Von Mitgefühl und Sensationslust
Kann man durch ein Bild dazu angeregt werden, sich aktiv gegen den Krieg einzusetzen, fragen die vier Schauspieler auf der Bühne des Kölner Schauspiels. Wahrscheinlich sei doch eine Erzählung wirksamer als ein Bild. Und: Kann man einem Bild heute, in Zeiten der Manipulierbarkeit von KI, noch glauben? Selbst wenn die KI nicht eingegriffen hat: Wird nicht auch ein Foto zu einer Erzählung, die eine bestimmte Intention verfolgt? Was sagen Bilder oder Erzählungen aus Kriegsgebieten aus, in denen die einander feindlich gesinnten Parteien aus den verschiedensten Gründen ein Interesse an einer frisierten Darstellung der Realität haben?
Die amerikanische Schriftstellerin, Philosophin und Aktivistin Susan Sontag kannte die Kriegsberichterstattung aus eigener Anschauung. In ihrem letzten Essay vor ihrem Tode, der im Jahre 2003 (also lange vor dem Entstehen der KI-Problematik) erschien, befasst sich sie sich mit der Manipulierbarkeit der Geschichtsschreibung und mit dem Verhältnis von Sprache und Bild. Was spröde klingt, ist spannend zu lesen und hochaktuell, bezieht man es doch automatisch auf die grauenvollen Bilder von Anschlägen und Kriegsgräueln, die aus den täglichen Nachrichtensendungen ins heimische Wohnzimmer flimmern. Man reaktiviert sein Geschichtswissen, erinnert sich an tödliche Einsätze von Kriegsberichterstatter:innen wie Anja Niedringhaus und reflektiert die eigene Abstumpfung respektive Berührbarkeit durch solche Bilder. Denn, ja, in Sontags Text geht es auch um unsere eigene Reaktion, unser eigenes Handeln – siehe die Eingangsfrage zu diesem Text. Führt die mediale Flut von Kriegsbildern und Gewalt noch zu Betroffenheit oder wird sie eher als Unterhaltungsprogramm oder gar als Mittel zur Befriedigung unserer Sensationslust wahrgenommen? Sontag fragt, ob es überhaupt möglich sei, das Leiden anderer nachzuempfinden. „Mitgefühl ist eine instabile Gefühlsregung. Es muss in Handeln umgesetzt werden, sonst verdorrt es“, wird die Autorin von den Kölner Darstellerinnen und Darstellern zitiert.
Einen Essay, also ein Sachbuch auf die Bühne zu bringen, ist eine Herausforderung für die Regie. Ayla Pierrot Arendt hat daher um Sontags Überlegungen herum eine kleine Geschichte gebaut. So lässt sich ihr Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten: Arendt lässt eine Kriegsfotografin, einen Kriegsarzt, eine Influencerin und einen unbekümmert (oder abenteuerlustig / verantwortungslos?) durch das Kriegsgebiet radelnden Fahrradtouristen bei einem Unfall zusammenstoßen. Der Auslöser für diesen Unfall war ein Kriegsverbrechen: ein Drohnenangriff auf ein Sanitätsfahrzeug. Selbst so unmittelbar der Todesgefahr im Krieg ausgesetzt zu sein, verändert den Blick auf das Kriegsgeschehen sowohl im konkreten Fall als auch in der Theorie; die vier bislang in unterschiedlichem Maße unabhängigen Beobachter werden zu Betroffenen und sind gezwungen, ihre eigenen Positionen zu reflektieren.
