Übrigens …

Über die Dörfer

Durch Entschleunigung zur Erkenntnis

Mit Tatsachen, die uns zu erdrücken drohen, waren wir nie so präsent konfrontiert wie heute. Mediale Berichterstattung und ein sich kaum zu entziehendem Angebot an Nachrichten über das Weltgeschehen umgeben uns unentwegt. In dieser Schnelllebigkeit scheint es heute beinahe unmöglich innezuhalten, zu pausieren, zu entschleunigen und zu reflektieren, sodass mit dem Ausbleiben dieser Achtsamkeit auch die Gefahr wächst, sich selbst, der eigenen Umwelt und der Realität zunehmend weniger gewahr zu werden.

Der bis heute wegen seiner Aussagen im Jugoslawienkonflikt nicht unumstrittene österreichische Nobelpreisträger Peter Handke folgt ebenfalls diesem Gedanken und verarbeitete ihn mit weiteren Themenkomplexen in seinem 1981 erschienenen dramatischen Gedicht Über die Dörfer; Nach dem Tod der Eltern erbt Gregor das Familienhaus in einem kleinen Dorf. Dort lebt allerdings noch sein Bruder Hans, der Gregor versucht zu überreden, das Haus ihrer Schwester Sophie zu hinterlassen, damit diese sich eine Existenz aufbauen kann. Der Familienstreit spitzt sich zu und fördert die individuellen Konflikte der Geschwister über Existenzangst, Industrialisierung, Globalisierung, Krieg und Veränderung zutage. Erst die Rede der ominösen Figur Nova bringt Licht in die anwachsend finstere Verzweiflung und plädiert für einen anderen Umgang mit den Problemen und der Realität im Allgemeinen.

Die Langsamkeit ist das Geheimnis” und damit auch der Kernimpuls zur Bewältigung aller Konflikte. Erst in Langsamkeit sei es möglich, sich selbst, seine Umwelt und die Wirklichkeit vollends wahrzunehmen. “Vor allem hab Zeit und nimm Umwege. Lass dich ablenken. Mach sozusagen Urlaub. U?berho?r keinen Baum und kein Wasser. Vergiss die Angeho?rigen, besta?rke die Unbekannten, bu?ck dich nach Nebensachen [...] pfeif auf das Schicksalsdrama, missachte das Unglu?ck, zerlach den Konflikt.”, so nur einige der vielen Handlungsanweisungen, die zu Entschleunigung und Achtsamkeit aufrufen, um Abstand zu den eigenen Problemen zu gewinnen und wieder den Fokus auf das Wesentliche zu legen.

Nicht nur Peter Handke, sondern auch Regisseur Roberto Ciulli - Gründer und ehemaliger Intendant des Theaters an der Ruhr - stellt Friedrich Nietzsches Zitat: “Eine zärtliche Langsamkeit ist das Tempo dieser Reden.” an den Beginn des Werks und gibt so den Takt der Inszenierung an. Nitzsche reflektiert mit diesen Worten in seinem autobiografischen Text Ecce homo zwar sein Werk Also sprach Zarathustra, Ciulli übernimmt sie aber wörtlich für seine Inszenierung und stellt den gesamten Abend unter dieses Leitmotiv. Umrahmt von Terracottascherben gibt Elisabeth Strauß’ Bühne einen einst sicher edlen Boden mit Schachbrettmuster preis, der jetzt allerdings staubig, teilweise nass und von Zerstörung umgeben ist. Eine kaputte Kasse, umgefallene Stühle, stilisierte Gräber, eine verlassene Leiter und zerbrochene Glocken geben Zeugnis über die von den Figuren beschriebene Verwahrlosung und den vernichtenden Krieg. Inmitten der Scherben streiten die Geschwister nicht; ruhig verweilen sie in den Trümmern und sprechen ihre Monologe völlig losgelöst von und als stünden sie in keinerlei Korrespondenz zueinander. Ohne Reaktion auf die jeweiligen Reden, wirkt es, als würden sich die drei in ihrem Leid beinahe übertrumpfen wollen. Albert Bork balanciert Gregors Unwillen, sich der Verantwortung und der Gegenwart zu stellen, eindrücklich zwischen zugespitzter Wut und emotionskalter Abgestumpftheit. Sophies tiefe Trauer über die vermeintliche Unmöglichkeit, sich eine Zukunft aufbauen zu können, stemmt Maria Neumann mit nachdrücklicher Deutlichkeit. Besonders beeindruckend legt Joshua Zilinske die innere Zerrissenheit von Hans offen. Einerseits sein Leben als Arbeiter schätzend und romantisierend, andererseits sich der damit verbundenen Fragilität durch Industrialisierung und allgemein mangelnder Anerkennung bewusst, reißt es ihn zwischen aufkeimender Misanthropie einerseits und Lebensüberdrüssigkeit andererseits hin und her. Sein intimer Tanz mit einer alten, rostigen Sense offenbart auch ohne Worte, dass es innerhalb seiner Ideale für ihn nichts mehr zu ernten gibt. Bernhard Glose spielt Nova passenderweise nicht als leuchtenden Hoffnungsschimmer, sondern als ruhigen moralischen Anker. Weder belehrend, noch altklug oder fordernd, konfrontiert er die Geschwister mit seinen Impulsen über Zeit, Geschwindigkeit und Umsicht. Getrieben von Novas Rede schreiten die Geschwister letztlich in den hinteren Teil der Bühne, der, von einem transparenten Vorhang abgetrennt, unentwegt einen einzelnen Stuhl beleuchtet. Der potentiellen Lösung zusteuernd, schiebt das Trio den Vorhang zwar beiseite, nimmt aber nicht auf dem Stuhl Platz, sondern bricht erschöpft und resigniert dahinter zusammen. Novas Rede richtet sich sodann mit seinen Handlungsanweisungen an das Publikum, bevor der Vorhang fällt.

Roberto Ciulli inszeniert Handkes Text damit nicht als stringentes Narrativ, sondern als emotionales Stimmungsbild. Mit der Langsamkeit des Gesprochenen und dem äußerst geringen, aber dafür emotional stark aufgeladenen Bühnengeschehen verleiht die Inszenierung Handkes bildhafter Sprache besonders viel Kraft. Gerade in ihrer ruhigen, bisweilen an Monotonie grenzenden Manier setzt die Inszenierung eine besonders intensive Aufmerksamkeit voraus und entfaltet ihre Wirkung umso stärker, je mehr man sich auf diese Form einlässt. Insgesamt gelingt Ciulli mit dem großartigen Ensemble des Theater an der Ruhr damit aber ein ernster und nachdenklicher Abend mit kraftvollen Bildern, der trotz aller Schwere geschickt Raum zur Reflektion und für Zuversicht und Veränderung eröffnet.