Übrigens …

Das Buch der Unruhe im Schauspielhaus Düsseldorf

Die Einsamkeit des Stoffhändlers

 

Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, so der vollständige Titel, enthält Hunderte von Notizen dieses Mannes, der in einem Stoffgeschäft in Lissabon arbeitet. Ein sehr einsamer Mensch, der das Leben als Zumutung empfindet. Flucht aus dieser Tristesse bietet ihm das Schreiben. So notiert er in seiner kargen Freizeit seine Beobachtungen, Träume und Gedanken. Haupttenor ist eine resignierende Sicht der Dinge, aber auch von sich selbst: „Und den Tag genießen, beherrscht nur ein einziger Gedanke seine Seele – der innere Wille, zu enden, nicht zu denken, nicht zu fühlen.“ Fernando Pessoa (1888-1935) lebte im Lissabon des frühen 20. Jahrhunderts als kleiner Handelsangestellter und schrieb zeit seines Lebens nur für die Schublade. Erst nach seinem Tod wurde ihm Ruhm zuteil. Ja, er zählt heute sogar zu den Nationaldichtern Portugals.
Luise Voigt inszenierte Pessoas Beobachtungen und Notizen mit einem exzellenten Ensemble. Eine wahre Flut von Bildern und Eindrücken verschiedener Art: angefangen mit der eher beschaulich wirkenden Szene einer kleinen Straße in Lissabon mit Passanten und Café bis hin zu flackernden Bildern aus der digitalen Welt. Kriegsszenen mit Gewaltexzessen aus dem aktuellen Krieg in Nahost, Politikvideos, aufmarschierende Armeen und Flugzeuge im Kriegseinsatz – alles mit lauter Akustik versehen und zuweilen sehr anstrengend für den Betrachter. Maria Strauch hat eine äußerst variable Bühne geschaffen, die Auf- und Abgänge durch zahlreiche Türen erlaubt. Eine Hebebühne schafft zusätzlich ständig neue Perspektiven und von der Fülle der Requisiten können kleinere Häuser nur träumen. Der Zuschauer ist überwältigt von der schier endlosen Aneinanderreihung verschiedener Szenen. Da ist die Mutter mit Kleinkind im Kinderzimmer. In der Ecke ein Riesenteddy, der plötzlich aufsteht, an die Rampe wackelt und uns betrachtet. Ein riesengroßer Mann mit Zylinder und orangefarbenem Anzug. Yascha Finn Nolting hält einen Endlosmonolog („Passionen und Ambitionen machen uns verwundbar.“). Er ist umgeben von mönchsartigen Personen in rot-orangefarbenen langen Kutten. Pauline Kästner gibt die blond gelockte Beraterin einer TV-Astrorunde. Schon fast amüsiert verfolgen wir, wie sie den Anruferinnen (Männer rufen nicht an) etwas vorsäuselt und nach dem Gespräch in eine definitiv düstere Stimmung verfällt. Immer wieder aber steht Jürgen Sarkiss als Soares im Mittelpunkt, optisch eine Kopie von Pessoa: schwarzer Hut, Schnauzer, schwarze Brille, dunkler Anzug mit Hemd und Fliege. Mal sitzt er in dem kleinen Café in Lissabon, dann wieder an seinem Schreibtisch und stets kommentiert er die Dinge auf seine pessimistische Weise: „Die anderen sind für mich nichts mehr als Kulisse.“
Es ist sicher ein Abend, der den Betrachter herausfordert. Und auch nicht gerade sehr vergnüglich stimmt -
zu negativ der vorgegebene Grundton. Aber zu loben sind die Schauspieler. Man sollte sich auf die Herausforderung einlassen und nicht, wie es einige Zuschauer während der Vorstellung taten, den Saal verlassen. Zum Ende gab es Applaus, erst zögerlich, dann immer lebhafter, ja sogar Jubelrufe,