Übrigens …

Wo sind denn alle? im Moers, Schlosstheater

In der Einsamkeit der Wasserschäden

Angenommen, es gäbe einen Fleck…“, stottert Linus Ebner. Hilflos, unsicher, hypernervös und sprunghaft. Er stottert noch lange, blickt ratlos ins Publikum. Aber auch dort findet sich kein Klempner. Ebner hat einen Wasserschaden.

Und nicht nur er. Catherine Elsen, Mathias Hesse, Clara Pinheiro Walla - sie alle haben einen Wasserschaden. Kein Wunder, wohnen sie doch auf engstem Raum zusammen: Die Bühnenbildner haben einen kleinen Spanholzplatten-Wohnblock mit lauter kleinen Single-Behausungen und einem itzybitzyteenieweenie zugangslosen Balkon auf die Bühne des Schlosstheaters Moers gebaut. Ebner also (da die Figuren keinen Namen haben, nennen wir sie einfach mit ihren Schauspieler-Namen) stolpert auf den Flur. Irgendwann rastet er furchtbar aus, aber seine Wut geht ins Leere. Sie ist an niemanden gerichtet und trifft niemanden. - Hesse schleppt derweil ein sauschweres Paket herbei. In seinen Fragen übergriffig bis zum Gehtnichtmehr, ist er ein wahrer Katastrophenjunkie und malt die Teufel sämtlicher Höllen an die Wand. Er zählt auf, was aus so einem Wasserfleck alles entstehen kann: tödliche Krebserkrankungen zum Beispiel; auch sollen als Konsequenz aus solchen Schäden auch schon ganze Häuserblocks abgerissen worden sein. Elsen, die Einzige, die in der Inszenierung von Leo Meiers neuem, gemeinsam mit Emil Borgeest geschriebenem Stück einen Namen hat (nämlich Catherine Elsen), ruft die Klempner-Hotline an und bittet um Hilfe. Katastrophenjunkie Heße hört nur „Hilfe“ und alarmiert Notdienst und Polizei.

Das alles ist total lustig. Selten hat der Rezensent im Theater so häufig in sich hinein gegibbelt; einmal hat er sogar laut losgeprustet, was dem eher komödienaversen Kritikaster höchst selten passiert. Aber bald realisieren wir: Leo Meiers viertes dramatisches Werk ist vielleicht sein Ernsthaftestes. Die drei Bewohner des Blocks (Pinheiro Walla kommt erst sehr spät hinzu) verkörpern drei völlig unterschiedliche Charaktere. Gemeinsam ist ihnen, dass sie allein wohnen. Wenn es sein muss, sprechen sie miteinander. Aber sie reden nicht miteinander - nicht einmal über die Möglichkeit, sich gemeinsam um den Wasserschaden zu kümmern. Selbst dann nicht, wenn in Ebners Wohnung vernehmlich die Maschine der Bautrocknung wummert... - Matthias Hesse, der begnadete Komödiant, lässt viel dummes Zeug auf die anderen herniederprasseln. In einer der schönsten Szenen des Abends lässt er ein Trommelfeuer von bescheuerten, überflüssigen und übergriffigen Fragen auf Catherine Elsen los, die diese sämtlich mit einem emotionslosen „Nein“ beantwortet. Das Verhör ist so grotesk und witzig, dass das Publikum gar nicht anders kann als mit Gelächter zu reagieren. Doch dann antwortet Elsen ein einziges Mal mit einem ganzen Satz, und schon ist es mucksmäuschenstill im Parkett: „Ich bin einfach nur traurig.“ Ob es an der dramaturgischen Komposition von Meiers und Borgeests Stück liegt oder an Catherine Elsens Spiel, sei dahingestellt, aber: Der Satz trifft in die Magengrube.

