Übrigens …

1984 – DYSTOPIE 2.0 im Schauspielhaus Düsseldorf

Kampf zwischen Wahrheit und Lüge

Auf weichem, hellbeigem Textilflor, der vom Bühnenbereich bis unter die erste Stuhlreihe reicht, betreten wir einen ziemlich farblosen, coolen Raum. Oben aus dem Bühnenhimmel hängen acht hin- und her bewegliche mannshohe runde Bubbels, auf denen Ton in Ton die Ungleichung 2+2=5 zu lesen ist. Links ein kleiner weißer Arbeitsplatz. Das Ganze ist das „Operationscenter der KI SOLON“, Teil der Machtzentrale der in einer nahen Zukunft gelegenen Diktatur Ozeanien, zu der in eben dieser baldigen Zeit ganz Amerika, Afrika, Australien, Teile Asiens und England gehören.

Ozeanien nannte bereits George Orwell in seinem dystopischen Roman 1984 (ein Zahlendreher des Jahres der Fertigstellung 1948) den darin geschilderten totalitären Überwachungsstaat. In ihrer Bühnenadaption 1984 - Dystopie 2.0 nimmt die Autorin Kim Langner die Grundgedanken des Romans auf, schreibt ihn jedoch fort in eine von KI bedrohte, technisch revolutionierte Zeit. So liegt jetzt nicht mehr alle Macht bei der allgegenwärtigen Gedankenpolizei BIG BROTHER, sondern bei der KI SOLON mit ihren Operationscentren.

Wie bei Orwell ist im Bühnenstück einer der Protagonisten der zunächst linientreue Winston, der jetzt als Core-Analyst für die IT-Sicherheit von SOLON zuständig ist, was ihm gelegentlich Kontakte zu Außenbereichen und zur Echtzeit ermöglicht.

Zu leiser Musik aus dem Off klärt uns eine Werbestimme auf: „Durch PhontonSense-Technologie mit lichtbasiertem Rendering, ultraleichtem Graphene-LightFrama und dem neuen Aether QuantumCore-Chip sind Realität und Fiktion nicht mehr zu unterscheiden.“ Dem schließe ich mich gerne an, zumindest dem letzten Teil. Doch dann wird’s verständlich.

Winston (überzeugend: Cem Bingöl) erscheint schwungvoll im modisch-schicken, weißen Sport-Outfit, setzt eine schmale Cyberbrille auf und nimmt Kontakt auf zu einer bildschönen, puppenhaft agierenden Frau auf einer der Bubbles. Es ist seine „neu-humane KI-Partnerin Kathar-IA“. Wir erfahren, dass die beiden heute - in dieser Distanz-Beziehung - ihren zehnten Hochzeitstag feiern und dass sie gemeinsame Zwillinge haben, die in zwei Wochen zehn Jahre alt werden, denen er aber noch nie live begegnen durfte und es auch in den nächsten drei Jahren nicht darf. Die Regeln kommen ausschließlich von ihr, das heißt, von SOLON.

Wie bei Orwell teilt sich die Welt in drei Herrschaftsbereiche auf: Oranien, Eurasien (im Stück von der TURP.NI regiert) und Ostasien (jetzt von KI SHENFA regiert). Dazu gibt’s eine Skizze im Programmheft. Eine Attacke der Eurasier wird durch das Vertreiben skurriler Monster auf den Video-Pattformen schnell abgewehrt, anschließend jedoch von einem oppositionellen, heimlich im Untergrund agierenden Kollektiv der Aktivistin Emily Goldstein als „Deepfake“ deklariert.

Dann taucht Farbe auf: in leuchtendem Orange von Kopf bis Fuß erscheint die echte Frau Julia hinten im Saal (temperamentvoll: Hannah Joe Huberty). Sie gehört der dritten, Klasse, der prekären Unterschicht von Oranien an, der jegliche Bildung untersagt ist. Lesen, Schreiben und Rechnen – will sagen, jegliches eigene Denken – ist ihr verboten. Winston, schon durch die Entdeckung des kritischen Kollektivs verunsichert, verliebt sich in Julia, schleust sie heimlich in ein nur ihm zugängliches Antiquariat mit echten Büchern und macht sie zur Komplizin des bei ihm allmählich wachsenden Protestes. Eindrucksvoll, wie die beiden sich langsam herauswagen aus der vorgeschriebenen körperlichen und emotionalen Distanz und dabei zugleich immer die nötige Vorsicht nach außen wahren müssen in einem System, das weder ernsthafte Diskussion, noch körperliche Berührung zulässt.

Doch O’Brien, Commander einer Digital-Defense und Winstons Vorgesetzter (überzeugend cool-boshaft: Leon Schamlott) erschleicht sich als scheinbarer Helfer und Mitkämpfer das Vertrauen der beiden und schlägt schließlich grausam zu. Brutal gefoltert, von Ratten verbissen soll Winston ihm dann allerdings noch einmal technisch helfen. Doch statt der von O’Brien erhofften weiteren Abschottung des Herrschaftsbereiches, erscheint die befreiende Info: „Löschung System SOLON wird eingeleitet.“

Im Epilog verkündet die Ostasiatische KI SHENA die Befreiung der Ozeaner aus der Tyrannei von SOLON und die Einpflanzung eines neuartigen SHENA–Chips in alle ihre Gehirne, das sie „ins Zeitalter von Gerechtigkeit, Liebe und totaler Wahrheit“ führen soll.

Mit dieser Utopie weicht Kim Langner weit ab von der Vorlage: bei Orwell wird Winston so lange einer Gehirnwäsche unterzogen, bis er Big Brother „wahrlich liebt“.

Langner schreibt ihr Stück für junge Menschen ab 12 Jahren, wobei manche beklemmenden Szenen und virtuellen Figuren vielleicht auch belastend für dieses Alter sein könnten. Herrlich kindgemäß aber erspielen Winston und Julia bei ihrer ersten Begegnung die Situation, dass Julia einen Schokoriegel verstecken muss, da Schokolade auf der SOLON-Verbotsliste steht. Ein kurios-anschauliches Beispiel für Diktat und Kontrolle der Mächtigen bis ins Allerprivateste. Diskussionsstoff für jedes Alter bieten auch die Bezüge zu heutigen Lebenswelten - seien es die herrschenden Diktaturen oder unser aller Alltag mit der selbstverständlichen Nutzung von A(rtificial) I(ntelligence) bzw. K(ünstlicher I(ntelligenz). Das Publikum war begeistert.