Gescheiterter Architekt der Versöhnung
Eine leere, unregelmäßige grauweiße Fläche zerstört die farbliche Harmonie der rechteckigen Rückwand, die Annette Kurz auf die Bühne gestellt hat. So sehen manipulierte Gemälde aus, von denen auf Geheiß eines Diktators die eine oder andere inzwischen in Ungnade gefallene Figur abgekratzt wurde. Der hässliche Fleck symbolisiert vielleicht das niedergebombte, fast ausradierte Deutschland unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg. Langsam nämlich füllt sich die Leerstelle. Zuerst erscheinen ganz blass die Umrisse eines Gebäudes. Unmerklich entsteht dann eine Siedlung; diese wächst sich aus zur Stadt. Ein kleiner Fluss ergänzt das Bild bald zur historischen Schwarz-Weiß-Idylle. Doch dann, wieder einige Minuten später, erkennt man: Die Stadt ist auf den Schädeln von Toten gebaut.
So grandios wie unaufdringlich ist diese Metapher für die Stunde Null, die unmittelbare Nachkriegszeit in Deutschland. Gleichzeitig wirkt sie geradezu klischeehaft und naiv - so naiv wie die Antisemitismusbeauftragte Beate, die in Avishai Milsteins Stück Play Auerbach! die Erinnerungskultur pflegen will. Mit großer Ernsthaftigkeit und viel Idealismus geht sie zu Werke – und wirft mit Floskeln, schief sitzenden Bemerkungen und Ungeschicklichkeiten um sich, die die Zuschauer zum Lachen reizen: Beate tritt in jedes Fettnäpfchen. Wie anders könnte es auch sein, blickt sie doch zurück aus der Perspektive von 100 Jahren nach Kriegsende auf das Ende eines Unrechts-Regimes, das die vollständige Vernichtung des Judentums in Europa zum Ziel hatte. Im Jahre 2045 gibt es in Deutschland keine Juden mehr. Die wenigen, die im Land geblieben sind, bemühen sich, nicht aufzufallen. Theater gibt es übrigens auch nicht mehr. Beate will beides retten, die Erinnerungskultur und das Theater: mit einer Laienspielschar und einer Revue, die die Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager im Jahre 1945 und die Rückkehr jüdischen Lebens nach Deutschland feiert. Unerwartet betritt Rafael Kuhn den Raum und beansprucht die Hauptrolle im Laien-Stück. Er wird sich bald als Jude entpuppen. Als echter Jude - das kann nur zu Verwicklungen führen…
Der Schauspieler Samuel Finzi, der in der Uraufführung von Avishai Milsteins Play Auerbach! (einem Auftragswerk der Münchner Kammerspiele) den Rafael Kuhn und den Philipp Auerbach, die Hauptrolle im Stück im Stück, spielt, ist ebenfalls Jude. Er entpuppt sich in der Inszenierung von Sandra Strunz als unumstrittener Player of the Match. Die Taktik, mit der das Leitungs-Team das Match angeht, ist allerdings ein Ritt auf der Rasierklinge. Die Peinlichkeiten, die der von Wiebke Puls gespielten Antisemitismusbeauftragten Beate programmgemäß unterlaufen, unterlaufen nämlich auch der Inszenierung. Sie werden von Finzi souverän aufgefangen und gekontert.
Finzi spielt im Laienspiel hochprofessionell den Titelhelden Philipp Auerbach, einen im kollektiven Gedächtnis zu Unrecht vergessenen Juden, der nach dem Krieg von den Amerikanern in München als „Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte“ eingesetzt wurde. Man sollte denken, dass das ein Posten wie gemalt war für den realen Philipp Auerbach, war dieser doch geradezu „versöhnungsbesessen“, wie die Moderatorin Eva Behrendt es im Künstlergespräch im Anschluss an das Gastspiel bei den Mülheimer Theatertagen ausdrückt. Auerbach vermittelte jüdischen „Displaced Persons“ Visa für die Ausreise in die USA und nach Palästina, doch sein vorrangiges Ziel war es, die Juden wieder in die deutsche Gesellschaft zu integrieren und ein respektvolles, vorurteilsfreies Miteinander zu schaffen. Dann, so lautete Auerbachs Credo, werde die Judenfrage obsolet. Auerbach aber stößt auf Widerstände, und zwar verblüffenderweise nicht nur in der deutschen Politik, sondern auch beim Weltjudentum. 1952 wird er wegen verschiedener, in der weit überwiegenden Mehrzahl sich nicht bewahrheitender Vorwürfe (immerhin muss er den Missbrauch akademischer Titel einräumen!) vor Gericht gestellt und von Richtern, die auf eine eigene Nazi-Vergangenheit zurückblicken, verurteilt. Er nimmt sich das Leben.
