Übrigens …

Vergeltung im Köln, Schauspiel

Werte in Zeiten des Krieges

Gert Ledigs Roman Vergeltung (1956) beschreibt in nüchternen Worten, wie ein alliierter Luftangriff eine namentlich nicht genannte Stadt zerstört. Sein Buch wurde sowohl von der Kritik wie auch von der Leserschaft verrissen. Nun kam das Werk unter der Regie von Sebastian Baumgarten auf der Bühne des Kölner Schauspiels zur Uraufführung. Wir Zuschauer erleben ein Live-Hörspiel, bei dem man im dunklen Zuschauerraum sitzt und sich ganz auf das Berichtete und die Dialoge konzentrieren kann. Lediglich vier rote Lampen glühen, die am unteren Bühnenrand angebracht sind. Die Vorstellung der geschilderten Szenen und Bilder ist weitaus intensiver und – bei diesen Kriegsgräueln – schlimmer als jede Darstellung sein könnte. Einzelne Gruppenbilder, sogenannte Tableaux vivants, stellen einen Bezug zur Gegenwart her. Wir sehen eine beliebige U-Bahn-Station. Verschiedene Personen – Fans der Kölner Haie, Sicherheitspersonal, Penner u.a. – stehen regungslos da. Im letzten Bild sind die Personen als Zombies verkleidet und knüpfen so an das geschilderte Kriegsgeschehen an. Bedrohliche dunkle Fratzen auf Postern an den Wänden unterstreichen die düstere Atmosphäre. Ab und an sieht man durch einen geöffneten Vorhang die Schauspieler, die an einem Tisch stehen und die Live-Texte sprechen. Fiete Wachholtz unterstreicht manchen Text mit seinem Schlagzeug. Immer mehr verfolgt man – fasziniert und zuweilen abgestoßen - , wie der amerikanische Luftangriff auf die Großstadt, die gut Köln sein könnte (war dies doch 1944 der Fall) verläuft. Erst bewegen sich zahleiche US-Bomber auf die Stadt zu, dann fallen die Bomben. Ein Horrorszenario folgt. Wir erleben intensiv mit, was an verschiedenen Orten geschieht. Da ist der Funkraum mit dem Lehrer, der unbedingt zum Bahnhof will, um sein Kind noch einmal zu sehen. Wir hören das Ehepaar Cheovski, das sich festlich angezogen hat – auch wenn beide die letzten im Haus sind und das Unheil nicht abzuwenden ist. Da ist der Mann, der zusammen mit einem jungen Mädchen in einem Luftschutzkeller verschüttet ist. Und sie brutal vergewaltigt. Dann schneidet er sich die Pulsadern auf und stirbt. Auch das Mädchen stirbt. Ihre Stimme wird immer schwächer und verstummt schließlich. Dieser Abend trifft uns mehr ins Herz als manch TV-Bericht über den Krieg in der Ukraine oder in Gaza. Im Fernsehen sehen wir, wie ganze Städte zerstört werden, wie die Flüchtlinge ihre Heimat verlassen müssen. Und oft fällt der Begriff Vergeltung, wenn über die Notwendigkeit militärischer Intervention diskutiert wird.

Großes Lob ist dem Ensemble auszusprechen, das diesen intensiven Abend gestaltet: Nikolaus Benda, Rebekka Biener, Jonas Dumke, Elias Eilinghoff, Andreas Grötzinger, Leonhad Hugger, Hasti Molavian, Uwe Schmieder und Sarah Sandeh.

Ledigs Roman ist durchaus aktuell, zeigt er doch das wahre Gesicht des Krieges, das für die Betroffenen nur sinnlos und ungeheuerlich ist. Fritz Bauer, Generalstaatsanwalt, sagte einmal: „Nichts gehört der Vergangenheit an. Alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“ Was - ach so sehr - auch auf den Krieg zutrifft.