Hesses Frage-Diarrhoe hat vermutlich den gleichen Grund wie Elsens Zurückgezogenheit: Einsamkeit. Inzwischen haben wir längst den älteren Herrn in der Ritterrüstung kennengelernt, der sich von ganz hinten aus dem Parkett unter freundlicher Begrüßung einzelner Theaterbesucher bis auf die Bühne vorgearbeitet hat. Er stellt sich als Olaf Meier vor - und tatsächlich: Er ist der Papa von Leo. Vater Meier war knapp 30 Jahre lang Leiter der ökumenischen Telefonseelsorge für Duisburg, Mülheim und Oberhausen - ganz in echt; no fake. Papa ist für die diagnostischen, besinnlichen Momente in Sohnes abenteuerlicher Komödie zuständig. Einsamkeit war ein häufiger Grund für die Hilferufe seiner Klienten in Beruf. Meier berichtet, wie häufig Einsamkeit mit Scham und Schuldgefühlen verbunden ist. Menschen wollten autark sein, seien aber stets auf andere angewiesen; viele Menschen seien unabhängig, aber bedürftig. Die scheinbaren Gegensätze schließen sich nicht aus - wer schaut schon in die Psyche von Fremden, wer weiß, welche Defizite im sozialen Bereich die Menschen empfunden? Olaf Meier schafft inmitten von Meiers absurdem Sprachkunstwerk höchst intensive Momente. Seine Ritterrüstung habe ihm sein Sohn aufgeschwatzt, erzählt er schmunzelnd: Auch Seelsorger seien schließlich verletzlich und benötigten Schutz. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, welchen psychischen Belastungen gerade diese Berufsgruppe ausgesetzt ist!

Haben wir jetzt tief genug gegründelt? Sohn Meier denkt das auch und schließt an Vaters nachdenklich machende Reflexionen Jiovanottis wunderschöne Canzone „Mi fido di te“ an, in deren absurden Sprachbildern Meier sicher einen Verwandten im Geiste gefunden hat. Vor allem aber ist sie ein Plädoyer für Vertrauen: „Di stare collegato … La vertigine non è paura di cadere ma voglia di volare“ („In Verbindung zu bleiben … Der Schwindel ist nicht die Angst zu fallen, sondern die Lust zu fliegen“). In Verbindung zu bleiben, Vertrauen aufzubauen - das sind Rezepte gegen die Einsamkeit und Schlüssel zum Glück; Jiovanotti macht ein schönes, melodisch leicht wirkendes Liebeslied daraus. Meiers und Borgeests Stück will nicht wie ein belehrender, anstrengender Problemtext daherkommen - im Gegenteil: Es steht in der Tradition der beiden Erstlinge des Autors, Zwei Herren von Real Madrid  und fünf minuten stille. Die waren zum Schreien komisch. Das ist Wo sind denn alle? (übrigens eine Auftragsarbeit des Schlosstheaters Moers) auch.

Haben Sie schon mal einen Vergleich gezogen zwischen dem Tetraeder von Bottrop und den Pyramiden von Gizeh? Oder zwischen der Magie des Taj Mahal und einer Fahrt mit dem E-Bike entlang des Rhein-Herne-Kanals? Meier hat ein unvergleichliches Gespür für Situationskomik, für Kipp-Punkte zwischen Witz und dahinter lauernder Tragik und zwischen absurdem Theater und den Pointen eines Comedians. Dass der Beginn einer zarten zwischenmenschlichen Annäherung ausgerechnet mit einer abstrusen Geschichte über Bienen zusammenhängt, ist sicher auch kein Zufall. Meier und Borgeest schaffen es in ihrem neuen Stück auf unnachahmliche Weise, Tragik und Komik, Slapstick und Schwermut miteinander zu kombinieren. Elsen thematisiert das sogar einmal in einem Dialog mit Ebner: Sprache sei immer falsch, behauptet sie, zwischen der Sprache und dem Gefühl gebe es keine Verbindung. Sie beginnt einen Monolog, dem zuzuhören ausgesprochen witzig ist - und der einen höchst ernsthaften, weil die Diagnose von Depressionen nahelegenden Hintergrund hat.

Triefend nass erscheint zum Schluss die vierte Bewohnerin einer dieser Wohnzellen auf der Plaza. Clara Pinheiro Walla hat es grad‘ noch rechtzeitig vor dem Ende der Aufführung geschafft, sich vor dem Ertrinken im eigenen Badezimmer zu retten. Sie thematisiert die Einsamkeit und Hilfebedürftigkeit endlich und hebt sie - selbstverständlich erneut mit grotesken Formulierungen - auf eine höhere Ebene, nämlich die der Evolutionsgeschichte. Resolut klopft sie an die Türen ihrer Nachbarn. Man beginnt, miteinander ins Gespräch zu kommen. Man redet aneinander vorbei und nähert sich dennoch an. Man besichtigt die gegenseitigen Wasserschäden. Und als über das Gesicht der 80 Minuten lang so wunderbar traurigen, melancholischen Catherine Elsen für eine Zehntelsekunde ein flüchtiges Lächeln huscht, bemerken wir, die wir uns im Parkett so prächtig amüsiert haben: Auf der Bühne hat heute niemand gelacht.