Ein europäisches Leben
Das Rheinische Landestheater Neuss logiert seit dem Jahre 2000 in einem der wenigen Theater-Neubauten der Jahrtausendwende. Das von dem renommierten Architekturbüro Ingenhoven & Ingenhoven entworfene Gebäude verfügt über ein für ein Haus dieser Größenordnung ungewöhnlich großes und lichtes Oberes Foyer, von dem aus man Zugang zum Zuschauerraum des Großen Hauses hat. Da verwundert es geradezu, dass bislang noch niemand auf eine Nutzung der aus zwei rechteckigen, ineinanderfließenden Raumteilen bestehenden Fläche als Spielfeld für das Theater hatte. Für das Renommier-Projekt dieser Spielzeit ist es nun endlich so weit. Unter dem Titel Zweigs Garten soll die Aufführung nicht nur auf die quasi vor der Tür des Theaters stattfindende Landesgartenschau hinweisen, sondern sie ist auch eine Liebeserklärung an das Theatergebäude selbst.
Das Foyer des Theaters ziert seit der Eröffnung des Gebäudes ein wunderschönes, den Impressionismus zitierendes Gemälde im Format von dreimal 20 Metern. Der „Große Seerosenteich“ des Berliner Künstlers Salomé ist eine Hommage an Claude Monet. Im blauen Wasser identifiziert man Schwimmer in meist relaxter, aber auch kraftvoller Position. Sie bewegen sich durch das Element, tauchen auf und unter, lassen sich tragen. In Alexander Maruschs Inszenierung könnten die großen Vor- und Wandbehänge mit diesem Motiv eine Metapher für die lange Lebensreise des Dichters Stefan Zweig sein, der wir an diesem Abend folgen werden. Auch das Design der Anzüge der fünf Schauspieler, die sämtlich gelegentlich in die Rolle Zweigs schlüpfen, besteht vollständig aus dem Motiv von Salomés Seerosenteich. Kulissen wie z. B. ein Prospekt der Wiener Hofburg unterteilen das Foyer, bieten aber auch Durchblicke von einem "Raum" zum anderen. Sitzgelegenheiten gibt es überall, und mittendrin agieren die Schauspieler. Während der immersiven Aufführung werden die Zuschauer regelmäßig gebeten, ihre Plätze zu wechseln und den Schauspielern von Station zu Station zu folgen.
Der Text des knapp zweistündigen Abends basiert im Wesentlichen auf Stefan Zweigs Autobiografie Die Welt von gestern und auf diversen Briefwechseln. Chorisch werden Reflexionen und Betrachtungen aus Zweigs Werk vorgetragen, es gibt Spielszenen, Kaffeehaus-, Kneipen- und Salongespräche, es gibt Reden und Propagandatexte (Hergard Engerts Rede zum Internationalen Frauenkongress soll bei der Premiere mit Szenenapplaus belohnt worden sein), es gibt Burleskes und intellektuelle Debatten. Gleich zu Beginn fasziniert zum Beispiel ein hochinteressantes Gespräch zwischen dem jungen Studenten Stefan Zweig und dem jüdischen Vordenker und Begründer des politischen Zionismus Theodor Herzl. Zweig mag den Ideen des Zionismus nicht zustimmen, aber wenn Herzl argumentiert, die Judenfrage sei weniger eine soziale oder religiöse Frage als vielmehr eine nationale, so ist ihm auch aus heutiger Sicht bei Betrachtung der aktuellen nationalistischen Politik Israels zuzustimmen.
Die Wiener Hofburg markiert gewissermaßen den Beginn der Lebensreise des jüdischen Schriftstellers. In Wien wurde Zweig in eine wohlhabende, großbürgerliche Familie geboren; dort ist er zur Schule gegangen, und dort hat er studiert. Seine privilegierte Herkunft äußert sich in seinen Ansichten und in seiner Betrachtung der politischen Umstände. Österreich sei eine starke Nation bei den Künsten, militärisch allerdings eher ein wenig schwach auf der Brust, diagnostiziert Zweig. Er schätzt den Wohlstand und die – innenpolitische – Sicherheit: „Die Rechte der Menschen sind verbürgt im Parlament, die Pflichten sind eher begrenzt“, schreibt er und fährt fort: „Man kauft sich eine Rente und legt den Mädchen eine Police in die Wiege für die Mitgift.“ Man hört es und schmunzelt im Neuss des 21. Jahrhunderts, in dem die Emanzipation und Gleichberechtigung der Frau längst umgesetzt ist. Sekundenbruchteile später erkennt man, wie nah diese Analyse aus dem späten neunzehnten Jahrhundert an der Wirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland von heute ist – sagen wir lieber: von gestern, von den Jahren vor der von Putin losgetretenen Zeitenwende und vor Trumps Aufkündigung der letzten moralischen Werte in der Politik. Vor 2022 war zwar der Fortschrittsglaube schon ein wenig erschüttert, aber man stützte sich auf einen ausufernden Sozialstaat, liebte die Künste, neigte zur Bequemlichkeit und wiegte sich derart in Sicherheit, dass man das Militär als einen überflüssigen Luxus betrachtete. Gibt es eine Parallele zum Österreich-Ungarn der vorletzten Jahrhundertwende? Dem Land stand jedenfalls der rasante Verlust einer weitgehend heilen Welt bevor. Etwas tollpatschig stolperte man in den Großen Krieg.
