Übrigens …

Bad Mexican Dog im Schauspielhaus Düsseldorf

Ein Fluchtversuch in Rituale und Traumwelten

Die Vorankündigung lädt ein zum „unvergesslichen Strandurlaub“, verspricht eine „Sonnenökonomie“ aus Luxus und Beach Boys. Das alles im Unterhaus, dem Keller des Schauspielhauses.

Etwa hundert gespannte Zuschauer warten vor der verschlossenen Kellertür, als ein Typ in kuriosem Outfit und langen schwarzen Locken erscheint und mehr oder weniger zufällig bunte Armbändchen - rot, blau, gelb – an einige wenige verteilt. Dann dürfen wir rein. Über enge Gänge und etliche Treppen erreichen wir das schmucklose Unterhaus: nichts zu sehen von Sonnenökonomie. Die Wände schwarz, der Boden sandfarben, rechts eine kleine Flaschenbar und eine Musikbox, aus der Righeiras Anti-Kriegs-Song „Vamos a la playa“ – Lass uns an den Strand gehen - den Abend als Dauersound begleiten wird.

Ob wir es glauben oder nicht: wir sind im Big Cat Beach Club in Cuncún, Mexiko. Der lässige Typ von vorhin ist der Besitzer (Mila Moinzadeh), der gerade einen Beach Boy rausgeschmissen hat und einen neuen sucht. Die Qualifikationen sind minimal: man sollte es schon mal gemacht haben. Ein Aspirant taucht auf, wird genommen und von drei Kollegen in Shorts und T-Shirts praxisnah eingewiesen. Er erfährt, was zu tun ist: den Touristen und Touristinnen bieten, was sie erwarten: Sonne, Schatten, Sonnencreme, Massage, kühle Getränke, Fächer vorm Gesicht. Das einträchtigste Ziel ist, mit Einschmeicheln und „richtigem Eindruck“ einen „Job als persönlicher Boy zu ergattern“. Zuvor allerdings muss das eigene Revier – 4 Reihen à 20 Stühle, will heißen 80 Leute – versorgt sein. Doch Bo, der Neue (temperamentvoll: Michael Fünfschilling) hat noch ganz andere Ideen, um über das Trinkgeld hinaus an das große Geld der Kunden zu kommen: Er dreht ein kompromittierendes Video von einem Touristenpaar - als das sich Blanka Winkler und Juan David Mendez durch blitzschnellen Kleider- und Rollenwechsel rasant klischeehaft präsentieren - mit dem er dann 30 000 Mexikanische Pesos erpresst.

Allerdings nicht nur die Gäste werden zu Opfern: Ginger, einer der Beach Boys, wird von einem gewalttätigen, eifersüchtigen Begleiter erschlagen. Doch, oh Wunder, später von den Kollegen durch ein geheimes Ritual ins Leben zurückgeholt. Ein Beispiel für das allmähliche Abgleiten des Geschehens ins Magisch- Fantastische, wobei das meiste allerdings nicht erspielt, sondern berichtet wird und so das Publikum herausfordert, die Traumwelt der Beach Boys in eigenen Bildern zu erleben. Allerdings gehen dabei die bitter-einsamen Nächte der Jungen gelegentlich an die Grenze der Vorstellungsbereitschaft.

Liebevoll erspielt wird hingegen die zärtliche Annäherung von Bo und Manu, die dann aber durch die „Arbeit“ des schönen Manu als persönlicher Boy einer Französin versickert. Dabei gibt’s urkomische Szenen, wenn die beiden bei ihren Liebkosungen sich weiße Plastikschwänzchen auf die Hosen setzen oder eine Apfelsine von Mund zu Mund genießen. Wobei die Frucht der Apfelsine interessanterweise auf Sex verweist und ihr heraustropfender Saft für Körpersäfte steht. Nicht nur bei diesen Szenen wird herzlich gelacht, nicht zuletzt auch bei den Unterbrechungen, wenn den Leuten mit den Bändchen – je nach Farbe – verschiedene Getränke gereicht werden. Zumindest diese Auserwählten sollen sich wohl als Premium- Gäste des Big-Cat-Beach-Clubs fühlen.

Doch dann werden wir alle einbezogen: Eine Plastikfolie wird - von der Windmaschine bewegt - von den Boys traumwandelnd über uns gespannt. Singend bewegen sie sich dabei zurück auf die Bühne, verschwinden kurz unter der Folie – auf der Rückwand erscheinen Meereswellen – „Komm wir gehen an Land!“ ruft Ginger, bevor sie wieder auftauchen, um auf neuem Strand einen Neuanfang zu wagen: Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Claudius Steffens, Ensemblemitglied des Hauses, mutet uns reichlich viel an Eigen- Traumwelten in seiner ersten Regiearbeit zu. Nach 100 Minuten Erzähltheater bleibt ein Herz für die ausgenutzten Boys und ein böser Blick auf das witzig klischierte europäische Touristenvolk bei der Adaption der Erzählung Bad Mexican Dog, ein Text aus dem Band Nach der Sonnedes dänischen Autors Jonas Eikas.Der Erzählband wurde 2019 mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet und für den International Booker Prize nominiert. Das Publikum spendete jubelnden Applaus.