Ein mehr als doppelbödiger Theaterabend
Eine tiefschwarze Trennwand hinter der Vorbühne, davor acht Bürostühle, jeweils mit Mikro, zwei davon mit Gitarre und Cello. Eine Frau tritt auf, stellt sich vor als Mona Vojacek Koper, die eine kurze Einführung aus amerikanischer Sicht zu dem Abend geben wolle, da es ja um das Buch The Art of the Deal (erschienen 1987) gehe, was jetzt riesig auf der Rückwand eingeblendet wird: groß der Name TRUMP, darunter sein Porträt und etwas kleiner sein voller Name Donald J. Trump als Autor - daneben als Mitautor Tony Schwartz. Tatsächlich verfasste Schwartz das Buch ganz allein, nachdem er den selbstbewussten, jungen New Yorker Immobilienmakler Trump einige Monate begleitet hatte. Entstanden ist dabei ein Buch, das halb Business-Ratgeber ist, halb Trump-Biographie, etwas wie ein raffinierter Fahrplan fürs Geschäftemachen, der 48 Wochen die Bestseller-Listen anführte und zweifellos zu Trumps Karriere beitrug. Nachdem sich im Laufe der Zeit um den Protagonisten mehr und mehr die wirtschaftlichen und politischen Ebenen auch sprachlich zu einer „DEALAKROTIE“ verschmolzen, distanzierte sich Schwartz von seinem Werk, weil er damit „einem Schwein Lippenstift verpasst“ habe. Für manche aber ist es bis heute das zweitbeste Buch der Welt (nach der Bibel) - so im digitalen Programmheft.
Doch nicht die Einzelheiten zum Buch, sondern die angebliche Vita der jungen Frau, ihre prototypische amerikanische Familiengeschichte und die politischen Zeitumstände sind Thema ihrer Einführung. So gibt sie an, 1987 in LA geboren und in den USA aufgewachsen zu sein. Bilder der jeweiligen Präsidenten werden eingeblendet sowie Familien- und Schulklassenfotos. Bei Reagan dazu auch ein Button mit dem Wahlkampfslogan „Make America Great again“. Das alles auf Englisch. Schon in dieser zu lang geratenen Einführung mischt sich Wirklichkeit mit Fiktion zu einem vielfachbödigen Theaterabend: Entstehung und Bedeutung des Buches werden total real - seine Wirkung allerdings eher zwiespältig. Name und Geburtsort der Sprecherin sind authentisch, nicht aber die Vita, denn sie kam schon als Zwölfjährige nach Deutschland und könnte uns vermutlich auch auf Deutsch unterhalten. Im Stück aber erscheint das völlig anders.
Monas Monolog endet beim ICE dieser Tage und leitet über zum „protest piece“, zum Protest-Stück des Abends. Sieben Leute nehmen Platz auf den leeren Stühlen. Außer Kristina Koropecki (Cello) und Moritz Bossmann (E-Gitarre) gehören alle zum Ensemble des Schauspielhauses Bochum. Das ist erwähnenswert, da das Stück vom niederländisch-flämischen Kollektiv Wunderbaum zusammen mit dem Ensemble entwickelt wurde. Regisseur Walter Bart und Bühnengestalter Maarten van Otterdijk gehören zum Kollektiv.
Und um die behauptete Entwicklung dieser Produktion geht es im ersten Teil der Aufführung, die uns in ihrem Arrangement zunächst fürchten lässt, in eine szenische Lesung geraten zu sein. Tatsächlich lesen die Acht uns ihre Mail-Korrespondenz, die sie angeblich in der Vorbereitungsphase zu diesem Abend führten, so lebendig und stimmungsvoll vor, dass sich schon die einzelnen Charaktere herausbilden. Da ist die verantwortungsbewusste, engagierte Veronika Nickl, der versonnene Lukas von der Lühe, der leicht abwesende Puk Brouwers, die temperamentvolle Stacyian Jackson, die nebenher ständig von Sorgen um Kind und Kita geplagt wird und schließlich die engagierte Abenaa Prempeh, die zu gern die Führung des Ganzen übernommen hätte, sie dann aber Mona, die angeblich extra aus den USA eingeflogen wurde, überlassen muss. Alle werden mit ihren echten Vornamen angesprochen, tragen ganz individuelle Alltagsklamotten, was den angeblich realen Bezug zur Stückentwicklung des Abends unterstreicht.
Neben manchen Alltäglichkeiten kommen dabei wichtige Fragen ins Gespräch, so die ganz grundsätzliche, ob Trump eine künstlerische Auseinandersetzung mit seinen Machenschaften auf der Bühne verdient. Da hilft der Protest-Gedanke. Oder die Klärung des Begriffs „truthfull hyperbole“, der wahrhaftigen Hyperbel oder wahrheitsgemäßen Übertreibung.