Zweig stolperte widerwillig. Er betont, wie fern ihm moralische oder politische Urteile seien. Und doch wird er mehr und mehr zu politischen Urteilen gezwungen. In Neuss folgen wir zwei Stunden lang seiner Lebensreise von Wien nach Salzburg, Berlin und Ostende, nach Paris, Warschau und Moskau sowie in ein Zürich, das in Zeiten des deutsch-österreichischen Nationalsozialismus ein Paradies der Pressefreiheit ist. Russland, das wegen des "bolschewistischen Experiments" das "interessanteste Land der Nachkriegszeit (des 1. Weltkriegs)", wird dagegen eher zur Enttäuschung. Berlin in den 1920ern empfindet Zweig als einen Ort geistiger Freiheit und intensiven Lebensgefühls, aber Chaos und Exzess, so meint der Schriftsteller, wiesen den Weg in die nächsten Jahre – in die schlimmsten Jahre des Jahrhunderts. Am Strand von Ostende erfährt die Familie von den ersten Kriegsvorbereitungen, nimmt dies aber nach erstem Erschrecken unbekümmert auf. Und doch: „Auf einmal weht ein kalter Wind von Angst über den Strand“; die Verdrängung der Gefahr gelingt immer weniger. Politischen Urteilen auszuweichen, kann keine Lösung mehr sein.
Und so wird Zweigs Lebensreise mehr und mehr auch zu einer politischen Reise. Im Zweiten Weltkrieg emigriert er zunächst nach London und Bath, bevor die Reise im Jahre 1942 in Brasilien im Selbstmord endet. Zweigs Leben wird beispielhaft für die Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, die auf der Flucht vor der Gewaltherrschaft sind. Zweig selbst ist Vertreter einer humanistischen, pazifistischen Ideologie, der sich konsequent gegen Nationalismus engagiert. In der Vereinigung Europas sieht er die einzige Möglichkeit, Kriegsgefahr und Nationalismus abzuwenden.
All das ist nur ein kleiner Teil der Fakten und Gedanken, die Alexander Maruschs Neusser Inszenierung transportiert. Obwohl man kaum in der Lage sein dürfte, alle Stationen, alle Namen von Politikern, Schriftstellern und Philosophen, die Zweig im Laufe der geschilderten Lebensreise trifft oder zu denen er Stellung nimmt, zu rekapitulieren, wirkt der Abend nicht faktenüberladen. Marusch gelingt eine großartige Mischung aus Unterhaltungstheater, intellektuellem Anspruch und der Vermittlung historischen Wissens. Eigentlich erschreckende Szenen wie die misstrauische Kontrolle bei der Einreise der Flüchtenden nach Großbritannien werden in fast kabarettistischen Spielszenen dargestellt, Gedichte von Rilke (sein Herbsttag wird geradezu hexenartig dräuend vorgetragen) und Ernst Lissauer (sein Hassgedicht gegen England aus dem 1. Weltkrieg) werden zitiert, zärtliche oder resignierte Briefwechsel mit Zweigs erster Ehefrau Friderike und seiner Sekretärin und zweiten Frau Lotte sowie nachdenkliche mit dem Pazifisten Romain Rolland kommen zu Gehör. Betrunkene Korpsstudenten durchqueren marodierend das Neusser Foyer, Propagandareden werden gehalten, kontroverse, feingesponnene Diskussionen mit der katholischen Kirche zu ihrer Haltung im Nationalsozialismus sind in eine Spielszene verpackt – als Zuschauer entdeckt man immer und überall in dem großen Raum, in dem sich auch schon mal Spielszenen überlappen, reizvolles Theater.
Unaufdringlich weist Maruschs Theater über den Lebenszeitraum von Zweig hinaus. Die Textauswahl ist geschickt im Hinblick auf die aktuelle politische Situation getroffen worden: Auf der Zugfahrt nach Moskau sieht Zweig „Rauchsäulen über ukrainischen Städten“, „jede Reise nach Russland bedeutet schon im Vorhinein eine Art Parteinahme“, heißt es einmal. Angesichts von Propaganda und Gegenpropaganda wisse niemand genau, was „dort“ geschieht.
Schwarz-Weiß-Videos untermalen das Ganze - mit Goebbels-Reden oder Filmen über die Rote-Armee-Fraktion aus dem Deutschen Herbst und den Anschlag auf das israelische Olympia-Team bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Der Brandanschlag auf die Wuppertaler Synagoge aus dem Jahr 2024 findet Erwähnung – Zweig war Jude, und er musste erleben, wie trügerisch die Sicherheit war, in der er sich Ende des 19. Jahrhunderts trotz schon damals grassierendem Antisemitismus wähnte.
Europa stand nach Ansicht Zweigs vor einer Zeitenwende: „Eine neue Zeit beginnt“, schreibt er. Aber wie viele Höllen sind noch zu durchschreiten?"