Kuschelrock gegen Überforderung
Während des Einlasses sind sie schon da, die beiden Protagonisten. Ein mannsgroßes grellpinkes Kuscheltier, auf dessen langflorigem Body ein Stoffschweinchen mit Schlabberohren über einem blassgeschminktem Gesicht hockt. Entspannt räkelt es sich auf einer weißen Ziehharmonika-Balustrade, die sich quer durch den Bühnenraum zieht. Davor, ein wenig verloren, ein junger Mann, der darauf zu warten scheint, dass wir Platz nehmen, denn in der Tat sind wir sein vornehmlicher Ansprechpartner des Abends.
Dann ist es so weit. Surrende, gurrende Geräusche tönen aus dem Off. Unser Gegenüber bohrt sich versonnen in der Nase. Viel später wird er uns erklären, dass das Wegschnippen eines Popels für größere Aufmerksamkeit sorgt, als die „schonenden Verfahrenstechnologien zur Trennung von Nebengestein und Wertmineral abiotischer Rohstoffe“ es vermögen.
Da haben wir schon die ganze Bandbreite der Problematik unseres Helden, oder besser, Antihelden. Einerseits seine menschliche Einsamkeit, Hilflosigkeit und Überforderung, andererseits sein Leiden an der Welt, deren Gefährdung und Bedrohung er hoch wissenschaftlich als Doktor der Geologie und Mitarbeiter des Bundesforschungsinstituts durchschaut und sich doch mehr und mehr an seinem Einsatz verheddert. Großartig, wie Torben Kessler in der Figur des Doktor Aaron Smykalla den verbissenen Nerd ebenso überzeugend wie das überalterte Kind auf die Bühne bringt. Dafür ist der blitzgescheite, sprachwitzige Text der Autorin Caren Jeß, der in dieser Inszenierung zur Uraufführung kommt, die allerbeste Voraussetzung. Bei ihr dürfen alle sprechen, die Kuscheltiere wie selbst die Erde – die allerdings nur aus dem Off. Schade, dass die Regisseurin Marie Bues darauf verzichtet, manche skurrile Szene erspielen zu lassen. Auch Meike Mondscheins Bühne bleibt ungenutzt. Ganz gleich, ob es sich um einen Schweinestall oder einen Kongresssaal handelt, wir müssen ihn uns selbst dazudenken. Hübsch allerdings die Idee, die spießig-konservativen Eltern, ein evangelikales Pastorenpaar, als Handpuppen hinter einem echten Klavier auftreten zu lassen. Ihr gutgemeintes Bemühen, den komplizierten, queeren Sohn zu verstehen, kommt allerdings bei dem nicht an. So wird der sorgenvolle Rat des in Gott verliebten, verklemmten Vaters, dass er sein „Herz nicht an Dinge hängen“ solle, gekontert mit seiner Liebe zu dem „bakterienversifften Lump der Liebe“, dem Kuscheltier mit Namen Tupper, das er überall mit hinnimmt, es herzlich liebkost und doch als „ Bündel voll verbrauchtem Sauerstoff und Körpersaft“, als Schweißtampon und dreckige Faseragglomeration bezeichnet. Zweifellos ist Tupper auch ein potentiell gefährliches Faszinosum für Aaron, da es zwar nicht wie seine zuvor geliebte Haustiersau wegsterben wird, wohl aber aus Polyester besteht, und ihn damit auf das Problem des Plastikmülls und Bergbauabfalls stößt und zur Geologie führt. Das Tupper damit Aaron seinen Beruf und einen Teil seiner Identität verschafft, bemerkt Caren Jeß im Programmheft.
Auf der Bühne ist Tupper (herrlich skurril: Cino Djavid) der agilste Teil, er ist Freund, Assistent und Berater, kommentiert, kritisiert und ironisiert den verunsicherten Menschenfreund, spielt auch mal eine zu Herzen gehende Melodie auf dem Klavier und tanzt oder wälzt sich zu Kuschelrock aus dem Off.
Vergeblich versucht auch seine erste und einzige Freundin Anouk (temperamentvoll: Cennet Voss) die nicht aufhört, ihn in die Realitäten des Alltags zu holen, ihn zu stabilisieren. Am Ende macht er sich selbst zur tragikomischen Witzfigur auf einem Kongress, bei dem er auch Tupper verlieren wird undes bleibt nur das ungeliebte Elternhaus als grotesker Unterschlupf. Jubelnder Beifall