Sehr gründlich begründet Lukas seine Idee zur Bühnengestaltung: Banane. Er verteidigt sich gegen die Assoziation: „Trump - Pimmel - Schwänze“, indem er der Banane „symbolische Kraft“ zuschreibt im Zusammenwirken von Globalisierung, Agrarindustrie, Kolonialismus, genetischer Monokultur und manchem mehr. Dazwischen taucht die Frage nach den Aufführungsrechten auf, die angeblich nicht geklärt ist. Da gibt es Überlegungen zu Umwegen.
Da hilft nur eins: eine „gedankliche Auseinandersetzung“ mit dem Werk als musikalische Komödie mit wortwörtlichen Zitaten aus dem bösen Buch. Einer nach dem anderen verschwindet. Stühle werden abgeräumt, die schwarze Wand hebt sich: Ende des Making of!
Zweiter Teil: „Avantgardistisches Musiktheater über Geschäftemacherei, gesellschaftliches Engagement und Lust am großen Auftritt". Quer über die Bühne eine Riesenbanane. Kunstinteressierte assoziieren wohl weniger die von Lukas behauptete weltwirtschaftliche Bedeutung der Banane mit der Requisite, als das berühmte Cover von Andy Warhol, dem Protegé der New Yorker Band The Velvet Underground. Vielleicht auch verweist die Deko für den einen oder anderen auf den niederrheinischen Bananensprayer Thomas Baumgärtel, der sich allerdings mit seinen an unzählige Kulturstätten gesprayten Bananen durchaus auf Warhol bezog.
Links die Musiker, Lukas jetzt am Schlagzeug. Alle in schicken grauen Hosenanzügen, nur Mona im Gold-Overall. Jeder hat ein Buch-Exemplar bei sich. Interessant ist dabei, dass es weder das Cover der amerikanischen Ausgabe noch der deutschen Übersetzung ist, in der nämlich der „Deal“ mit „Erfolg“ übersetzt wird. Hier heißt es: Die Kunst des Deals.
Das grandiose Musiktheater beginnt mit dem von Puk Brouwers engagiert vorgetragenen, als „Manosphere Ballade“ bezeichneten Song im Stil Frank Sinatras über Männlichkeit. Dieses und all die folgenden Jingle-artigen „Book-Songs“, die humorvoll durch die Kapitel des Buches führen, wurden eigens für diesen Theaterabend von Moritz Bossmann und Kristina Koropecki komponiert, wobei die Songtexte gemeinsam mit dem Ensemble entstanden. So etwa der „Mea Culpa“-Song, der in einer an Tom Waits erinnernden Nummer die Figur des Ghostwriters Tony Schwartz in den Blick nimmt, der - obwohl er mit dem Buch reich wurde - heute erklärt, dass er sich wie Dr. Frankenstein fühle, der „ein Monster erschaffen“ habe. An ganz klassische Musicals erinnern Songs wie „How many zeros are in a billion“, bei dem Mona sportlich elegant auf Rollschuhen über die Bühne flitzt. Rasant setzt Stacyian mit ihrer jamaikischen Dancehall-Rap-Nummer „Kill them with Kindness“ der Trump’schen Brutalität einen Aufruf zur Freundlichkeit entgegen. Und schließlich - in der Zeit weit ins Heute reichend - tritt da noch der „Trump-Selenski-Chor“ auf, der im Stil von Philipp Glass‘ Minimal Music das entgleiste Gespräch zwischen Trump, Vance und Selenski in Musik packt, wobei sich Trumps Satz: „You’re gambling with the lives of millions of people“ auf grausame Weise ganz aktuell gegen ihn selbst richtet.
Etwas Klassik gibt’s allerdings auch: So Der Wegweiser von Franz Schubert, den Veronika Nickl strahlend vorträgt und den Souper-Chor aus Die Fledermaus von Johann Strauß. Zu Songs, Rezitativen und grausigen Zitaten aus dem Trump-Buch wird getanzt, auf der Banane geturnt und geschaukelt und ein auftretender Goldbarren auch mal niedergeschlagen. Das grandiose Ensemble - begleitet von den virtuosen Musikern - geht dabei bis an die Grenze des thematisch Möglichen.
Theaterfreunde, die 2023/2024 die zum Theatertreffen eingeladene Inszenierung des Wunderbaum Kollektivs Die Hundekot-Attacke gesehen haben, werden manches am erzählerischen Gerüst des Abends wiedererkennen: Begeisterter Applaus mit Standing Ovation und lautstarken Bravo-Rufen.