Auerbachs vergessene Geschichte ist eine, die unbedingt erzählt werden muss. Ob die Art und Weise, wie sie von Avishai Milstein und Sandra Strunz erzählt wird, optimal ist, lässt sich sicher kontrovers diskutieren. Milstein wählt die Form einer Revue. Das entspricht der Naivität der zweiten Hauptperson, der Antisemitismusbeauftragten aus dem Jahr 2045. Die empörende Geschichte der gescheiterten, von Alt-Nazis und neuen deutschen Nationalisten unterminierten Reintegration der Verfolgten in die deutsche Nachkriegsgesellschaft als revueartiges Musical zu erzählen, ist eine bitterböse Volte; sie durch die Wiedergabe durch ein Laientheater-Ensemble, das 100 Jahre später keine rechte Vorstellung vom Judentum mehr hat und voller Vorurteile steckt, zu spiegeln, ist ein interessantes Konzept. Beides birgt aber auch die Gefahr der Verharmlosung.
Diese Ambivalenz spiegelt sich auch in der Musik wider: Da gibt es viel Swing, da gibt es Anklänge an die Kabaretts und Revuen der 1920er und 1930er Jahre (Erika und Klaus Mann und die Münchner Pfeffermühle werden zitiert), manche Songs und Texte erinnern an Brecht und Weill; Annika Neugart begeistert mit großartig gesungenen Chansons. Das ist zuweilen ziemlich unterhaltsam – zu unterhaltsam für eine Aufführung, die letztlich den ungebrochenen Antisemitismus in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg ebenso thematisiert wie sie auf das Wiedererstarken judenfeindlicher Tendenzen in der Gegenwart hinweist. Eine Stunde lang zieht sich die Aufführung dahin – mit Gags der Laienspielgruppe (die von André Benndorff, Edmund Telgenkämper und Martin Weigel humorvoll gespielten, etwas tumben Amateur-Schauspieler hören auf die Namen Heuß, Lübke und Honecker, ohne dass sich daraus politischer Zündstoff ergibt), mit Liedgut und harmlosen Streitereien. Erst dann gewinnen einzelne Szenen an Dichte und politischer Relevanz.
Eine Nummern-Revue bleibt die Aufführung trotzdem. Allzu viele historische Figuren hat Avishai Milstein in seine Erzählung eingebaut: eine der Realität wohl kaum entsprechende, zickige Karikatur von Hannah Arendt vertritt die Forderungen weiter Teile des Weltjudentums, alle Menschen jüdischen Glaubens und alle jüdischen Vermögensgegenstände aus Deutschland herauszuschaffen. Emmy Göring, nicht minder zickig, klagt auf Restitution ihres Vermögens. Therese Giehse (erneut großartig: Annika Neugart) und Otto Falckenberg treten auf. Theodor Herzl, Moses und (wichtig, weil Auerbachs Gegenspieler in der Münchner Politik) der bayerische Justizminister Josef Müller haben – meist karikaturhafte – Auftritte. Das ist alles ein wenig unrund und wenig stringent, zumal die Satire allzu häufig ins Klamaukige abgleitet. Finzi, so hat man den Eindruck, begreift das und meistert all die Klippen souverän. In Erinnerung bleibt die Szene, als Justizminister Müller und seine Adlaten Auerbach durch Jodeln und Schuhplattlern mundtot zu machen versuchen. Das wirkt ziemlich albern. Auerbach bleibt nichts anderes übrig, als sich irgendwann in den bayerischen Folklore-Tanz einzureihen. Finzi zeigt dieselben Bewegungen in selben Rhythmus wie die anderen. Doch er vermittelt trotzdem seine Distanz und deckt die Lächerlichkeit und Provinzialität seiner Gegenspieler auf.