Übrigens …

Dingens im Mönchengladbach, Theater

Entschuldige dich dafür, dass du lebst.

Dingens ist eine hebräische Komödie (1972) des israelischen Autors Hanoch Levin (1943-1999), der zu den bekanntesten, aber auch umstrittensten Autoren der israelischen Theaterszene zählt. Erstaunlich für eine Komödie, dass die Mitglieder einer Familie jegliches Gefühl von Anstand und Mitgefühl vermissen lassen, wenn es um ihre Machtposition in der Gemeinschaft und ihre ureigensten Interessen geht. Jeder sieht sich selbst als Mittelpunkt und versucht ohne Rücksicht auf Verluste, den anderen seinen Willen aufzuzwingen. Dingens, die Hauptfigur, steht ganz unten in der Hackordnung. Das Bühnenbild zeigt uns schon, dass man von ungewöhnlichen Bedingungen ausgehen kann. Die Rückwand ist hellgrün und so weit nach vorne geschoben, dass wenig Platz zum Agieren bleibt. Verschiedene weiße Möbel – Stühle, Tische, Schränke, Betten – stehen neben- und übereinander, ja hängen zum Teil auch an der Wand. Die Schauspieler treten durch Schränke auf und ab. Unter den Betten sieht man weiße Katzen, deren Maunzen dann und wann zu hören ist. Dingens, ein entfernter Verwandter der Familie Teigalech und auch ihr Untermieter, isst genüsslich ein Stück Kuchen. Das Vergnügen dauert nicht lange. Die Herrschaften des Hauses, Teigalech und seine Frau Klamanope, treten auf und übertreffen sich sofort in Versuchen, Dingens seine unterste Position in der Rangordnung deutlich zu machen. Von ihnen erfährt er, dass ihre Tochter Fogra, um die er sich als Kind stets gekümmert hat, heiraten wird. Dingens ist zutiefst gekränkt, fühlt er sich doch als Mitglied des Haushalts. Mit dieser erneuten Erniedrigung ist der Bogen überspannt.
Dedi Baron, Regisseurin aus Isael, hat schon mehrfach für das Theater Krefeld Mönchengladbach mit Erfolg inszeniert. Sie erklärt ihre Wahl des Stückes so: „Ich habe Dingens gewählt, weil das Stück auf eine sehr präzise und zugleich erschreckend einfache Weise zeigt, wie Gewalt im Alltag entsteht – nicht als Ausnahme, sondern als Normalität zwischen Menschen. Heute, in einer Zeit großer politischer Spannungen und gesellschaftlicher Unsicherheit, berührt mich besonders die Form der alltäglichen Grausamkeiten.“ Sie betont das Bedürfnis der Charaktere im Stück, andere zu erniedrigen, kleinzumachen, um sich selbst stark zu fühlen. Wobei es nicht Monster sind, sondern ganz normale Menschen. Wie das Ehepaar Teigalech (Adrian Linke) und Klamanope (Esther Keil). Beide geben sich penetrant selbstbewusst und wichtig. Übertroffen werden sie aber von ihrer Tochter Fogra (Marie Eick-Kerssenbrock), die immer wieder verdeutlichte, dass sie das Sagen hat. Auch ihr Verlobter Warschawiak (Cornelius Gebert) hat zu kuschen. Dingens (Christoph Hohmann), zunächst unterwürfig und anbiedernd, wird zunehmend aggressiver und trumpft auf. Ja, er verteilt sogar im Publikum Einladungen zu seinem Selbstmord vom Dach des Hauses Teigalech („Eine kleine Erfrischung wird gereicht.“).

Ein recht ungewöhnlicher Abend, der nach der Pause an Intensität gewinnt. Kaum zu fassen, welche Widrigkeiten sich die Mitglieder dieser Familie einfallen lassen, um andere zu erniedrigen, um sich dadurch selbst besser zu fühlen. Eine Komödie? Ja, aber auch – so Baron - „ein Faschismus der Beziehungen“. Jeder hat Angst, zu fallen, und braucht daher Personen, die unter ihm stehen. Demütigung als Instrument der Macht, kein Mitgefühl für „die da unten“. Für Dedi Baton ein Stück über unsere Gegenwart. Das Publikum dankte mit erst zögerlichem Applaus, der sich dann doch steigerte.