Übrigens …

Das Band. Freundschaft als Lebensform/ Kein Ort. Nirgends. im Mülheim, Theater an der Ruhr

Unter Freunden

Es gibt Konzepte, die im Menschen so stark verankert sind, dass es beinahe unmöglich ist, sie präzise zu erfassen. Freundschaft wirkt natürlich, fast organisch. Das Bedürfnis neue Freundschaften zu knüpfen, sie zu vertiefen, zu pflegen und in ihnen aufzugehen gehört zur inhärenten Beschaffenheit des Menschseins. Kunst versucht, solch abstrakte Eigenschaften stets greifbar zu machen - das Theater, mit seiner Möglichkeit der zwischenmenschlichen Interaktion, wirkt dabei als nahezu ideales Medium.

Im UTOPIE 2 Zyklus des Theater an der Ruhr entstanden dafür gleich zwei miteinander verbundene Produktionen, die mit denselben drei Schauspieler*innen aber unterschiedlichen Regie-Teams und Herangehensweisen entwickelt wurden. Als Doppelvorstellung sind beide Inszenierungen hintereinander zu sehen, was ihre Korrespondenz besonders spürbar macht.

Beide Produktionen verlegen ihre Bühne in das Foyer Klaus Arzberger. Dort sitzt das Publikum gemeinschaftlich an Tischen und zeichnet damit einen deutlichen Kontrast zur Anonymität der üblichen Theatersäle. Eben diese Anonymität aufzubrechen bildet den Fokus aus Dijana Brni?’ und Alexander Weinstocks Inszenierung Das Band. Freundschaft als Lebensform (UA). Gespielt wird zwischen oder hinter den Tischen, eine fortlaufende Handlung gibt es dabei nicht. Amal Omran, Maëlle Giovanetti und Frank Casali skizzieren in losen Szenen diverse Aspekte von Freundschaft, so gießen sie beispielsweise in der ersten Szene gemeinsam und still eine Pflanze und lassen diese Metapher wortlos wirken. Ein Kinobesuch verbindet danach nicht nur die drei Freunde, sondern auch das Publikum, welches durch Videobänder aneinander geschnürt wird. Bei einem späteren Telefonat in ihrer Muttersprache arabisch wird auch ohne den Inhalt des Gesagten zu verstehen, die intime freundschaftliche Bindung zwischen Amal Omran und der Person am anderen Ende der Leitung deutlich und In einer gefühlt endlosen Kaskade von Versprechen zwischen den drei Schauspieler*innen verpflichtet sich die Gruppe am Ende zu verschiedensten Freundschaftsdiensten.

Zum Einsatz kommt aber nicht nur das Ensemble, sondern auch das Publikum und zwar ziemlich direkt; jedem Tisch wird ein Buch mit Fragen ausgehändigt, die gemeinschaftlich und nur mit einem Wort beantwortet werden sollen. Bei Fragen wie: “Welche Farbe hat Freundschaft?”, “Wie pflegt man eine Freundschaft?” und “Was durchschneidet das Band der Freundschaft?” wird auch dem Publikum klar, wie schwierig es ist, für solch intime und abstrakte Konstrukte eine individuelle, aber auch eine gemeinsame Antwort zu finden. Zum Dank wird die Arbeitsgemeinschaft beziehungsweise potentiell neue Freundesgruppe mit einem Polaroid entlohnt. Einige Antworten finden in der Schlussszene sogar Erwähnung, bevor der erste Vorhang nach knapp einer Stunde fällt und das Publikum mit selbst beantworteten, aber ansonsten unverhandelten Fragen und ziemlich wenig Schauspiel entlassen wird. Die Inszenierung versteht sich selbst als Plädoyer für die Freundschaft, der Inhalt des Plädoyers bleibt dabei aber gänzlich schleierhaft.

