert, um günstigen Seewind zu erhalten. Als Kriegsbeute präsentiert er zudem die Seherin Kassandra, Tochter des trojanischen Königspaars, die ihm nun als Sklavin und Konkubine dienen soll. Ein Umstand, der Klytaimnestras Groll derart befeuert, dass sie sich gemeinsam mit ihrem Geliebten Aigisthos dazu entschließt, ihren Gatten und Kassandra zu ermorden. Im zweiten Teil, den Grabspenderinnen, verweilt Agamemnons Tochter Elektra an dessen Grab und sehnt sich nach der Rückkehr ihres Bruders Orest, der von seiner Mutter aus Argos verbannt wurde. Wiedervereint entschließen sich die Geschwister mit Unterstützung des Gottes Apollon, Rache für den Vater zu üben, “Böses mit Bösem zu vergelten ist Gerechtigkeit.” Orest tötet seine Mutter und ihren Geliebten, allerdings nicht folgenlos; die Erinnyen, Rachegöttinnen uralter Zeit, treiben Orest nach seiner Tat in den Wahnsinn und fordern im Namen Klytaimnestras Vergeltung. Um diese verzwickte Situation zu lösen, veranstaltet die Göttin Athene im dritten Teil Die Eumeniden eine Art Prozess für Orest, aber auch die Jury kommt zu keinem klaren Ergebnis und spricht ihn zu gleichen Teilen schuldig und unschuldig, sodass Athene den Unschuldsgrundsatz anwendet und Orest nicht verurteilt. Ein Ergebnis, dass die Wut der Erinnyen erneut entflammen lässt und zur Besänftigung ein weiteres Mal Athenes Geschick fordert. Mit der von ihr in Aussicht gestellten Verehrung und Verbürgerlichung verwandeln sich die Rachegöttinnen sodann in die „Eumeniden“ - die Wohlgesinnten -, sagen sich von ihrem Groll und der Rachgier los und stellen sich fortan in den Dienst der Göttin.

Ein ungewöhnlich zuversichtliches Ende für eine antike griechische Tragödie mit all ihren komplexen Figurenstrukturen, Moralvorstellungen und Idealen. Der Grundstein bürgerlicher Rechtsprechung scheint gelegt zu sein, aber ist das Gleichgewicht damit auch wirklich wiederhergestellt? Sowohl der Muttermord, als auch die Opferung von Iphigenie bleiben gänzlich ungesühnt und reißen eine Leerstelle in den utopischen Gedanken allgemeiner Gerechtigkeit.

Die australische Regisseurin Adena Jacobs schaut in einer feministischen Lesart auf den antiken Text und legt ihren Fokus insbesondere auf die zwangsbefriedeten Erinnyen und ungesühnte Frauen. Die eigens verdichtete Fassung bündelt das Geschehen um die Konflikte der Familie und streicht geschickt Figuren wie Aigisthos oder Orests Freund und Unterstützer Pylades und setzt die Handlung in einen abstrakten Raum, der teilweise sogar von der Zeit losgelöst scheint. Die Bühne ist dafür anhaltend in eher dezentes Licht gehüllt, das einen erhobenen Steg und zwei teilweise in Steine gehüllte Gerichtsbänke erleuchtet. In einer eindrücklichen ersten Szene klagt Anja Lais als Klytaimnestra mit den Gebeinen ihrer verstorbenen Tochter in den Armen über das ihr widerfahrene Unrecht und animiert die Erinnyen, ihre Wut zu teilen. Verkörpert werden die Rachegöttinnen von zehn Studierenden der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Fast permanent auf der Bühne, steigern sie sich von stiller Beobachtung zu energetischer Mitwirkung. Anfangs noch von Agamemnon zu Boden geworfen und degradiert, bricht zunehmend der Zorn aus Ihnen heraus - erst mit kicherndem Hohn, dann mit schrillen, schmerzerfüllten Schreien. Thomas Dannemann legt seinen Agamemnon als widerliches Klischee eines Mannes an. Mit dem Tattoo eines Löwen auf der Brust, kürt er sich selbst als den “Löwen von Argos” und vergewaltigt seine Kriegsbeute Kassandra brutal inmitten anderer am Boden liegenden Frauen. Claude De Demo spielt die Seherin Kassandra dafür zunächst stumm - sowohl mit silberner Haut als auch in silbernem Kostüm mit passend emotionsloser Maske wirkt sie, wie die Trophäe, die sie für den Kriegssieger darstellt. Erst mit der Vision ihres bevorstehenden Todes findet sie ihre Stimme und schreit förmlich die starre Maske von ihrem Gesicht, bevor sie mit stoischem Ton den Tod empfängt. Weniger heroisch gibt sich hingegen der vermeintliche Held der Geschichte: Orest, gespielt von Steffen Siegmund. “Ich bin im Würgegriff des Schicksals” heißt es und so wird er zum Spielball des personifizierten Schicksals in Form der Tänzerinnen, die ihn buchstäblich in sein Unglück prügeln. Jeder Versuch, seinem Schicksal zu entrinnen, wird mit Gewalt im Keim erstickt.

