Übrigens …

Aufzeichnungen aus einem weißen Zimmer im Stadthalle Mülheim/Ruhr

Wenn Schubladendenken Menschlichkeit ersetzt

Aufzeichnungen aus einem weißen Zimmer ist ein Blick in die Welt zweier Schwestern, die neurodivergent sind. D.h. sie verarbeiten Informationen aus der Umwelt anders, als es als Normailtät angesehen wird. Was eine andere Wahrnehmung bedeutet, also auch das Denken und die Reaktionen auf bestimmte Reize beeinflusst. Die hat auch Folgen für ihr Verhalten, für ihre soziale Interaktion. Sie verarbeiten eben Reize und Informationen aus der Umwelt anders, als es der gesellschaftlichen Norm entspricht.
Die
Aufzeichnungen aus einem weißen Zimmer erzählen von der Gefühls- und Gedankenwelt dieser Menschen, denen die Diagnose „Automat“ aufgedrückt wird. Wir lernen zwei Schwestern kennen, gespielt von Vanessa Czapla und Bettina Schmidt, die ihr Leben in der Familie, die zeitweise Zwangseinweisung in eine psychiatrische Klinik und ihre Erfahrungen dort und die Entlassung nach Hause schildern. Wobei der Gegensatz zwischen ihrem Bemühen, sich in die Welt der anderen einzufinden, kontrastiert wird mit dem fehlenden Verständnis von Eltern, Ärzten und Pflegern.
Die Bühne besteht aus einem großen weißen Raum. An den Wänden sehen wir Plakate, Fotos und Collagen aus Zeitschriften. Im Laufe des Abends wird diese Sammlung ständig von den Schauspielerinnen ergänzt. Sie sitzen an einem Tisch und schneiden weitere Bilder aus. „Ob wir Hexen sind, wissen wir nicht. Manche sagen ja, manche sagen nein.“ Ein junger Mann, gespielt von Samuel Sandriesser, erklärt, wie diese neurotypisch genannte Welt funktioniert –
zu der die Schwestern gehören. Sie werden von den Ärzten als „Automaten“ bezeichnet“ und zur Einnahme von Medikamenten gezwungen. Nur zu Weihnachten dürfen sie kurz zu den Eltern , dann werden sie wieder in dem trostlosen weißen Zimmer weggeschlossen. Nachts hören sie zuweilen Schreie in der Klinik. Ein weiteres Mädchen wird in das Zimmer gesperrt, das sie freundschaftlich aufnehmen. Das aber letztlich Selbstmord begeht.
Es ist ein bedrückender Abend, der veranschaulicht, wie Menschen, die nicht der Norm entsprechen, ausgegrenzt werden. Deprimierend zu sehen, wie eine der Schwestern immer wieder eine Topfpflanze umarmt, um so Trost zu finden. Verdeutlicht dies doch, was die Ausgrenzung mit diesen Menschen macht. Das Stück ist zeitlich nicht zu verorten. Und das passt zu dem Thema, das immer aktuell sein wird.
Im Publikumsgespräch nach der Aufführung in Mülheim outete sich Thirza Bruncken als Verfasserin des Textes. Anna Behringer ist nur ein Pseudonym. Das Publikum spendete reichlich Beifall, sowohl dem Ensemble als auch dem Inhalt, der niemand unberührt lassen kann. Die szenische Auseinandersetzung mit der Frage des „Andersseins“ und der oft daraus folgenden Ausgrenzung aus der Gesellschaft ist auch heute leider noch höchst aktuell in einer Gesellschaft, in der nicht für alle Platz zu sein scheint.