Übrigens …

Die Wut, die bleibt im Neuss, Rheinisches Landestheater

Macht haben wir keine

Mareike Fallwickl will in ihrem Roman Frauen zeigen, die sich gegen die starren Regeln des Patriachats zur Wehr setzen und dabei Gewalt auch nicht ausblenden. Fallwickl schrieb den Roman in der Corona-Zeit. Schulen waren oft geschlossen. Die Mütter hatten noch mehr unter ihren diversen Belastungen – Haushalt, Kinder, Beruf – zu leiden. Das Buch (2022 erschienen) wurde ein Bestseller. Die Bühnenfassung von Jorinde Dröse und Johanna Vater kam bei den Salzburger Festspielen 2023 zur Uraufführung. Das Rheinische Landestheater Neuss zeigte die Bühnenadaptation jetzt mit großem Erfolg.
„Haben wir kein Salz?“, fragt der Vater Johannes zu Beginn beim Abendessen. Seine Frau Helene geht zum Balkon und stürzt sich in den Tod. Maxi, Lucius und Lola – die Kinder – bleiben zurück, der Vater ist mit Haushalt und Kindern total überfordert. Sarah, Helenes beste Freundin, übernimmt eine ganze Menge der Aufgaben, die jetzt im Haushalt anfallen. Eigentlich nur „fürs Erste“, aber dann scheint ein Dauerzustand daraus zu werden. Helene (Juliane Pempelfort), die Selbstmord beging („Der Friedhof markiert eine neue Zeit, eine Zeit ohne Mama.“), ist jedoch immer auf der Bühne anwesend, als Kommentatorin des Geschehens, als Ansprechpartnerin, aber auch als Kämpferin. Auch um zu zeigen, wie sehr sie den Hinterbliebenen fehlt.
Sandra Strunz inszenierte die Bühnenfassung am Rheinischen Landestheater Neuss. Schon das Bühnenbild ist ungewöhnlich, einem trauten Heim könnte nichts unähnlicher sein. Wir sehen viele, übereinandergestapelte Matratzen. Sie verdeutlichen, wie fragil und unsicher die Lage ist und erlauben zugleich geschickt Auftritte und Abgänge. Am Bühnenhimmel hängen schwarze, gefüllte Müllbeutel. Katrin Hauptmann überzeugt sehr in der Rolle der pflichtbewussten Sarah, die allen Problemen zum Trotz versucht, den Haushalt mit Kleinkindern irgendwie zu meistern. Und dabei mehr als überfordert ist. Ihr eigenes Leben tritt in den Hintergrund, den Beruf als erfolgreiche Krimiautorin kann sie jetzt nicht ausüben. Die 15-jährige Lola (Amelie Barth) ist da ganz anders gestrickt. Sie vermisst die Mutter sehr, Sarah bemitleidet sie, weil sie sich ohne Widerworte in den Haushalt einbringt. In der Mädchengang wird sie radikaler. Zusammen mit ihrer Freundin Sunny (Katharina Hintzen) findet sie die Möglichkeit, ihre Trauer und Wut in etwas Konstruktives umzuwandeln. Gemeinsam mit Alva (Annalisa Hohl) und Sibel (Hannah Rogler) beschließt sie, sich mit der Mädchengang gegen das Patriarchat zu wehren. Und -wenn nötig – mit Gewalt auf männliche Übergriffe zu reagieren. Simon Rußig - in der Rolle als Sarahs Partner Leon - bleibt eher blass im Hintergrund. Er verhält sich halt so, wie er es immer getan hat. Die heftigen Gefühle und die Gefahr der Mädchengang werden durch Musik intensiviert. Hannah Rogler begleitet den Abend eindrucksvoll mit Gesang und Keyboard.

Langer, heftiger Applaus und Standing Ovations zeigen die Begeisterung des Publikums. Dieser Abend gibt sicher keine eindeutig richtige Antwort darauf, welcher Feminismus der richtige ist. Fest steht jedoch, dass sich im Geschlechterverhältnis etwas ändern muss.