Übrigens …

Gespenster im Münster, Wolfgang-Borchert-Theater

Rauchschwaden

Karg ist die Landschaft Norwegens - vom Ozean geprägt und von zerklüfteter Felsenlandschaft. Ebenso karg wie präzise zielführend auch die Sprache Henrik Ibsens, die oft ohne Umschweife den Kern einer Aussage trifft und deshalb Dialoge verletzend und wie Duelle daherkommen lässt. Das offenbart die Übersetzung von Ibsens Gespenster durch Coletta Bürling und Werner Buhss in hohem Maße. Wiedergänger lautet der wörtlich übersetzte norwegische Titel. Und die langen Schatten der Vergangenheit sind es in der Tat, die die Figuren einholen und sie letztlich überwältigen. Tragisch sind vor allem die Versuche der Matriarchin Helene Alving mit Hilfe des Pastors diese Vergangenheit unter einem Nebelvorhang zu verbergen. Das gelingt ihr nicht und so lugen gräßliche Geschnisse immer wieder hervor. Ihre missglückte Ehe, deren Ursache Alkoholismus ihres Mannes und dessen außerehelichen Beziehungen waren, blitzt auf im Sohn Osvald, der ebenfalls Alkoholiker ist und sich in seine Stiefschwester verliebt. Helene selbst ist immer noch unglücklich in den Pastor verliebt, der sie als junge Schutzsuchende zurück zum ungeliebten Mann stieß. Als Symbol der Verschleierung und Umdeutung der Tatsachen geht das als Hommage an Helenes verstorbenen Ehemann geplante Waisenhaus in Flammen auf.

Ob der einprägsamen Übersetzung hat Regisseur Björn Gabriel die Möglichkeit, Sprache als zentrales Moment einer Inszenierung zu begreifen und sie als Basis der Zeichnung „seiner“ Charaktere zu nutzen. Das Fazit vorweg: Das gelingt Gabriel und seinem Team ganz großartig. Es bedarf nur zweier Projektionsflächen für Video, um Dialoge aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu zeichnen und zu beleuchten. Überlebensgroß kommuniziert Helene mit ihrem Sohn, der zur Mutter auf der Leinwand hochschauen muss. Die glaubt da noch, alles im Griff zu haben. Für das Publikum ist die Distanz zwischen Mutter und Sohn mit den Händen greifbar, aber auch die vorgebliche Übermacht, mit der Frau Alving um jeden Preis ihr aufgebautes Kartenhaus zu verteidigen gewillt ist. Ivana Langmajer dokumentiert Helene Alvings festen Willen, alle Illusionen mit stahlhart aufrecht zu erhalten, zeigt aber andererseits völlige Verletzlichkeit im direkten Dialog auf der Bühne mit Pastor Manders, dem sie sich unter Tränen körperlich anbietet. Das ist eindrucksvoll. Den Pastor gibt Florian Bender absolut Ratio-gesteuert und nur auf Vorteile für sein Leben bedacht - scheinheilig ist wohl die richtige Bezeichnung dafür.

Wer aber ist Osvald, der Sohn, für den Helene bereit ist, jedes Risiko einzugehen? Aufgrund einer Schaffenskrise kehrt der aufstrebende Maler zurück in seine Heimat und wird dort mit derselben Enge konfrontiert, aufgrund derer er sie einst verlassen hatte. Etwas brutaler würde man das heute übersetzen in: ein ausgebrannter Künstler, der ein Junkie ist, sucht einen ruhigen Ort für eine Selbstentgiftung. Nur entpuppt sich dieser Ort als ein Wespennest. Björn Gabriel und Niclas Kunder entwickeln eine beängstigende Charakterstudie, die für den labilen Osvald nur in den Tod führen kann. Denn seine Mutter entpuppt sich keineswegs als der starke Halt, auf den er gehofft hatte. Und der aufscheinende Ausweg, die lebenhungrige Regine, in die er sich verliebt, entpuppt sich als seine Stiefschwester - auch eines der Geheimnisse, die seine Mutter gehütet hat. Niclas Kunder entblättert Osvalds Charakter unglaublich einfühlsam, lässt uns teilhaben an Erstaunen, am Erschrecken und am tiefen Grauen. Katharina Hannappel gibt die Regine mit rasanter Lebensgier. Für sie bedeutet ein Glas Champagner schon ein irres Hochgefühl. Das Ensemble ergänzt Gregor Eckert als verschlagener Schreiner. Das Ensemble ging beim Spiel zuweilen sehr an die Grenze zur Übertreibung. Das kann aber auch dem Fieberwahn, der über dem Abend schwebt, geschuldet sein.

Alle Personen könnten das Kinderheim angezündet haben. Als Racheakt oder als Fanal. War’s jemand der Handelnden, oder einfach ein Zufall? Björn Gabriel gelingt eine komplexe Studie von Sein und Schein, von Realität und Fiktion. Das ist ein eindrucksvoller Abend am Mittelhafen in Münster.