Das Trauma hat ihr Reißnägel in die Augen gestreut
„Es gibt Kinder, die sind ohne Schutzengel geboren / Und der Sandmann hat ihnen Reißnägel in die Augen gestreut“, singt Ludwig Hirsch in einem seiner dunkelgrauen Lieder. Bei E. T. A. Hoffmann wird dem Kind Nathanael, wenn es nicht einschlafen kann, die Geschichte vom Sandmann erzählt, der den Kindern die Augen ausreißt. Nathanael beobachtet heimlich, dass der Advokat Coppelius des Abends häufig zu Besuch kommt und mit seinem Vater alchemistische Experimente durchführt. Bei einem dieser Experimente kommt Nathanaels Vater zu Tode. Nathanael ist zutiefst traumatisiert. Die Eskalation erfolgt, als er als junger Erwachsener den Händler in Wetter- und Augengläsern Giuseppe Coppola trifft, den er für den früheren Coppelius hält. Gleichzeitig verliebt er sich in Olimpia, die Tochter seines Professors, die sich jedoch als mechanische Puppe herausstellt.
Karsten Dahlem hat Hoffmanns Schauermärchen Der Sandmannfür das Schauspiel Wuppertal aktualisiert und, ohne in allen Facetten eine realistische Geschichte von heute zu erzählen, ins 21. Jahrhundert übertragen. Das gehe krachend schief, glaubte der Rezensent nach 15 Minuten angesichts der banalen, geradezu kindischen Spielweise und Texte der fünf Akteure auf der Bühne des Wuppertaler Opernhauses diagnostiziert zu haben. Er rutschte tiefer in den Sessel und schloss die Augen, um ein kleines Nickerchen einzulegen. Er hätte es besser wissen müssen. Denn er weiß doch längst, dass Dahlem sich tief in verdüsterte Seelen (vor allem junger Menschen) einzufühlen vermag - sei es bei Janne Tellers Nichts (siehe hier), bei Wedekinds Frühlings Erwachen (Theater Oberhausen im gleichen Jahr) oder Güntners es bringen im Jungen Düsseldorfer Schauspielhaus.
Tatsächlich gelingt ihm auch beim Sandmann eine erschütternde, berührende Mischung aus Grusel, Mystery, toller Musik und banalem Alltag. Banal? Dahlem erzählt ein Schauermärchen aus dem 21. Jahrhundert. Nathana ist traumatisiert und bringt den frühen Tod ihres Vaters und die Besuche des unheimlichen Coppelius mit Mutters Erzählungen vom bösen Sandmann zusammen. Sie flüchtet sich in die Kunst und ins Studium in der Landeshauptstadt. Sie kapselt sich ab und verweigert die Kommunikation mit der Familie. Mit übertriebenem Pomp und Circumstance kehrt sie zurück zu einer Familienfeier. Doch die Kommunikation funktioniert nicht, Carls zärtliche Zuneigung genügt nicht, Nathanas Schwester Lotte ist überfordert. Und die Mutter verdrängt sowohl die Gegenwart als auch die Vergangenheit: Sie verschließt die Augen vor Nathanas psychischer Krankheit und flieht geradezu panisch vor der Erinnerung an die Geschehnisse um ihren verstorbenen Gatten. Denn dass der bei irgendwelchen Experimenten mit seinem „Freund“ Coppelius draufging, verweist auch die im Heute spielende Inszenierung keineswegs ins Reich der Phantasie, auch wenn Nathanas Verlobter Carl von einem Suizid des Vaters spricht. Wie auch immer: An der psychischen Krankheit von Nathana geht die ganze Familie kaputt.
Nathana vermag nicht zu verdrängen. Wenn sie von ihren alptraumhaften Erinnerungen spricht, befallen sie geradezu epileptische Zuckungen. Trommelwirbel begleiten ihre Rede; Flammen schlagen in ihr Haar. Julia Meier ist eine großartige, so sympathische wie erschütternd kranke Nathana. Variabel ist ihr Spiel; sie kann Zärtlichkeit und Überdrehtheit zeigen, Verzweiflung und Verkapselung. Auch als Sängerin überzeugt sie, mit souliger Stimme intoniert sie am Piano ein Lied. Auch die Violinistin Lydia Stettinus untermalt mit ihrer musikalischen Begleitung auf meist sehr einfühlsame Weise die Geschichte; in den dramatischsten Momenten schwillt auch die Musik bedrohlich an.
Doch während Julia Meier und auch Konstantin Rickert als Carl für intensive Momente sorgen, fallen sowohl der Spannungsbogen wie auch die schauspielerische Qualität sofort ab, wenn Nathanas Familie in den Vordergrund rückt. Dabei bilden diese Szenen einen dramaturgisch absolut einleuchtenden Kontrastpunkt. Man sitzt im warmen Licht des Wohnzimmers, sehnt sich offenbar nach Zusammenhalt, ist aber nicht in der Lage, Empathie zu zeigen. Da wir im 21. Jahrhundert sind, guckt man Frank Elstners „Verstehen Sie Spaß“ im Fernsehen, spielt FIFA auf der Playstation und schmiert sich Wick Vaporub auf die Brust. Echte Kommunikation dagegen findet nicht statt. Nur Carl bemüht sich so rührend wie vergeblich um seine Verlobte und singt zur Gitarre deutschen Schlager: „Täglich seh‘ ich zu wie die Zweifel sich vermehren…“.
Nathana aber fühlt sich gut aufgehoben bei Olimp, dem Sohn ihres Hochschullehrers Spalanzani. Mit ihm könne sie gut reden, säuselt sie verliebt. Nun, Olimp kommuniziert gar nicht. Er funktioniert mechanisch, ist maximal ein Soundboard. Er geht auf sie ein wie ein humanoider Roboter – starr, seelenlos, kalt, wie Carl zutreffend feststellt. War E. T. A. Hoffmanns Automaten-Girl Olimpia noch eine Dystopie, ist der von Kevin Wilke mit perfekter Steifheit gespielte Olimp ein Wesen der KI, wie es wohl in Kürze tatsächlich an unserem Leben teilhaben wird – vielleicht zuerst als Pflege-Roboter. „Liebst du mich?“, fragt Nathana. Und der antwortet, emotionslos und kalt: „Jeden Tag ein bisschen mehr.“ Schnell ist das Trauma da zurück. Der Sandmann reißt Olimp die Augen aus. Und das Ende ist erschütternd, wie bei E. T. A. Hoffmann. Stromae singt „L’enfer“: das Lied von den Gedanken, die das Leben zur Hölle machen: „J'ai parfois eu des pensées suicidaires / … / Ces pensées qui me font vivre un enfer.“