Übrigens …

Destination: Origin im Mülheim, Theater an der Ruhr

Die Flucht nach dem Heiligen Feigenbaum

Fear is the mother of paranoia“, heißt es einmal in der Performance der um die deutsch-amerikanische Schauspielerin Eli Riccardi verstärkten drei Iranerinnen. Bereits kleinste Veränderungen jagten den Schauspielerinnen in den letzten Tagen und Wochen ihres Verbleibs in der Heimat panische Ängste ein. Furcht und Verfolgungswahn erscheinen in der Tat als angemessene Reaktionen auf das, was die drei Frauen erlebt haben. Sie erzählen unter anderem von den Arbeiten an einem Film, der undercover gedreht wurde. Beim Casting erfahren sie nichts über die Inhalte des Films, nichts über die eventuellen Kolleginnen, nichts über die Bedingungen des geplanten Projekts. Werden sie zum Beispiel wie in offiziellen iranischen Produktionen ihre Haare verbergen müssen? Es wird jedenfalls ein Film sein, an dem mitzuwirken mit erheblichen Gefahren verbunden ist.

Als regimekritische Schauspielerinnen im Iran arbeiteten Niousha Akhshi, Mahsa Rostami und Setareh Maleki bis 2022 im Wechsel bei offiziellen Produktionen und geheim produzierten Underground-Projekten mit. Mit dem gewaltsamen Tod von Mahsa Amini, ausgelöst durch Schläge der iranischen Sittenpolizei, wuchs auch der Widerstand der drei Schauspielerinnen, die nunmehr endgültig ablehnten, in staatlich genehmigten Produktionen mitzuwirken. Auch der Film, von dem einleitend die Rede ist, wurde von den Protesten gegen den Tod von Mahsa Amini angeregt. Unter der Regie von Mohammad Rasoulof, der der auch die heutige Aufführung im Theater an der Ruhr verantwortet, wurde „Die Saat des Heiligen Feigenbaums“ gedreht, eine deutsch-französisch-iranische Koproduktion aus dem Jahre 2024, die sich kritisch mit dem Rechts- und Spitzelsystem im heutigen Iran auseinandersetzt. Sie gewann den Spezialpreis der Jury bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes und erhielt Nominierungen für den Oscar, den Golden Globe, die British Academy Film Awards, den César und den Europäischen Filmpreis. Im Iran wurde der Film verboten; die künstlerische Freiheit für Film- und Theaterschaffende wurde mehr und mehr eingeschränkt. Regisseur Mohammad Rasoulof wurde zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, der er sich durch Flucht entzog.

Auch Akhshi, Rostami und Maleki mussten das Land verlassen. Akhshi und Rostami verfügten über ein französisches Visum; Setareh Maleki dagegen wurde der Pass unmittelbar vor der Ausreise am Flughafen Teheran entzogen. Sie vertraute sich einem Fluchthelfer an, der sie auf einer gefährlichen, unmenschliche Anstrengungen erfordernden Route in die Türkei führte. In einem beklemmenden Monolog erzählt sie von ihren Ängsten und von den Strapazen der Reise. Ist der Fluchthelfer seriös; wird er sie tatsächlich sicher und unversehrt über die Berge führen? - „The eyes get scared, the feet carry on“, wird der Fluchthelfer mantraartig wiederholen, wenn die Kräfte der Frau erlahmen – ein echtes, auf der Flucht gefallenes Zitat, wie die Schauspielerin im Künstlergespräch im Anschluss an die Vorstellung im Theater an der Ruhr erwähnt. - In Cannes treffen sich die drei glücklich wieder; derzeit leben sie in Berlin. Ihr Ziel ist es, irgendwann in den Iran zurückkehren zu können: Destination: Origin.

Ihre Aufführung sei nicht politisch, behaupten die Schauspierinnen. Sie wollten nur ihre eigenen Geschichten erzählen - vom Verlassen der Heimat und dem Ankommen in einem fremden Land. Erst das iranische Regime habe sie zu einer politischen Performance gemacht. Doch die Bilder, die der Regisseur Rasoulof und die Choreografin Laurie Young gefunden haben, und die Geschichten, die die Schauspielerinnen erzählen, könnten politischer nicht sein. Zu Beginn steht eine Frau im langen weißen Kleid auf der Bühne und hält sich die Augen zu. Von hinten nähern sich ihr zwei schwarzgekleidete Figuren, die sie zu bedrohen und zu fesseln scheinen; von der Seele, die den Körper verlässt, ist die Rede. (Es wird Farsi gesprochen; gut lesbare englischsprachige Übertitel übersetzen den Text.) Zu Stroboskop-Blitzen bewegen sich die Schauspielerinnen in einem Wald aus dicken, vom Schnürboden herunterhängenden Seilen, die an Galgenstricke erinnern. Persische Gesänge, die auf den deutschen Besucher eine harmonische, folkloristische Anmutung haben, werden scheinbar passend von den Lauten eines Muezzins begleitet - und dann fallen die Schauspielerinnen eine nach der anderen wie tot um.

Aber es gibt auch Momente der Hoffnung und Poesie: Eine wunderschöne, nur mit den Händen ausgeführte Choreografie geht über in ein angedeutetes Ballspiel, das wirkt, als wollten die Schauspielerinnen en Mond oder die Sonne vom Himmel holen. Am Ende dieses nur mit Hilfe von Scheinwerfern dargestellten Spiels fängt eine der Performerinnen ein Licht. Ein trauriges Lied, das eine verlorene Liebe besingt, könnte auch eine Metapher für die Liebe zur verlorenen Heimat sein. Choreografien, Bilder und Musik von großer Schönheit wechseln sich ab mit kargen, aber eindringlichen erzählerischen Szenen, in denen die Schauspielerinnen fast bewegungslos an der Rampe stehen.

Völlig dunkel ist die Bühne in den ersten 45 Minuten der Performance. Erst in der letzten Szene, die in Berlin spielt, wird das Licht heller. Die in der Heimat Verfolgten sind angekommen in der Fremde. Dort gibt es Sicherheit, was aber nicht notwendigerweise gleichbedeutend ist mit Geborgenheit. Ein Besuch im legendären Techno-Club Sisyphos löst Anspannungen und verspricht vorübergehendes Glück, bevor die in der Freiheit Angekommenen von Traurigkeit befallen werden: The dog of sadness snatches their legs. Immerhin trägt eine der Schauspierinnen nun wieder ein wunderschönes weißes Kleid mit weichen, fließenden Formen, das von den wallenden Stricken aus dem bedrohlichen ersten Akt harmonisch umspielt wird. Zwei Performerinnen aber sind mit einem solchen Seil angekettet an einen Baum - die Erinnerung an die Heimat lässt die im Exil Befindlichen nicht los.

Eli Riccardi spielt eine undurchsichtige Matratzenverkäuferin, die einerseits ihr Produkt anpreist und andererseits immer wieder fragt: „Wie fühlen Sie sich? Ist Ihnen bequem?“ - Nein, bequem ist es nicht im Exil. Wenn man die Heimat verliere, verliere man die Seele, betonen die drei Schauspielerinnen im Künstlergespräch. In der Fremde versuche man dann, die Seele wiederzufinden. Wir alle können dabei helfen: indem wir sie integrieren und ihre bemerkenswert positive Grundhaltung übernehmen: „There is no ‚them‘ and ‚us‘. It is always us.“