Ein Blick auf die Anderen
Wie oft ertappen wir uns dabei, in unserer Sozialblase so festgefahren zu sein, dass es uns regelrecht erschreckt und schockiert, wenn wir herausgerissen und mit gänzlich anderen Lebensrealitäten konfrontiert werden. Während wir beispielsweise mit unseren Freunden, der Familie oder Bekannten ins Theater gehen, anschließend eine Kritik lesen oder verfassen und uns später darüber austauschen oder sogar diskutieren, sterben andernorts Menschen an Hunger, mangelnder humanitärer Versorgung oder mit gänzlich fremden Menschen zusammen im Krieg. Eine schwer zu ertragene Gleichzeitigkeit, an die uns das Theater schmerzlich erinnern und die Blase - wenn auch nur für einen Moment - zum Platzen bringen kann.
Besonders eignet sich dafür Wassili Grossmans Roman Leben und Schicksal, in welchem er diesem Impuls folgt und ungeschönt eine Sammlung verschiedenster paralleler Lebensrealitäten aufzeigt. „Wie viele werden vergessen, in dieser unvergesslichen Zeit?” Wassili Grossman verfasste seinen Roman Leben und Schicksal 1960 als Fortsetzung seines zuvor erschienenen Werkes Stalingrad und fokussiert sich darin auf das Leben der Menschen in der Sowjetunion zur Zeit der Schlacht von Stalingrad um 1942 während des Zweiten Weltkrieges. Bis heute gilt Leben und Schicksal als Krieg und Frieden des 20. Jahrhunderts, auch wenn der Roman erst 1980 veröffentlicht wurde, da das Manuskript 1961 vom KGB beschlagnahmt und mit der Begründung, es könne der UdSSR großen Schaden zufügen, verboten wurde. Grossman kämpfte lange für die „Freiheit” seines Werkes, erlebte sie nach seinem Tod 1964 jedoch nicht mehr.
Die von Koen Tachelet stark verdichtete Fassung für das Schauspiel Bochum thematisiert besonders den Handlungsstrang des jüdischen Kernphysikers Viktor Pawlowitsch Strum, der in Moskau unmittelbar vor einer bahnbrechenden Entdeckung steht. Zunehmend im Fokus des Staates muss er entscheiden, ob er mit seiner Forschung der Kriegsmaschinerie dient oder sich weigert und somit sich selbst und seine Familie in Gefahr bringt. Auch sonst ist sein privates Umfeld von Spannungen geprägt; seine Frau Ljudmila wartet auf Nachrichten von ihrem im Krieg verwundeten Sohn Tolja, während Strum Gefühle für die Frau seines besten Freundes entwickelt. Parallel dazu verteidigt Offizier Grekow an der Front das strategisch bedeutsame Haus 6/1, in dem sich eine Gemeinschaft jenseits militärischer und gesellschaftlicher Hierarchien formt. Um diesen für das Regime potentiell gefährlichen Mustern entgegenzuwirken, wird der Politkommissar Krymow entsandt, die Haltung der resilienten Soldaten lässt ihn allerdings zunehmend an seiner Staatstreue zweifeln, wodurch auch er ins Blickfeld der Staatssicherheit gerät. Inmitten dieser existentiellen Verflechtungen halten die Figuren fortwährend an einer Sache fest: der Menschlichkeit, die es immer wieder neu zu hinterfragen gilt.
Die Fülle der Figuren bringt das Schauspiel Bochum mit einem zehnköpfigen Schauspielensemble auf die Bühne. In der Manier epischen Theaters stellen sich zunächst alle namentlich vor und erläutern, welche Rollen sie spielen. Anschließend nehmen sie in der ersten Reihe des Publikumsraums Platz und beobachten das Geschehen, bis sie selbst an der Reihe sind. Die Bühne von Johannes Schütz bildet eine große, langgezogene Wand, auf die gelegentlich Bilder projiziert werden. Auch auf der durchgehenden Bank auf der Bühne nehmen die Figuren nach ihren Auftritten regelmäßig Platz und betonen damit die faktische Gleichzeitigkeit der oft nicht in Korrespondenz stehenden Geschehnisse. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, sprechen die Figuren immer wieder auch Personen an, die in der Szene eigentlich nicht vertreten sind, als machten sie ihnen Vorwürfe oder wollten etwas erklären oder rechtfertigen. Eine Reaktion darauf gibt es nicht immer, gelegentlich ein Blick, mal der Impuls, verbunden mit der Unmöglichkeit, zu antworten. Manchmal scheint es aber auch so, als hörten die Figuren gar nicht zu, weil sie noch mit sich, ihrer Situation oder dem soeben Erlebten zu kämpfen haben, oder weil sie nicht hinhören wollen. Mit den eigenen Konflikten bereits gänzlich vereinnahmt, wirkt die erzwungene Konfrontation mit den anderen Lebensrealitäten beinahe schmerzlich. Auch „Dieser Prozess des wieder Mensch Werdens ist schmerzhaft!”
Regisseur und Intendant des Schauspiel Bochums Johan Simons setzt für seine Inszenierung voll und ganz auf sein Ensemble und subtile, fein dosierte psychologische Details zwischen den Figuren. Viel mehr braucht es auch nicht; die Bühne ist schlicht und funktional, ein vierköpfiges Quartett untermalt die Szenerien gelegentlich mit Musik und die Kostüme von Greta Goiris sind schlicht, mit deutlicher Symbolik. Getragen wird der fast vierstündige Abend damit von einer bemerkenswerten Ensembleleistung. Hervorzuheben ist dabei besonders Victor IJdens, der in diversen Rollen einen immensen Facettenreichtum und eine unvergleichlich präzise emotionale Kraft entfesselt. Auch Guy Clemens als Politkommissar Krymow oder Obersturmbannführer Liss der SS überzeugt mit besonders tiefgehender Zerrissenheit und Authentizität. Eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit beweist auch Mara Romei trotz kurzer Auftritte und auch Konstantin Bühler sticht durch seine exakt ausgearbeitete Figurenentwicklung besonders positiv hervor. Carla Richardsen liefert als Ärztin Sofja Ossipowna Lewinton eine der ergreifendsten Szenen der Inszenierung: Auf dem Weg in ein Vernichtungslager opfert sie die Möglichkeit weiterzuleben, um ein ihr unbekanntes Kind nicht allein in den Tod zu schicken und mit ihm gemeinsam zu sterben.
In ihrer verdichteten und präzisen Zeichnung der Figuren bleiben viele Szenen und Schicksale nachhaltig im Gedächtnis. Die geringe Handlung des Werkes überträgt sich aber auch auf die Inszenierung, die entsprechend wenig erzählt, dafür aber zentrale Aspekte psychologischer und gesellschaftlicher Regungen zwischen Individualismus, Staatstreue, Faschismus und Ideologie deutlich herausarbeitet. Johan Simons gelingt damit insgesamt ein ruhiges, tiefgehendes Psychogramm einer Gesellschaft, das schmerzlich, aber ohne Polemik daran erinnert, wie fragil die eigene Lebensrealität wird, wenn sie sich mit gänzlich anderen konfrontiert sieht.