Übrigens …

Maus, Geld, Gespenst im Schauspiel Essen

Im Chaos der Selbstfindung

Nie zuvor waren wirtschaftliche, politische, gesellschaftliche und kulturelle Strukturen international so eng miteinander verflochten wie heute – der Globalisierung sei Dank! Dass sie dabei ebenso viele Möglichkeiten eröffnet wie neue Probleme schafft, dürfte inzwischen aber kaum noch zu bestreiten sein. Insbesondere in Zeiten von Social Media und einer permanenten Orientierung an neuen Trends, Normen und Idealen scheint es für viele Menschen schwieriger zu werden, eine eigene Identität und damit sich selbst zu finden..

Von dieser Diskrepanz zwischen individueller Identitätssuche und globalisierter Verstrickung berichtet auch Sunan Gu in ihrem Stück Maus, Geld, Gespenst, das am Theater Essen in Kooperation mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen uraufgeführt wird. Mit dem Stück gewann Gu den “Volksbühnenpreis für Theaterliteratur", der in diesem Jahr erstmals vergeben wurde. Im Mittelpunkt stehen fünf Figuren zwischen Berlin und Beijing in China; Lin sorgt als Sexarbeiterin für sich und ihren Bruder Ming. Dabei trifft sie auf den Geschäftsmann Mr. Maus, der in ihr seinen verstorbenen Sohn sieht. Währenddessen leidet Ming nicht nur trotz eines akademischen Abschlusses an seiner Arbeitslosigkeit, sondern auch am Verlust seines Beines und seiner Frau Lina, einer Austauschstudentin aus Deutschland. Dort trauert auch ihre Schwester Sarah, die als Wissenschaftlerin regelmäßig Mäuse seziert und eine Online-Beziehung mit der Streamerin Feng beginnt. Um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, verspeist Feng hingegen vor laufender Kamera lebende Mäuse. Verbunden sind alle Figuren durch den Tod, finanzielle Notlagen und Mäuse. Auf der Suche nach Lösungen treffen die Figuren auf Geister der Vergangenheit und ergründen ihre eigene Biographie und Identität.

Sunan Gu versteht ihr Stück als Parabel und sieht die Figuren nicht als stringente Persönlichkeiten, sondern als fluide Wesen, die sich im ständigen Wandel befinden. Regisseurin Ruth Mensah inszeniert sie daher als beinahe unmenschliche Puppen mit riesigen Köpfen. Zum Einsatz kommen dafür große, leicht transparente, haarlose Masken, mit aufgemalten Gesichtern, die keinerlei Mimik zulassen und dem Ensemble daher zur Darstellung eine immense, fast schon karikatureske Körperlichkeit abverlangen. In einer Art Tunnel zwischen Sein und Nichtsein irren die Figuren von einem Themengebiet zum nächsten und finden sich mit allerlei Konflikten konfrontiert. Und davon gibt es reichlich: Unterschiede zwischen Stadt und Land, dem Westen und dem Osten, arm und reich, Kultur und Sozialisierung, um nur einige zu nennen. Zur Folge hat dies, dass kein tatsächlicher Fokus gesetzt wird und das schiere Chaos der Themen nebeneinander steht, ohne auch nur ansatzweise verhandelt zu werden. Vielmehr verdichten sich die Themen zunehmend zu immer spezifischeren Komplexen, wie Körperbildern, Schönheitsidealen, Fleischkonsum, Nationalismus und allerlei mehr. Dabei entwickelt sich der Versuch der Auseinandersetzung kaum zu einem reflektierten Diskurs, sondern zu plumpem Whataboutism.

Auch sonst finden sich diverse Unstimmigkeiten im Stück. Das Aufwerfen von Themenkomplexen, ohne sie zu verhandeln, ist keine Seltenheit zeitgenössischer Texte und zeugt allenfalls von einer kollektiven Ratlosigkeit, mit den aufgeworfenen Themen umzugehen. Gu findet dafür aber keine stringente Sprache und changiert unregelmäßig zwischen dramatischer und prosaischer Erzählform. Dabei beschreibt sie in einer bemerkenswerten Ausführlichkeit sexuelle Begierden der Figuren untereinander sowie Gewalt an Tieren in einem vulgären und expliziten Ton. Nicht nur die erstaunliche Häufigkeit dieser Einwürfe, sondern auch deren narrative Umsetzung wirken dabei an vielen Stellen wenig schlüssig und grundlegend überflüssig. Genannt sei hier beispielhaft die Obsession von Mr. Maus gegenüber Lin, in der er seinen verstorbenen Sohn sieht, zu der er jedoch eine Beziehung aufbaut, die primär sexueller Natur ist. Diese offensichtliche Auffälligkeit wird im Gegensatz zur sonstigen Themenschar allerdings nicht ansatzweise aufgegriffen und bleibt nicht nur unbehandelt, sondern gar nicht erst thematisiert zurück. Deutlich erörtert wird hingegen neben der Gewalt- und Sexualexzesse auch die Prothese und das verlorene Bein von Ming, nur damit dessen Verlust mit einem einfachen Autounfall und einer Plattitüde über Karma erklärt werden kann. Insgesamt deutet das Stück eine Fülle an Themen an, findet aber weder eine entsprechende Form, noch eine passende Sprache, diese stringent darzustellen.

Regisseurin Ruth Mensah reiht sich inszenatorisch ebenfalls in dieses Chaos ein. Mit den puppenhaften, hybriden Figuren in einem surrealen Setting findet sie zwar zunächst einen passenden Raum mit ansprechender Ästhetik, die jedoch zunehmend in Monotonie und eine wenig stimmige Bildsprache zwischen Gelatineblöcken, Kaomoji auf einem Bildschirm und einer riesigen Requisite eines Fleischberges abflacht. Das Ensemble des Theater Essen stemmt den Abend durch sein anspruchsvolles körperliches Spiel zwar auf bemerkenswerte Weise, kann die Unfokussiertheit des Textes und die Unstimmigkeit der Regie jedoch nicht aufwiegen. Mit einer langen Choreographie werden am Ende die Geister der Vergangenheit verabschiedet, um in die Zukunft blicken zu können. Nach zwei Stunden ohne Pause sind das Geisterritual und der Spuk dann aber auch für das Publikum beendet.