Übrigens …

Ruf des Lebens im Moers, Schlosstheater

Wann wird Pflichtbewusstsein zur Selbstaufgabe?

Ungewöhnlich für das beengte Verlies der Spielstätte wirkt die Bühne von Christian Blechschmidt: Ein heller Teppich sowie rundum große, hellgraue Vorhänge lassen den Raum fast großzügig erscheinen. Und konventionell: Sowas hatten wir gefühlt seit Jahrzehnten nicht am Schlosstheater Moers. Aber Schnitzlers Stück ist ja eigentlich auch eher old school. Oder?

Wohnlich ist es in diesem Ambiente eher nicht: Links blicken wir auf einen Vitaldaten-Monitor; Matthias Heße als Rittmeister Moser hat zu Beginn der Aufführung einen wenig aufregenden Blutdruck von 115/70. Das Holz auf dem Teewagen weist vielleicht auf den Förster Eduard Rainer hin, der auf eine seltsam distanzierte Weise um des Rittmeisters Tochter Marie wirbt. Nach seiner Beförderung zum Oberförster will er Marie in die weit entfernte Provinz entführen, und irgendwann hat ihn Marie wohl auch einmal geliebt. Das schmierige, seelenlose Dauerlächeln, das Florian Karger im Gesicht hat, weckt aber eher das Bedürfnis, dem jungen Mann einfach mal in die Fresse zu schlagen. Nicht nur deshalb sagt Marie ihm ab.

Als Täter zum In-die-Fresse-schlagen würde sich angesichts seines notorisch aggressiven Kommunikationsstils der miesepetrige Moser anbieten, doch der sitzt nun mal im Rollstuhl. Wieweit der unbestritten kranke alte Mann wirklich dem Tod geweiht ist, weiß man nicht so genau: Doktor Schindler meint jedenfalls, es könne schnell gehen, aber es könne auch noch gefühlte Ewigkeiten dauern. Einig sind sich alle: Je schneller der alte Tyrann den Löffel abgibt, desto besser. Er schikaniert seine Tochter auf unerträgliche Weise und würde die Hochzeit ohnehin verhindern. Marie hat in den vergangenen drei Jahren nur ein einziges Mal das Haus verlassen. Sie opfert sich auf in der Pflege ihres ungeliebten Vaters. Clara Pinheiro Walla wird zum schauspielerischen Zentrum in Jakob Arnolds Inszenierung: Sie leidet stumm, versagt sich Gefühlsregungen und scheint jede Hoffnung auf ein freudvolleres Leben aufgegeben zu haben. Sie wirkt introvertiert und resignativ und frisst das Gift der langsamen Selbstaufgabe in sich hinein. Wenn sie vom aktuellen Ausbruch neuer kriegerischer Auseinandersetzungen erzählt, berichtet sie vordergründig nüchtern. Doch dann spürt man ihr eine innere Betroffenheit an. Man könnte da schon ahnen, dass es in dieser Familie noch ein oder zwei Geheimnisse zu lüften gibt. Und das Gift wird auch noch zum Einsatz kommen: in ganz realer Form.

Was gibt es Neues von der Grenze?“, fragt Heßes Rittmeister, der ausnahmsweise mal nicht jammert oder kommandiert, sondern sich für die Tagespolitik interessiert. Es hat erste Tote gegeben: „Zum ersten Mal seit 30 Jahren hat der Boden wieder das Blut unserer tapferen Soldaten getrunken.“ - Das ist einer jener etwas schwülstigen Schnitzler-Sätze, die in der sprachlich sensiblen, aber eher niederschwellig daherkommenden Aufführung wie Fremdkörper wirken. Aber aktualisiert hat Jakob Arnold den Text von Arthur Schnitzlers Ruf des Lebens nur in homöopathischen Dosen. Zumindest was das Kriegsgeschehen angeht, vor dessen Hintergrund die Aufführung abschnurrt, erscheint in heutigen Zeiten, in denen der Krieg uns so nahe rückt wie seit Jahrzehnten nicht mehr, eine Aktualisierung tatsächlich überflüssig. Immerhin: Man hört – heute ganz unzeitgemäß – von Heldenmut, von Soldaten, die mit fliegenden Fahnen und Begeisterung in den sicheren Tod ziehen. So war das zeitgenössischen Berichten zufolge zu Beginn des 1. Weltkriegs 1914. Schnitzlers Stück stammt von 1906 und spielt Mitte des 19. Jahrhunderts.

