Ein großer Lügner
Das Thema in Mann ist Mann, Brechts 1926 uraufgeführtem Stück, ist, wie weit ein Mensch manipuliert werden kann, besonders in unmenschlichen Zeiten. Brecht nannte sein Stück ein Lustspiel. Näher betrachtet ist es aber ein witzig-absurdes Lehrstück. Worum geht es? Der irische Tagelöhner Galy Gay, ein einfacher Packer, teilt seiner Frau mit, er wolle einen Fisch kaufen. Da er nicht rauche oder trinke, sei das im Rahmen der Möglichkeiten. Seine Frau hätte gern einen größeren Fisch, warnt ihn aber vor den Fischweibern und den Soldaten. Und schon stürmen drei Soldaten auf die Bühne, schießen und wollen Ordnung schaffen. Als sie ihren vierten Mann bei einem Überfall im Feindesland verlieren, geraten sie in Panik. Brauchen sie ihn doch dringend. Erst für die Vollzähligkeit beim Appell und später für den Kriegseinsatz. Alle Mittel sind ihnen recht, um zum Ziel zu kommen und Galy Gay in den abhanden gekommenen Kameraden zu verwandeln. Bier und Zigaretten, aber auch eine fingierte Exekution bringen Gay schließlich dazu, sich manipulieren zu lassen und letztlich sogar zum Killer zu werden. Ist dieser Mann nun ein Schwächling oder ein Mann, der sich den Gegebenheiten anpasst?
600 grüne Plastikbierkästen bedecken die Bühne. Sehr variabel eingesetzt als Haus, als Deckung, ja sogar als Gewehre. Ab und an wird ein Panzer von oben herabgelassen und schon ist er die Kantine der Witwe Begwick. Alles verändert sich ständig. Immer wieder werden die Songs von Paul Dessau gespielt und gesungen. Brecht nannte seine Hauptfigur einen großen Lügner und unverbesserlichen Opportunisten. Christoph Roos gelang eine Inszenierung, die im Laufe des Abends immer mehr an Spannung gewinnt. Wobei er sich auf ein sehr gutes Ensemble verlassen konnte. Cornelius Gebert überzeugt als Galy Gay, der sich - nach einigem Sträuben - total manipulieren lässt und sogar zum Führer der Truppe wird. Bruno Winzen gibt den Sergeant Charles Fairchild, einen skrupellosen Kriegshelden. Die drei Soldaten der Maschinengewehrabteilung werden von drei Frauen gespielt: Marie Eick-Kerssenbrock, Liv Wagener und Julia Staufer. Eines der Argumente, warum sie den Geschlechtertausch interessant finden, ist, von einer weiblichen Perspektive aus eine Männlichkeit zu entwickeln, die sie im privaten Alltag vielleicht als bedrohlich empfinden würden. Simon Schofeld ist die verführerische Witwe Begwick. Er findet es spannend, diese weibliche Figur in einem extrem männerlastigen Umfeld, dem Militär, zu spielen. Das Publikum honorierte den Abend mit herzlichem Applaus.