Harmonie und Weltrettung mit Hildegard von Bingen
Die Augen sollen wir schließen, bittet das aus Schauspielerinnen des Theaters an der Ruhr und des italienischen Theaterkollektivs Anagoor zusammengesetzte Ensemble; unserem Atem sollen wir lauschen. Ujujuj, das wird ein mächtig meditativer Abend, denkt man, wie auch anders bei einem Abend zu den Lobgesängen der als Heilige verehrten Hildegard von Bingen (1098 – 1179). „Freunde dich mit den Engeln an, bewache einen ruhigen Geist“, heißt deren Rat; Mäßigung predigt sie, Maßhalten und Ausgewogenheit in allen Dingen. Schon regt sich innerer Widerstand beim stets ein wenig rastlosen Rezensenten, heißt es nicht: Good girls go to heaven, bad girls go everywhere“? Dieses Versprechen fordert der Rezensent auch für den maskulinen Teil der Menschheit ein, aber er ahnte ja, was ihn an diesem Abend erwartete.
Doch gemach, gemach. Dass es auch um Widerstand gehen könnte, zumindest um Widerstand gegen den Zeitgeist, hatte schon die Überschrift des ersten Kapitels dieser spirituellen Performance verraten: „Notizen für ein radikales Leben“. Es war der 8. März; im Theater an der Ruhr hatte man sein Publikum zum „feministischen Kampftag“ begrüßt und Hildegard in die Nähe des kämpferischen Feminismus gerückt. Ja klar, sie ist als Frau in Männer-Domänen eingebrochen, hat sich mit Medizin, Ethik und sogar „Kosmologie“ beschäftigt, mit dem Ursprung, der Struktur und dem Sinn des Kosmos. Die Benediktinerin muckte auf, jedenfalls gegen die strenge Weltordnung in ihrem Kloster, gegen Askese, rigide Speisevorschriften und allzu langes Singen, Klatschen und Beten. Sie war unbeugsam, doch vom feministischen Kampftag hätte sie wahrscheinlich nicht gesprochen: Das Theater selbst schreibt auf dem Programmzettel, dass sie „ihr Leben der Harmonisierung der trennenden Kräfte, dem Kampf der diabolischen Entzweiung“ widmete. Ihr Streben war in erster Linie auf Gemeinschaft und Harmonie, auf Verzeihen, Verständnis und Liebe gerichtet. Auf Küsse und Schnee eben, auf das Weiche des Universums. – Die Performerinnen tanzen und singen und machen Leibesübungen, die manchmal verdächtig nach Yoga, manchmal nach Eurythmie aussehen. Das Wunder geschieht: Auch wer sich wehrt, ist binnen kurzem gefangen von der meditativen Stimmung.
Das Ensemble fasst nun ein paar Stationen aus Hildegards Lebenslauf zusammen und legt Schwerpunkte auf die widerständigen Aktionen der Gottesfrau. Sie berichtet zum Beispiel vom Kampf Hildegards mit den Mainzer Prälaten um die Beisetzung eines exkommunizierten Ritters, der jedoch ordnungsgemäß die Sakramente empfangen hatte. Da ahnt man, wie Edgar Noske auf die abenteuerliche Krimihandlung seines Schmökers „Der Fall Hildegard von Bingen“ gekommen ist. – Aber gegen solche spöttischen Bemerkungen würde sich das Regie-Team von Anagoor zweifellos verwahren. Simone Derai schafft aus Hildegard von Bingens Musik und ihren meditativen Lobgesängen mit Hilfe des Theaterchors der Mülheimer Petrikirche einen akustischen Andachtsraum. Eine etwas esoterische Performance, ein scheinbar aus der Zeit gefallener Gottesdienst wird zelebriert, musikalisch und tänzerisch durchaus packend. Aber selbstverständlich ist das keineswegs l’art pour l’art:
Die Ordensfrau hatte während ihrer Meditationen Unmengen von Visionen, die wohl auch manchem Kirchenoberen nicht geheuer waren. Sie setzte sich ein für die Bewahrung der Schöpfung und betrachtete Mensch und Natur als eine unteilbare, untrennbare Einheit. Anagoor verlängert ihre fast 1000 Jahre alten Zukunftsvisionen und -konzepte in die Gegenwart, die Gedanken der Heiligen dabei sanft aktualisierend. Den Menschen als Teil der „Familie der Dinge“ zu betrachten, angesichts der Zerstörung unseres Planeten eine neue Verbindung zur Natur zu suchen – auch das ist ein Anliegen, das die Künstler mit Hildegard von Bingen teilen. Von deren Theorien der Verflechtung des Menschen mit Pflanzen und Tieren kommen sie auf bedrohte Korallenriffe, das Schmelzen der Polkappen und letztendlich den drohenden Zusammenbruch der Demokratie, ohne dass die Aufführung den Tonfall der Poesie und der Trauer verlässt. Allenfalls wenn plötzlich von „organisierten“ Schiffbrüchen von Migranten-Booten, von „genehmigten“ Völkermorden etc. die Rede ist, droht die Inszenierung in ideologisches Fahrwasser mit politischen Kampfparolen zu geraten.
Wie Küsse, wie Schnee ist Teil der zweiten „Spielinsel“ des Theaters an der Ruhr zum Thema „Utopie“. Irgendwie schwebt der Geist von Nietzsche über der ganzen Aufführungsreihe, die mit Roberto Ciullis großartiger Beschäftigung mit dem Philosophen unter dem Titel Wir Nietzsche gleich zu Beginn ihren Höhepunkt hatte. Die legendäre Episode aus dem Jahr 1889, als Nietzsche in Turin gegen die Peitschenschläge eines Droschkenkutschers auf dessen bockiges Pferd einschritt und den schon blutig geschlagenen Gaul liebevoll umarmte, wird erzählt und im Bühnenhintergrund symbolisch visualisiert. Gayané Movsisyan erzählt von einer ähnlichen Geschichte aus dem Werk von Dostojewski: Die im Fiebertraum Raskolnikows in Schuld und Sühne (heute „Verbrechen und Strafe“) erwähnte blutige Auspeitschung eines Pferdes wird vom Kutscher mitleidlos und rein rational begründet: Das schwache, bockende Pferd habe ja keinen Nutzen mehr und sei zudem schließlich nur ein Pferd. Von der Familie der Dinge, von der Einheit vom Tier, Mensch und Pflanze und der Bewahrung der Natur hatten beide Kutscher noch nichts gehört – und von Hildegard von Bingen sicher auch nicht. Um die Welt zu verbessern, muss man wahrscheinlich so verrückt sein wie die gottesfürchtige Hilde oder der Gott unter großem Bedauern für tot erklärende Nietzsche.