Was vom Feste übrig blieb
„We can make it. Don’t lose heart!“, wiederholt eine der Performerinnen am Ende des unendlich langen 90minütigen Abends. Wieder und wieder: „We can make it.“ Falls das ein Mutmacher-Spruch sein soll, muss man sich fragen, ob man die sechs Akteure der oft so hinreißenden Truppe von Forced Entertainment dabei wirklich unterstützen soll oder ob nicht eigentlich Hopfen und Malz verloren ist. Es scheint, als stellten die Performerinnen und Performer Menschen dar, bei denen Hopfen und Malz tatsächlich endgültig verloren ist, aber als brächten sie den beabsichtigten Subtext selbst nicht mehr über die Rampe.
Everything Must Go markiert das Ende einer Trilogie, in der Forced Entertainment mit KI-generierten Stimmen und Lippensynchronisierungen experimentiert. Die Texte, die wir hören, kommen also vom Band. Sie wirken verlangsamt, wie in Zeitlupe gesprochen, und sie scheinen über weite Strecken übersteuert: zu laut, zu lärmend für langsam Gesprochenes. Was allerdings passt zum Lärm, den die Schauspieler mit ihren Requisiten veranstalten: mit dem permanenten Umräumen leerer Flachen, umgekippter Stühle und zweier einfacher Tische. Das ginge auch leise, soll aber nicht. Und so schmerzt es als kakophoner Krach in den Ohren.
Wir befinden uns in einer Kneipe, vielleicht am Ende einer Party. Die vom Feste übrig Gebliebenen sind stockbesoffen, lachen unmotiviert (vom Band natürlich), rennen ziellos durch die Gegend und lallen ziemlich viel Unsinn. Das kann in den besten Kreisen passieren, wenn man der Kneipe die Alkoholvorräte leer getrunken hat. Da es sich bei den von Forced Entertainment dargestellten Figuren aber offensichtlich um Prolls aus der untersten Schublade des Prekariats handelt (mit grandiosen Frisuren von ausgesuchter Hässlichkeit, gegen die Boris Johnsons ungekämmte Mähne wie Haute Coiffure wirkt), beschleicht einen als Zuschauer ein ungutes Gefühl: Wird hier nicht eine unterprivilegierte Gesellschaftsschicht mit ihren Defiziten schamlos ausgestellt?
Forced Entertainment verkauft das als eine Art von Dadaismus. Man verwandele „Alltagsrede in eine subversive, dadaistische Poetik, die zugleich komisch und wütend ist“, heißt es in der Ankündigung. Okay, Absicht verstanden, in den besten Momenten der Performance kommt davon sogar etwas rüber. PACT Zollverein verspricht sogar „ein flirrendes, körperlich-visuelles Porträt unserer Gegenwart: Wirtschaft am Abgrund, Städte in Trümmern, gebrochene Herzen, verpasste Chancen.“ Lenken wir unseren Blick auf die vier TV-Screens über dem Bühnengeschehen, so sehen wir Explosionswolken und eine menschliche Puppe durch die Lüfte fliegen, aufgewühlte Meere, Autos im Powerslide, Turnerinnen im Zeitraffer, Glücksräder und Roulette-Schüsseln. Eine Welt am Abgrund, Trümmer und verpasste Chancen kann man da schon imaginieren. Der Bezug zum grenzdebilen Bühnengeschehen stellt sich eher schwer her. Seke Chimuntengwende, der in der Kneipe zu Beginn einen wunderbaren, milde vor sich hin delirierenden Drogensüchtigen zu geben scheint, spricht mit der Weisheit des Betrunkenen: „They say you shouldn’t do too much thinking at night.“
Recht hat er. Trotzdem ist es natürlich schade, wenn die Gedanken, die Forced Entertainment in das Projekt gesteckt hat, so wirkungslos verpuffen. Manchmal sinniert einer im Suff über ziemlich traurige, erschreckende Zusammenhänge: Ob wir der Folter widerstehen könnten, fragt einer. Eine Antwort erwartet er nicht, aber haben wir uns solche Fragen nicht alle selbst schon einmal gestellt? Irgendwann faseln alle was vom „dying planet“ und von gestörten Nahrungsketten. Comicfiguren und Video-Animationen laufen derweil scheinbar zusammenhanglos über die Bildschirme. Ja, denkt man, auch mit solchen Szenen, wie absurd sie auch gespielt sein mögen, kann man 90 Minuten lang den Untergang des Abendlandes darstellen. Vielleicht gehört zum Untergang des Abendlandes ja auch eine durch soziale Netzwerke und Autokratien, die einem das Denken abnehmen, besoffen und grenzdebil sowie antriebslos gewordene Gesellschaft.
Nach einer knappen Stunde scheinen sich die sechs einmal zusammenzureißen. Sie versammeln sich an einem langen Tisch wie die Jünger bei da Vincis Abendmahl. Besen, Staubsauger und Wasserbäche auf den Bildschirmen mögen den Versuch einer Reinigung beschreiben. (Aber vielleicht bedeuten diese Bilder auch ganz Anderes – Genaues weiß man eh nicht an diesem Abend.) Irgendeiner kommt auf das Thema des Theaterspiels - auf die Stanislawski-Methode. Wo zum Teufel holen die das denn jetzt her? Die Stimmen vom Band klingen jetzt, am Ende, fast wie aus einer uralten Radiosendung herübergeweht. Ein langweiliger, irgendwie tragisch misslungener Abend geht zu Ende. „These are the stories we’re bringing to you“, sagt einer der betrunkenen Kneipengäste. Und erkennt: „We’re deep in the mud.“