Übrigens …

Die Räuber im Oberhausen, Theater

Die „Räuber“ als Konzept-Theater

Beim Blick in die Statistik könnte man zu dem Schluss kommen, das Theater Oberhausen sei das reinste Räuber-Hauptquartier. Im Schnitt alle neun Jahre hievt das Theater eine neue Inszenierung von Friedrich Schillers Bühnen-Erstling ins Repertoire. Unterschiedlicher als die Regie-Arbeiten von Johannes Lepper, Karsten Dahlem und Lisa Nielebock könnten drei Interpretationen kaum ausfallen. Über Leppers Inszenierung aus der Spielzeit 1997/98, rätselhafterweise ausgezeichnet mit dem Oberhausener Theaterpreis, deckt der Rezensent den Mantel des Schweigens. Er erinnert sich mit Schaudern an eine lärmende Inszenierung mit einem peinlichen „alten Moor“, der sich mausetot im Sarg aufrichtete, um die Himmelfahrt seiner Seele noch einmal mit einem klagenden Seufzer zu begleiten. Im Jahre 2013/14 bereitete Karsten Dahlem Schillers Drama mit poppigem Räuber-Rock und melancholischem Blues für die Zielgruppe der Abiturienten auf, die sich gemeinsam mit dem Rezensenten an einem zum Familien-Drama verkürzten Schiller light erfreute. Das hatte damals nicht die revolutionäre Kraft, die von der Mannheimer Uraufführung des Jahres 1782 überliefert ist, machte aber mächtig Spaß. Ganz aktuell versucht sich nun die erfahrene, stets seriöse Regisseurin Lisa Nielebock an einer intellektuellen Variante des Stücks.

Zum Räuber-Hauptquartier wird die karge, nur von einer angeschrägten, beweglichen runden weißen Scheibe geprägte Raumbühne des Theaters dabei auch nicht. Im Schloss des Grafen Moor und in den böhmischen Wäldern ist nicht allzu viel los. Nielebock präsentiert sich stattdessen als Konzeptkünstlerin. Sie inszeniert Schillers revolutionären Erstling als intellektuelles Debattenstück über die unterschiedlichen Definitionen von Freiheit und Gewalt sowie von Macht und Moral. Befeuert wird diese Debatte von Klaus Theweleits Untersuchung "Männerphantasien" aus dem Jahre 1977 und seiner Theorie vom "gepanzerten Mann". Männer, die als Kinder ein Defizit an Eltern-Liebe empfunden haben und entsprechend kein Urvertrauen aufbauen konnten, seien, so Theweleit, gewissermaßen „nicht zu Ende geboren“. Sie bauten dann einen Panzer um sich herum. Dass sie später selbst keine Liebe geben können, versteht sich von selbst: "Ich werde mit Gewalt erzwingen, wozu mir die Liebenswürdigkeit gebricht", sagt der ungeliebte Sohn Franz Moor in Schillers "Räubern" - und handelt danach. Seine Bindungsunfähigkeit geht so weit, dass er die von den Brüdern Franz und Karl gleichermaßen begehrte Amalia nicht zur Frau will, sondern zur Hure.

Die weiß sich zu wehren. Denn Amalia, bei Schiller das süße Mädl, das die auf der richtigen Seite der Moral stehenden jungen Frauen in der Literatur des 18. Jahrhunderts meist zu sein hatten, ist in Nielebocks Inszenierung nicht nur eine coole Emanze, sondern gleich auch das intellektuelle Zentrum der Aufführung. Sie hat ihren Theweleit gelesen und zitiert ihn ausführlich. Dabei stolziert sie selbstbewusst über die schräge Scheibe, die die Haupt-Spielfläche darstellt. Daneben kauert dann missmutig der fiese Franz und schmiedet Ränke. Amalia ist rebellisch und wehrhaft, aber sie ist auch die Hoffnungsträgerin für eine hellere Zukunft, sofern wir ihr denn zutrauen, auch den Überschwang und den in Gewalt mündenden, fehlgeleiteten Idealismus Karls nachhaltig in konstruktive Bahnen zu lenken. Zwar kriegen sich die beiden am Ende, aber auch der Räuberhauptmann muss lernen, dass Mann und Weib sich heute auf Augenhöhe zu begegnen haben. Wenn sie sich am Ende noch ein wenig unsicher und gewollt umarmen, erinnert man sich an eine gelungene Choreografie zur Mitte der Inszenierung: Da hatten Karl und Amalia sich angetanzt, doch hatte dies nicht wie ein Tanz von Liebenden gewirkt, sondern wie der Auftakt zu einem Machtkampf von Raubtieren in der Savanne.

Im Grunde nämlich sind alle Männer verkorkste Gewalttäter auf der Suche nach Freiheit und Abenteuer. Vor allem auch nach uneingeschränkter Autonomie: Abhängigkeiten begreifen sie als Schwäche. Aber während die Freiheitsbegriffe von Franz und Karl psychologisch nachvollziehbar sind (Karl begehrt gegen die Ungerechtigkeit und Bigotterie der Welt auf, Franz gegen die Verletzungen in seinem Inneren), so ist das Freiheitsstreben von Spiegelberg (hier nur "Spiegel" genannt) ausschließlich auf Eigennutz, Macht und Vergnügen gerichtet: „Du sprichst von Freiheit, meinst aber nur Macht“, hält Karl ihm zu Recht vor. Die Inszenierung arbeitet das alles intellektuell gut heraus, vergisst aber häufig, auch szenisch Spannung und Emotionalität aufzubauen. Sie bietet viel Futter fürs Gehirn, ist aber streckenweise so langweilig und spröde wie eine Podiumsdiskussion.

Allerdings sind bekanntlich auch Podiumsdiskussionen im besten Falle hochpolitisch und aktuell. Aktualität kann man Nielebocks Inszenierung nicht absprechen – im Gegenteil: Gerade heute, gerade nach der dramatischen politischen Zeitenwende erleben wir nahezu täglich, wie die Politik in einem Dilemma steckt: Die Durchsetzung der Freiheitsbegriffe von Staaten kollidiert mehr und mehr mit dem Recht auf Meinungsfreiheit von politisch Andersdenkenden. Schillers Räuber zeigen auf, wie schnell die Durchsetzung der jeweiligen Freiheitsbegriffe in solchen Konflikten in Gewalt umschlagen kann. Ganz unauffällig mischt sich das Vokabular der heutigen Politik in die Diskussionen zwischen Karl, Spiegel und Schweitzer sowie in die ich-bezogenen Überlegungen von Franz.