Adena Jacobs arbeitet nah und präzise an ihrer geschickten Textfassung und scheut sich nicht, die anhaltende Düsternis des Werks auch visuell stimmig zu verarbeiten. Die Inszenierung ist voll kluger Einfälle, wie beispielsweise die nahezu permanente Präsenz der Erinnyen mit ihren anhaltenden Klagerufen und ihrer teilweise direkten Einmischung. Die Gerichtsbänke, auf denen die Figuren abwechselnd Platz nehmen, vermitteln das Gefühl einer permanenten Beobachtung, ob von der Familie, der Gesellschaft, den Toten oder den Göttern. Besonders gelungen ist dahingehend die Szene, in welcher Sarah Sandeh als Elektra am Grab ihres Vaters ein Opfertier ausnimmt, dieses aber nicht nur verspeist, sondern sich auch in dessen Gedärme kleidet und das Opfer damit schändet. Bei genauerer Betrachtung ähnelt die Anatomie des Tieres zunehmend der eines Menschen und weckt unweigerlich die Assoziation zu Elektras Schwester Iphigenie, die gleichermaßen wie ein Tier geopfert wurde und dieses ungesühntes Verbrechen ebenso schändlich fortbesteht.

Trotz der intensiven und weitreichenden Auseinandersetzung mit dem Werk und den handelnden Figuren, erlaubt sich Regisseurin Adena Jacobs im dritten Teil - den Eumeniden - den Text zu verlassen und stattdessen einen gänzlich abstrakten Raum zu betreten. Nachdem das aufwendige Bühnenbild von Eugyeene Teh fast gänzlich abgebaut wird, tanzen die zehn Studierenden der Hochschule für Musik und Tanz Köln als Erynnien zwischen den zusammengesetzten Gebeinen der Verstorbenen bzw. Getöteten ihren eigenen Prozess. Begleitet von einer großartigen und nachdrücklich stimmungsvollen Klangkomposition von Max Lyandvert thematisieren sie ihren Umgang mit der Gesellschaft als weiblich gelesene Personen, den Unrechtsstrukturen im Patriarchat und der Fragilität der eigenen Identität. Jacobs hebt damit die Frage nach Gerechtigkeit nicht nur in den heutigen Diskurs, sondern beleuchtet auch abstrakt, aber fokussiert den feministischen Aspekt des Themenkomplexes. Dahingehend wirken weder die Textfassung noch die ungewöhnliche, aber kreative Schwerpunktsetzung auf die Erinnyen aufgesetzt. Im Gegenteil, eine Auseinandersetzung mit den ungesühnten Toden von Klytaimnestra und Iphigenie sowie den zwangsbefriedeten Erinnyen erweist sich bei genauerer Betrachtung nicht nur als geboten, sondern als längst überfällig.

Jacobs hat dies erkannt und feinfühlig umgesetzt. Neben einer speziellen Ästhetik zwischen metallischen Farbtönen in Bühne und Kostüm, Roboterarmen, intimen Videoeinspielungen und anhaltend passender Düsternis, gelingt dem Team am Schauspiel Köln eine sowohl künstlerisch, als auch inhaltlich anspruchsvolle Inszenierung, ohne kitschig, belehrend oder pädagogisch zu wirken. Ein seltener und im besten Sinne fordernder Theaterabend, der Inhalt, Ästhetik und Pathos wunderbar balanciert.