Aber wir schweifen ab. Die Blauen Kürassiere marschieren am Fenster vorbei – „dieses todgeweihte Regiment.“ Es war dieses Regiment, es waren die Vorgänger der Blauen Kürassiere, die vor 30 Jahren zum letzten Mal den Boden mit ihrem Blut getränkt haben – nicht durch Heldenmut, sondern durch Feigheit: durch Flucht vor dem Feind. Jetzt zieht es erneut in den Krieg, wissend, dass niemand überleben wird. Man will die Schande von vor 30 Jahren tilgen. Der Leutnant Max ist einer der Soldaten. Ihn hat Marie geliebt. Seinetwegen will sie nichts vom Oberförster:innen-Dasein wissen. Im zweitenvon drei Akten wird der Oberst – ebenfalls gespielt von Matthias Heße – versuchen, Max vor dem tödlichen Kriegszug zu retten. Doch Max zieht in den sicheren Tod. Der Oberst bringt derweil seine eigene Frau um, denn die war Maxens Geliebte. Seien wir ehrlich: Dieser zweite Akt ist aus heutiger Sicht ein bisschen merkwürdig. Vielleicht deshalb kippt Catherine Elsens Irene nicht um, als ihr der Gatte in den Kopf schießt. Sie ist zwar tot, verlässt aber grummelnd den Saal.

Als Vaters Fundamentalopposition gegen seine Umgebung Risse bekommt, erfahren wir, dass er es war, der vor 30 Jahren die Blauen Kürassiere anführte. Er war es, der die Nerven verlor, der Angst bekam und die Flucht der ganzen Truppe auslöste. Vielschichtig ist der Ruf des Lebens. Mit dem sicheren – wahrscheinlichen? – Tod konfrontiert, ist der Rittmeister vor 30 Jahren desertiert. Mit dem sicheren – wahrscheinlichen? – Tod konfrontiert, ätzt und jammert der Rittmeister a. D. 30 Jahre später und macht seiner Tochter das Leben zur Hölle - am Schlauch im Krankenbett, aber immer noch lebensgierig. (Im Grunde wird das alte Ekel bei Matthias Heße zur tragischen Figur, als sein Schutzwall und seine Lebenslüge zusammenbrechen, die mutmaßlich zu seinem sozial unverträglichen Verhalten geführt haben.)

Rittmeister Moser folgt dem Ruf des Lebens mit rücksichtslosem Egoismus und wird dabei zur unsympathischen Figur. Schnitzler will den Titel seines Stücks vor allem auf Marie bezogen haben. Die vermag sie dem Ruf des Lebens nicht zu folgen, weil Pflichtbewusstsein, Opferbereitschaft und die Diktatur des toxischen Vaters sie daran hindern. Dabei wird sie zur unglücklichen Figur. Arnolds Inszenierung sucht den Königsweg zwischen Pflichtbewusstsein und Selbstverwirklichung und stellt die Frage nach der Grenze zwischen begrüßenswerter Opferbereitschaft und zerstörerischer Selbstaufgabe. Im Einklang mit Schnitzler sieht er dabei Parallelen zwischen der Verantwortung für das Gemeinwesen und die Familie. Marie ist in einer Zwickmühle. Nach anfänglichem Zögern bringt sie ihren Papa mit Wissen der anderen und Unterstützung durch Doktor Schindler (Linus Ebner) endlich um. Das Leben habe nach ihr gerufen, erkennt sie. In einer einzigen Nacht mit Max habe sie „Glück und Verzweiflung (erfahren), wie sie kein Mensch fassen kann.“ Geblieben jedoch ist ihr nur die Verzweiflung: Sie sieht sich nun als Mörderin ihres Vaters. Max ist tot, und dem dauergrinsenden Förster sagt sie erneut ab. Wie sie im Garten Blumen pflückt, vermittelt nicht den Eindruck, als kehre jetzt Frühling in ihr Leben ein. Die Schlacht ist verloren – die von Marie mit dem Leben, und die der Blauen Kürassiere auch.