Alina Sobottas Ansatz greift hingegen Motive aus Christa Wolfs 1979 veröffentlichter Erzählung Kein Ort. Nirgends auf. Wolf beschreibt eine fiktive Begegnung der Poetin Karoline von Günderrode mit dem Dichter Heinrich von Kleist. Bei einer Teegesellschaft 1804 bemerken die beiden, wie ähnlich sie sich sind, ergründen aber auch ihre Unterschiede, Weltanschauungen und vertiefen eine komplizierte Beziehung zwischen ihrer jeweiligen Zerrissenheit und ihren künstlerischen und gesellschaftlichen Ansprüchen. Dabei entwickelt sich zwischen den beiden eine Dynamik, die sich als tragische Freundschaft beschreiben ließe. Christa Wolfs Text könnte auch heute kaum noch aktueller sein, nahezu poetisch manövriert sie durch komplexe und ernste Themengebiete und beleuchtet dabei Aspekte über die Wichtigkeit und Schwere der Kunst, sich selbst und der Gesellschaft nicht gerecht zu werden und der Erkenntnis nicht am richtigen Ort zu sein, nirgends und folglich nicht weiter existieren zu wollen. “Was für ein Trost, dass man gar nicht leben muss.” heißt es, eine subtile Vorahnung auf den tragischen Suizid der beiden Protagonisten.

Das Hauptaugenmerk liegt in Alina Sobottas Inszenierung allerdings nicht auf dieser tiefen Traurigkeit, primär bietet Christa Wolfs Werk eher einen losen Rahmen für den Abend: es bleibt die Teegesellschaft, die vom Publikum samt serviertem Tee dargestellt wird und die Idee, dass Karoline von Günderrode und Heinrich von Kleist aufeinandertreffen. Wolfs Text findet aber nur an wenigen Stellen Anwendung, dazwischen wird das Foyer zwar von Bekim Aliji in visuell sehr ansprechende Lichtstimmungen gesetzt, in diesen handeln die Akteure aber oftmals gänzlich wortlos und darüber hinaus auch ohne stringente Aussage. Dahingehend wirkt Christa Wolfs Text mit all seiner Schwere und seinen anspruchsvollen Themenkomplexen nahezu aufgesetzt und fast schon deplatziert. Und das, obwohl es durchaus gute Einfälle gibt; so tauschen die Figuren zu Beginn ihre klassischen Kostüme, in denen man sie kennt und die man an ihnen erwartet, gegen modernere, komfortablere Kleidung und stellen sich so gegen ihr antizipiertes Bild. In einer anderen Szene lesen sich Maëlle Giovanetti als Karoline von Günderrode und Frank Casali als Heinrich von Kleist ihren Text energisch vor, dabei gehen sie mit einem großen Stapel Blätter umher, auf denen nur ihr eigener Text steht und werfen die gelesenen Seiten einfach von sich. Es wirkt, als würden sie sich die Aussagen zunächst vorwerfen oder vorhalten, dann, als distanzierten sie sich von dem Gesagten, den Figuren, sezierten den Inhalt und begutachteten alles von außen. Es bleibt allerdings nur bei wenigen Szenen mit Inhalt oder überhaupt irgendeiner Form von Geschehnis. Die Inszenierung verläuft somit immer wieder in langem Gedümpel, das zwar musikalischen wunderbar von Clara Bezinka sowohl mit diversen klassischen Stücken, als auch mit modernen und experimentellen Klangkompositionen untermalt wird, ansonsten aber weder ästhetische, noch intellektuelle Impulse bietet.

Die Idee des Abends ist charmant, aber schwierig. Etwas so abstraktes wie Freundschaft greifbar zu machen, scheint wie gemacht für das Theater und für ein aufgeschlossenes Publikum innerhalb neuer Formen. Notwendig ist dafür aber nicht nur die Aneinanderreihung emotionaler Facetten, sondern auch die tatsächlich inhaltliche Auseinandersetzung und Verhandlung der Themenkomplexe. Diese ist in beiden Inszenierungen nicht erfolgt, was eine sowohl impuls- als auch inhaltsleere Doppelvorstellung zur Folge hat. Die Bewältigung der auferlegten Aufgabe schien dahingehend für beide Regie-Teams ganz im Sinne des Zyklus’, in dem die Inszenierungen entstanden sind: utopisch.