Übrigens …

Der Theatermacher im Schauspielhaus Düsseldorf

Ein Monolog als Dialog des Theaters mit sich selbst

Eine freundliche Türsteherin weist uns die Richtung, denn auf beiden Seiten gibt’s Tribunen, gespielt wird in der Mitte, sodass man außer dem Spiel auch immer die Zuschauer im Blick hat. Auf einem großen, terrakottafarbenen Oval wird sich die Komödie, die eigentlich eine Tragödie ist - so der Theatermacher selbst - gleich abspielen. Nachdem die Türen geschlossen sind, bleibt die nette Platzanweiserin (stets präsent: Sophie Stockinger) gleich im Bühnenbereich und wirkt mit den schweren Werkzeugen in den Hosentaschen wie eine Bühnentechnikerin, obwohl sie offensichtlich hier die Rolle der Wirtin übernimmt, der dem Theatermacher als wortkarger, Kaugummi kauender Ansprechpartner zur Verfügung steht. Doch nicht nur sie ist gemeint, wir alle werden zum Publikum des schäbigen Provinztheaters der Zwerggemeinde Utzbach, das unser Theatermacher unter lautem Getöse betritt und entsetzt ausrufen lässt: „Was hier, in dieser muffigen Atmosphäre – nicht einmal zum Wasserlassen habe ich diese Art von Häusern betreten!“ Er, der selbsternannte „Staatsschauspieler – ein solch empfindlicher Geist in einem solchen empfindlichen Körper“ soll hier sein „Jahrhundertwerk aus eigener Feder“ aufführen? Und das vor „durch und durch stumpfsinnigen Menschen“!

Obwohl der Prinzipal damit renommiert, in Berlin den Faust und in Zürich den Mephisto gespielt zu haben und jetzt in seinem Meisterwerk Das Rad der Geschichte alle Größen der Welt von Nero bis Hitler auftreten zu lassen, fällt er dann auf die Knie und überprüft auf allen Vieren die Brüchigkeit der Bühne. Ein großes Fragezeichen, das die Regisseurin Christina Tscharyiski mit diesem Bild gleich zu Beginn hinter die wortgewaltige Selbsteinschätzung der ersten Szenen setzt. Und in der Tat liegt diese Spannung zwischen Selbstbestätigung und Angstbewältigung über der gesamten Inszenierung, großartig erspielt von der grandiosen Rosa Enskin als Theatermacher Bruscon im schwarzen Dreiteiler mit schlabbrigem Mantel.

Zur Aufführung des Stücks kommt es bei Thomas Bernhard und seinem Bruscon nicht. Im Grunde ist es ein Quasi-Monolog über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Theaters, das unser Protagonist exzessiv liebt und hasst, wie auch die Leute seiner Truppe, ausschließlich Familie: Tochter Sarah (Flavia Berner, Sohn Ferrruccio (Alisa Lien Hrudnik) und Ehefrau Agathe (Minna Wündrich).Um der Gefahr der Monotonie in der thematischen und sprachlichen Wiederholung (ein bis an die Grenze ausgereiztes Stilmittel in Bernhards Werk) auszuweichen, durchzieht die Inszenierung Mozarts Fantasie in D-Moll, arrangiert für Violine und Klavier, live gespielt von Flavia Berner und Alisa Lien Hrudnik, womit die beiden Theater-Kinder zusätzliche Präsenz erhalten und außerdem mit ihren ganz nebenbei erwähnten Online-Auftritten einen Neuanfang setzen.

Madame Bruscon erscheint zunächst nur als Zerrbild auf einer Videowand über der Bühne, während ihr Mann sie als hustende Hypochonderin charakterisiert, die „jeden Text verhustet“, bis sie diese Diffamierung durch ihre strahlende Erscheinung Lügen straft. Zugleich rückt sie damit sein destruktives Frauenbild, das sich durchs Stück zieht, zurecht. Vermutlich glaubt er sich selbst nicht wirklich, wenn er behauptet: „Mit den Frauen hat es die größten Schwierigkeiten auf dem Theater“ mit ihnen zu arbeiten ist „eine Katastrophe“, da ihnen „jeder Kunstbegriff und philosophisches Gehirn fehlt.“Den besten Gegenbeweis liefert die überzeugende Düsseldorfer Inszenierung, in der alle Rollen mit Frauen besetzt sind.

Für die Älteren im Saal verweist die zwanghaft wiederholte Frage nach dem Feuerwehrhauptmann auf eine konkrete Theatergeschichte im Jahr 1972. Thomas Bernhard und Claus Peymann – enge Theaterfreunde und künstlerische Partner – brachten das Stück Der Ignorant und der Wahnsinnige bei den Salzburger Festspielen zur Aufführung und forderten absolute Dunkelheit für das Schussbild, will heißen, auch die Notbeleuchtung sollte gelöscht werden. Das verweigerte die Feuerwehr. Daraufhin setzte Peymann die weiteren Aufführungen ab, obwohl Bernhard zum Streichen der Szene bereit gewesen wäre. Es dauerte dreizehn Jahre, bis die beiden Theatermacher die Geschichte mit Der Theatermacherleicht selbstironisch künstlerisch aufarbeiteten. Claus Peymann eröffnete damit 1986 seine Intendanz am Wiener Burgtheater.

In Utzbach gibt der Feuerwehrhauptmann schließlich Bescheid, dass das Notlicht gelöscht werden darf, doch dazu kommt es nicht mehr: ein Gewitter bricht los, ins Pfarrhaus schlägt der Blitz ein, alle rennen raus und im Saal regnet es rein. So im Original. In Düsseldorf ist das Unwetter gestrichen.

Auf die Nachricht, dass das Notlicht gelöscht werden darf, reagiert Bruscon eher verhalten. Hatte er doch mehrfach damit gedroht, die Aufführung ausfallen zu lassen, falls sein Verlangen nicht genehmigt werde. War das vielleicht die geheime Hoffnung auf einen Vorwand für die Streichung des Ganzen? Erlösung von allen seinen verdrängten Ängsten? Keine Antwort. Bühnennebel steigt auf.

Ein riesiger Scheinwerfer senkt sich auf die Bühne, in den unser Theatermacher kurz verschwindet, um dann mit heruntergelassenen Hosen und entblößtem Gummi-Penis wieder aufzutauchen. Scheinbar Ende der Vorstellung. Begeisterter Applaus.

Doch dann senkt sich die Videowand wieder von oben auf halbe Höhe und wir sehen Minna Wündrich/ Madame Bruscon backstage in der Garderobe verschwinden. Während sie sich abschminkt, unterhält sie uns im Großformat mit dem DICHTERHUSTEN - Monolog für die Frau des Theatermachers – von Ferdinand Schmalz

Ein absurder Text, ein Auftragswerk des Düsseldorfer Schauspielhauses, der anknüpft an die Behauptung des Theatermachers, dass seine Frau Agathe „jeden Text verhuste“. Er stellt die Frage, wer da eigentlich hustet. Ist es die Frau? Der Text? „Oder ist das gar der Autor, der da aus seinem Grab heraus“ hustet? Das mag man nehmen als Hinweis auf Bernhards Lungenleiden, das er in der autobiographischen Erzählung Der Atem verarbeitet. Erneut heftiger Applaus für alle.