Statisch stehen die Darstellerinnen und Darsteller zunächst an der Rampe und lesen aus Sontags Buch vor. Teilweise erfordert der anspruchsvolle, fast eskapistische Text hohe Konzentration, doch sein intellektueller Gehalt fängt das Publikum schnell ein. Nach langen Minuten erst setzt die Theatersituation ein: mit Louisa Beck im Brautkleid, die im Kriegsgebiet Instagram-Fotos schießen lässt. Unglaubwürdig? Erinnern Sie sich noch an die Benetton-Werbekampagne mit Schockbildern aus den 1990er Jahren? Da wurde u. a. mit den blutverschmierten Kleidern eines Soldaten aus dem Bosnien-Krieg geworben! Zynisch, geradezu abstoßend wirkt die Vorstellung, dass jemand Brautbilder im Schlachtengetümmel aufnimmt. Doch sowohl Becks Figur als auch Fabian Reichenbachs Fahrradtourist, der als Extremsportler neue Herausforderungen sucht, haben Vorbilder in der Realität; der Sanitätsarzt und die Fotografin selbstverständlich ebenso. Und es sind ausgerechnet der Fahrradfahrer und die die Influencerin, die in Arendts Inszenierung am Ende reflektieren: „Die Toten interessieren sich nicht für die Lebenden. Wir, die nie erlebt haben, was sie erlebt haben, verstehen sie nicht.“ Erst als sie selbst betroffen sind, als sie aus nächster Nähe im Kriegsgebiet die Leiden und Nöte erleben und sogar am eigenen Körper erfahren, verändern sie ihren Blickwinkel. Aber ist es nicht trotzdem der perverse Wunsch nach Nervenkitzel, nach Selbstdarstellung und Selbstoptimierung, der diese Menschen ins Kriegsgetümmel getrieben hat? Wollen wir Becks Influencerin glauben, wenn sie behauptet, in den Krieg gezogen zu sein, um ein Foto zumachen, das den Krieg beendet? – Wohl kaum. - Ist es nur Selbstlosigkeit, dass Benjamin Höppners Mediziner als Kriegsarzt arbeitet und nicht ohne Stolz von seiner Schicht spricht, in der er 20 Stunden lang ohne Pause operiert hat? – Es bleiben zumindest Zweifel. Immer wieder ist den Figuren ihre Sensationslust anzumerken.
Mehr und mehr nimmt die Theatersituation Fahrt auf. Lichtblitze resultieren aus dem Betätigen der Kamera, lassen aber an Drohnenangriffe denken; das plötzlich blutverschmierte Brautkleid von Beck ist eine wirkungsvolle Metapher, Operateur Höppner sieht aus wie ein Metzger. Erbarmungslose Diagnosen und Beschreibungen von Verwundungen bestätigen dieses Bild. In der Pandemie haben auch wir Laien ein neues Wort gelernt: Triage. Der Kriegsarzt muss anhand seiner Einschätzung der Überlebenswahrscheinlichkeit entscheiden, wen er behandelt und wer dem Tod überlassen wird. „Am Ende wartet der Tod“, weiß auch Evi Kehrstephans ehrgeizige, manchmal gar kriegsbegeisterte Fotografin, die sich selbst unverletzbar fühlt. Der Tod trifft immer nur die anderen, glauben die vier Protagonisten. Bis dass auch sie der „Unfall“ trifft. Und für die Kämpfer auf dem Feld? Gibt es nur eine Alternative: „Mörder oder Kanonenfutter“. Dass Kriegsverbrechen, dass der Angriff auf zivile Ziele zur Strategie der Kriegsführung gehöre, stellt die Aufführung noch einmal klar. Blickt man auf Russland, blickt man auf Israel, blickt man auf die Hamas, blickt man auf die Drohungen Trumps im Iran-Konflikt, lässt sich das wohl kaum leugnen. „Die Friedenstaube wurde vom Himmel geschossen“, heißt es einmal.
Immer wieder unterbrechen Musik und Tanz die Aufführung im Kölner Depot 2. Tanzen sei im Krieg essentiell, sagt eine der Figuren. Anders könne der Körper den Stress nicht verarbeiten. Irgendwann entwickelt sich zu den entsetzlichen Gedanken der vier Figuren eine Choreographie zu einem Sound aus Schlägen und Maschinengewehrfeuer. Benjamin Höppner und Louisa Beck in ihrem blutbeschmierten Brautkleid erinnern an ein Marienbild. Schöne, schreckliche, kitschige, erschütternde Bilder flimmern zum Schluss über die Videowand.
Kaum ein Antikriegs-Schauspiel hat man je mit solcher Faszination und solchem Entsetzen verfolgt wie dieses merkwürdige Un-Stück, das Ayla Pierrot Arendt da auf der Basis von Susan Sontags Essay inszeniert hat. Dabei ist der Plot zweitranging. Aber vielleicht aber sind es die Bilder, die die Schauspieler allein mit ihrer Sprache in unseren Köpfen hervorrufen, die auf so gruselige Weise fesseln. Unsere Sensationslust ist jedenfalls befriedigt…